Technik verändert den Rahmen

Auch bei intelligenten und Technik-affinen Leuten begegnet mir immer noch die Sichtweise, dass heutzutage technisch alles möglich sei und man deshalb nur Ziele bestimmen und einen Rahmen vorgeben muss, den man dann getrost Technikern (“Code Monkeys”) mit dem Auftrag der Realisierung überlassen könne.

Es herrscht also immer noch die naive Sichtweise vor, Planung eines Rahmens und Umsetzung dieses Rahmens sei eine Einbahnstrasse. Planung sei eine anspruchsvolle und technische Umsetzung sei eine niedrigere, weniger anspruchsvolle Tätigkeit, weil der Techniker ja nur das tun muss, was man ihm sagt. Das schlägt sich auch in den Tarifgruppen des öffentlichen Dienstes nieder. Die Planer werden viel höher dotiert als die Macher. Das ist eine in Paragraphen gegossene Technikfeindlichkeit. Mal sehen, wie lange sich eine Gesellschaft das leisten kann.

Diese gesellschaftliche akzeptierte Sichtweise ist so weit weg von der Realität, dass man sich wundert, wie sie sich solange aufrecht erhalten kann. Es handelt sich hier um einen schwerwiegenden Realitätsverlust. Niklas Luhmann: “Gesellschaft ist ein Codex von Regeln zur Wahrnehmungsreduktion.”

Die Realität ist eine völlig andere: Technik verändert heute den Rahmen, und zwar so massiv, dass es doch augenfällig sein muss. Das Internet-Technik hat die Gesellschaft auf globaler Ebene so schnell verändert wie nichts zuvor. Hat das etwa irgend jemand geplant?

Alle Ideologien zuvor hatten dagegen ein Schneckentempo. Mobile Kommunikationstechnik verändert unsere Art zu leben derart massiv, dass man das doch nicht mehr übersehen kann.

Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen: Technik verändert den Rahmen, die Planung, die Verhaltensweisen, die Gehirne, die Menschen.

Der Erfolg von Wissenschaft und Technik in der Vervielfältigung der technischen Möglichkeiten hat den Realitätsverlust sogar noch verstärkt: Weil scheinbar alles möglich ist, könne man sich mehr auf das Planen fokussieren und die Technik noch mehr nach hinten schieben, herausfaktorisieren, industrialisieren, fließbandisieren und dümmeren Fließbandarbeitern überlassen. Gunter Dueck als IBM-Manager beschreibt eindrucksvoll, welche schmerzhaften Erfahrungen IBM machen musste, um diesen Irrtum zu durchschauen. Die Realität sieht nämlich anders aus: Bei der technischen Umsetzung wird schnell klar, dass die Planer ihre Arbeit nicht gemacht haben oder überfordert waren. Bei der Umsetzung werden viele Unvollständigkeiten, Inkonsistenzen, aber auch Überspezifikationen und Fehler offenbar. Die technischen Umsetzer werden zu Mädchen für alles, weil sie die Lückenhaftigkeit der Planer ausbügeln müssen. Dann ufert technische Umsetzung schnell aus zu Support, Benutzerschulung, Rechts- oder Kommunikationsberatung. Das ist vielfache Praxis, aber in keinem Projektmodell vorgesehen.

Mal sehen, wie lange eine Gesellschaft sich einen solchen Realitätsverlust leisten kann…

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Google Such-Ausbildung

Google investiert in die Ausbildung, die Google-Suchmaschine besser zu bedienen (“Search Education for Schools“). “Wir lehren Suche (we teach search)” sagt die erste Sprecherin des Videos:

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In ihrem Video “Google Search Education” sprechen die Google-Mitarbeiter von der nächsten digitalen Zweiklassengesellschaft (“the next digital divide“): Die einen können die Google-Suchmaschine bedienen, die anderen nicht. Diejenigen, die wissen, wie man die Google-Suchmaschine bedient, können aus dem Überangebot an Informationen im Internet etwas Sinnvolles herausholen und kritisch die Dinge hinterfragen. Google will kritische Denker, so das Video.

In seinem Blog “The PKM value-add” geht Harold Jarche auf die Rollen der Suche (Seek), Sinngebung, Wertebildung (Sense) und des Teilens (Share) sein: Zitat:

Das geht weit über “Search Education” hinaus. “Search Education” ist nur der Anfang. Daran schließt sich die Wertebildung und Sinngebung an. Wenn man das Gefundene nicht bewertet und bündelt, bleibt es nur ein Haufen Datenmüll. Wenn man den tieferen Sinn, den man gefunden hat, nicht weiter gibt und mit anderen teilt, bleibt es isoliert und hat keine Ausstrahlung.

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Prä-Trans-Verwechslung des forschenden Lernens

Dr. Matthias Merkl berichtet in seinem Artikel mit dem Titel “Wir kennen keine Regel – Von der Rechtschreibung zur Schlechtschreibung an deutschen Schulen” in der Zeitschrift “Forschung & Lehre 4/12″ vom Mainstream der Didaktik-Forschung und ihrer Wirkung für die nächste Generation wie folgt:

Unsere einflussreichsten Didaktiker haben festgestellt, dass forschendes Lernen essenziell ist. Daher haben sie durchgesetzt, dass diese Art des Lernens so früh wie möglich an deutschen Schulen praktiziert wird. Statt unsere Kinder in der Grundschule Regeln pauken zu lassen, z.B. Adjektive werden klein und Substantive groß geschrieben, wird geforscht: Die Schulklasse bekommt ein Blatt Papier mit 200 Worten und muss selbst herausfinden, was groß und was klein geschrieben wird.

Dr. Merkl sieht in der so praktizierten Ideologisierung des forschenden Lernens die Hauptursache des Verfalls der Sprach-Kompetenzen in Deutschland.

Welchen Fehler haben die Didaktiker, die diese Richtung vertreten, gemacht? Sie sind auf folgende Prä-Trans-Verwechslung herein gefallen:

Der Spracherwerb erfolgt in mehreren Schritten. Dabei spielt die Stufe, die mit dem Lernen der Regeln zu tun hat, eine wichtige Rolle. Die syntaktische Korrektheit überprüfen zu können gehört zum Spracherwerb eindeutig dazu. Das wird auf der Regel-Stufe gelernt, die nicht übersprungen werden darf. Sie darf allerdings auch nicht die letzte Stufe des Spracherwerbs sein. Sonst wird Sprache verabsolutiert wie bei Wittgenstein 1 “Nur sagen was sich sagen lässt. Über alles andere muss man schweigen”. Aus dieser Falle der Sprachlosigkeit und des Totschweigens führt Wittgenstein 2 mit seinen “Wittgensteinschen Sprachspielen“, das Spielen mit neuen Worten, neuen Begriffen, neuen Formulierungen, Zerlegungen und Rekombinationen. Jedes Jahr finden ein paar wenige neue Begriffe Eingang in den Duden. Im englischen Sprachraum sind es viel mehr. Die Innovationskraft eines Kulturraumes zeigt sich auch in der Sprache.

Die erforschende Denkweise der “Wittgensteinschen Sprachspiele”, mit der die Grenze des Sagbaren ständig ein Stückchen verschoben wird, ist zweifelsohne essenziell. Das Ringen um Worte, um gute Formulierungen, um gute Darstellungen gehört zur Weiterentwicklung.

Die Prä-Trans-Verwechslung besteht im Überspringen der Regel-Stufe. Man fängt mit dem “Wittgensteinschen Sprachspiel” schon im Kindergarten an. Dadurch bekommt Sprache, Ausdruck und Darstellung etwas von Beliebigkeit. Erforschender Umgang mit Sprache ist zwar essenziell. Darin haben unsere Didaktiker Recht. Es ist jedoch die letzte Stufe des Spracherwerbs (Trans-Stufe). Wenn man deren Praktik auf die erste Stufe des Spracherwerbs verlagert (Prä-Stufe) kommt es zu den Problemen, mit denen wir uns nun als Gesellschaft konfrontiert sehen, der “Schlechtschreibung”.

Unsere Welt verändert sich andauernd. Wenn sich unsere Sprache nicht verändern würde, wäre das ein schlechtes Zeichen: Dann hätten wir keine Worte für das Neue. Es würde sich unserer Kommunikation und Wahrnehmung entziehen. Kindergarten-Worte sind dafür jedoch keine Lösung.

Sprache ist auch ein Codex von Regeln zur Kommunikationsreduktion (Niklas Luhmann). Die Grenzen zu verschieben ist sicher ein wichtiger Aspekt. Wenn man diesen jedoch verabsolutiert und bereits in den Kindergarten verlagert, haben wir etwas falsch verstanden.

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Wissen ist in Wirklichkeit ein Haufen Vorurteile

Wissen ist in Wirklichkeit ein Haufen Vorurteile.
Und das wird vermutlich eine Weile so bleiben.

Einstein: “Das Universum ist endlich.
Bei der menschlichen Dummheit bin ich mir da nicht so sicher.”

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Kultur-Maschine-Co-Design

In der Softwareentwicklung ist der Fokus zu sehr auf die Maschine gerichtet. Der Mensch liegt quasi im blinden Fleck der Betrachtung. Gunter Dueck nennt als Beispiel Fachbildschirm-Rückseitenberatung: Man hat beim Design der Formulare für den Autoverkäufer vergessen, dass dieser beim Autoverkauf im Gespräch mit seinem Kunden ist, der nur die Rückseite des Flachbildschirms sieht. An ein Display für den Kunden wurde nicht gedacht. Die Gesprächssituation wurde nicht mit modelliert. Wie kann einem professionellen System-Designer so etwas passieren?

Nicht die Formulare müssen durchstrukturiert werden, sondern die Gesprächssituation, der größere Kontext. Der Mensch muss aus dem blinden Fleck heraus mit in den Fokus gerückt werden. Man könnte in diesem Sinne von einem Mensch-Maschine-Co-Design sprechen.

In großen Organisationen ist es auf konventionellem Wege fast unmöglich, einheitliche Standards, Workflows und Methoden organisationsweit zu verankern, so dass sie auch einheitlich gelebt werden. Mit der Einführung der EDV wurde diese Verankerung so nebenbei quasi geschenkt, ohne dass man große Worte darum machen musste. Die Systeme wurden dabei intensiv beobachtet und erforscht, weniger jedoch die Kultureffekte: Was machen die neuen Systeme mit den Menschen, mit ihrer Kommunikation und Kultur? Das muss im Ganzen betrachtet werden. Man könnte in diesem Sinne von einem Kultur-Maschine-Co-Design sprechen.

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Klassengröße = 1 Milliarde

Education@Google: Class Size = 1 Billion, MIT OpenCourseWare’s Goal for the Next Decade

http://www.youtube.com/watch?v=S2PqRN1mK94

Der Titel spricht für sich.

Aus dem Text zum Video:

“Ten years ago, MIT helped launch a revolution in access to education when it announced it would place the core teaching materials from its entire curriculum online for anyone to use at no charge. Today, MIT OpenCourseWare shares materials from more than 2,000 MIT courses and more than 250 universities around the world have joined MIT in publishing their own course materials openly. Sites like YouTube.edu, Khan Academy, OpenStudy.com have emerged to explore this new territory of informal online learning. In December, MIT announced a new online learning initiative, MITx, which will offer a portfolio of free courses through an online learning platform that features interactivity and assessment.”

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Verantwortung als Schlüsselkompetenz im Mittelpunkt unseres Bildungssystems

Wir leben heute im Zeitalter der Verantwortungsdiffusion. Daran ist nicht zuletzt die steigende Komplexität schuld: (1.) In komplexen Systemen ist die Verteilung und Klärung der Verantwortlichkeiten naturgemäß komplexer. (2.) Das Problem der ungeklärten Verantwortlichkeiten ist häufig die Wurzelursache vieler Missstände. (3.) Verantwortung ist auf mehr Schultern verteilt, daher für den Einzelnen weniger spürbar.

Man kann nur ändern, was man spürt.

Viele gesellschaftliche Trends führen heute von Verantwortung weg, ja sie trainieren den Menschen Verantwortungsbewusstsein regelrecht ab:

  • Die Abgabe persönlicher Verantwortung an ein System, egal welches, entlastet die Person, reduziert jedoch gleichzeitig Wachsamkeit und Verantwortungsbewusstsein und die Chance, daran zu lernen und zu reifen.
  • Die Regelungsdichte ersetzt zunehmend wachsames Verantwortungsbewusstsein. Folge ist stumpfes, mechanisches Regelbefolgen.
  • Bei höherer Regelungsdichte wird die Wahrscheinlichkeit für eine Regelverletzung größer. Die Angst davor, Regeln zu verletzen und schuldig zu werden, ist ein Verhinderer für Verantwortungsübernahme.
  • In komplexen Systemen stecken häufig Regel- und Zielkonflikte, die der Einzelne ausbaden muss, solange diese auf Systemebene nicht ausgeräumt sind. Die systemisch bedingten Konflikte wirken ebenfalls als Verantwortungsverhinderer.
  • Computerspiele trainieren Reaktionsvermögen und Problemlösekompetenz. Folge ist kalte Intelligenz, jedoch nicht Verantwortung.
  • Kinder verbringen heute mehr Zeit mit ihrem Computer als mit ihren Eltern. Welche Wirkung hat das?

Das Bildungssystem muss eine Gegenkraft entwickeln, die diesem Trend entgegen wirkt. Das käme einer Renaissance von Verantwortung gleich. Sie sollte als zentrale Schlüsselkompetenz in den Mittelpunkt unseres Bildungssystems gerückt werden.

Verantwortungsbewusstsein erhöht die Wachsamkeit und bietet die Chance zum Klarlernen (unser Blogtitel) und zur Reifung. Verantwortung ist ein Indikator für den Reifegrad.

Es gibt Verantwortung für sich selbst, für seine Mitmenschen, für seine Schulklasse, für seine Mitstudierenden, für seine Familie, für seine Firma, für sein Unternehmen, für seine Hochschule, für die Gesellschaft und schließlich für die Biosphäre und den Planeten Erde.

Verantwortung gilt es als Schlüsselkompetenz für das Bildungssystem wieder zu entdecken und zu beleben.

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OpenEmpowerment als hochschul-didaktisches Leitbild

Versuch einer Geschichte und Zukunft der Hochschul-Didaktik in 5 einfachen Schritten:

1. Akademisches Studium hat sich in der Vergangenheit hauptsächlich um Theorien und kognitive Landkarten gedreht: Diese werden von den Dozenten in der Vorlesung gepredigt, von den Studierenden angeeignet und in der Prüfung abgefragt. Theorien können richtig oder falsch, konsistent oder inkonsistent, vollständig oder unvollständig, nützlich oder irreführend sein, wie uns post-post-moderne Meta-Theorien z.B. von Prof. Dr. Dan Ariely in „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“ oder Dr. Ben Goldacre in „Bad Science“ an eindrücklichen Beispielen erläutern. Leider kommt dieser Teil der Selbstanalyse der Wissenschaft im Studium so gut wie nicht vor. Das hat seine Gründe, siehe z.B. Pierre Bourdieu: „Homo academicus“.

Solchermaßen „gebildete“ Studierende eignen sich gut für den Selbsterhalt des akademischen Betriebs, allerdings weniger für „das reale Leben“, für die reale Berufswelt. Konzepte im Kopf zu haben, vielleicht sogar nur im Kurzzeitgedächtnis für die nächste Prüfung, ist keine wirklich nützliche Vorbereitung auf das Berufsleben. Daher wurden immer mehr kritische Stimmen laut. Also musste eine Reform initiiert werden. Das war einer von vielen anderen Impulsen für die Bologna-Reform.

Wir leben angeblich in einer Wissensgesellschaft. Das Wissen der Menschheit, jedenfalls das auf dem Papier und erst recht das im Web, explodiert regelrecht. Und dennoch wird die Gesellschaft immer unreifer und das Schulwissen immer unzureichender. Woran liegt das?

Das Wissen in Form kognitiver Landkarten hat einen Haken: Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Das Wissen ist nur ein „Wissen über“, kein Erkunden in der Realität selbst.

Wenn man das Wissen anderer einfach nur platt kopiert, nimmt man sich selbst die Chance der Erkenntnis und des eigenen Wachstums.

Hochschule ist keine Kopieranstalt. Die Industrialisierung der Bildung darf sie auch nicht dazu machen.

2. Dann kam es zur Bologna-Reform. Diese war nur für 10 Jahre geplant, hat jedoch im Jahre 2009 schon ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert und immer noch nicht ihre Ziele erreicht. Daher wird fleißig weiterreformiert.

Bologna will mit den Impuls-Konzepten „Employability“ und „Kompetenzorientierung“ Orientierung geben.

Employability ist dem Umstand geschuldet, dass die meisten (95%?) Studierenden hinaus ins reale Leben gehen und nicht im akademischen Betrieb verbleiben. Daher ist der Hochschule-Bildungsbetrieb falsch ausgerichtet und bedarf einer Korrektur. Das Employability-Impuls-Konzept will, dass Hochschulen primär für die berufliche Praxis ausbilden und nicht für den Verbleib im akademischen Betrieb.

Kompetenzorientierung ist dem Umstand geschuldet, dass Wissen und Können verschieden sind: Kognitive Landkarten alleine reichen nicht. Um etwas zu können, muss man mehr verinnerlicht haben, als nur Wissen. Absolventen, die, wenn sie nachhaltig „gelernt“ haben, Theorien und kognitive Landkarten aus dem Studium im Kopf haben, verfügen damit noch lange nicht über ein Können, das ihnen in der beruflichen Praxis wirklich weiter hilft.

3. Emotionale Kompetenz als Schlüssel: Prof. Dr. John Erpenbeck sieht in der emotionalen Kompetenz den Schlüssel zur Employability. Wenn es die kognitiven Landkarten nicht bringen, sollen es die Emotionen tun. Zur emotionalen Kompetenz verhelfen uns Erlebnispädagogik und Erfahrungsdidaktik.

4. OpenEmpowerment: John Erpenbeck versteht unter Kompetenzen die Fähigkeiten, in unerwarteten (zukunfts-) offenen Situationen kreativ und selbstorganisiert zu handeln. Bildung geht nachhaltiger über Verhaltensveränderung als über Wissensanreicherung, wie Forschung in der Verhaltensökonomie (behavioral economics), Marketingforschung ebenso wie Psychotherapieforschung gezeigt haben. Das Ziel ist also klar: Bildung soll Menschen ermächtigen, in unerwarteten (zukunfts-) offenen Situationen kreativ und selbstorganisiert zu handeln. Das Konzept „OpenEmpowerment“ von Prof. Dr. Gunter Duck passt hier gut, Erläuterungen dieses Konzepts siehe im Artikel von Dueck. Es geht um eine Ermächtigung für Zukunft. Von Zukunft wissen wir nicht, wie sie sein wird. Die nächsten Generationen sollen jedoch nicht hilflos den kommenden Problemen ausgesetzt sein, sondern ermächtigt, die lösbaren Probleme lösen und diese von den unlösbaren unterscheiden zu können. Dazu braucht es Wissen und Können.

OpenEmpowerment ist ein umfassenderes Konzept für Hochschulen und Hochschul-Didaktik. Es ist mehr als nur kognitive Landkarten. Es ist auch mehr als emotionale Kompetenz.

5. Die Ermächtigung zum kreativen und selbstorganisierten Handeln enthält noch keine Aussage über den Reifegrad und die Wirkungsqualität dieses Handelns. Auch unreifes Handeln kann kreativ und selbstorganisiert sein. Auch egozentrisches Handeln kann kreativ und selbstorganisiert sein. Hier fehlt mal wieder die Dimension der Reife. Dabei war Reife einmal das zentrale Thema der Bildung. Abitur hieß mal „Reifezeugnis“. In Österreich sagt man noch das lateinische Wort „Matura“ dazu. Wie konnte die Bildungsdiskussion ihr eigentliches Herz vergessen? Siehe dazu auch meinen Blog-Eintrag vom 24.05.2011.

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Intrinsisch ist nicht immateriell

In ihrem Artikel „Zur Professionalität von Hochschulleitungen im Hochschulmanagement: Eindrücke und Erklärungsversuche aus einer Interviewserie des MogLI-Projekts“ in der Zeitschrift „Das Hochschulwesen“ (HSW), 59. Jahrgang, Heft 4, 2011, berichten die Autoren Becker, Tassen, Wild und Stegmüller über einige überraschende Inkonsistenzen, die sie bei den Interviews mit Hochschulleitungen erlebt haben.

In den Interviews wurde den Autoren klar, dass Hochschulmanager i.d.R. den Unterschied zwischen „immateriell motiviert“ und „intrinsisch motiviert“ gar nicht kennen, beide Begriffe in einen Topf werfen und dementsprechend zu Fehlsteuerungen bei der Motivation ihrer Mitarbeiter neigen.

Daher hier ein paar Sätze zur Klärung:

Immaterielle Motivationsanreize sind z.B. lobende Presseartikel über Dozentinnen und Dozenten, Lehrpreis, Ehrungen, etc.

In Wikipedia kann man lesen „Intrinsische Handlungen, auch autotelisch genannt, sind eigenbestimmt und brauchen deshalb keine Anstöße von außen.“. Offenbar muss man hinzu fügen, um diesen Punkt deutlich zu machen: „… keinerlei Anstöße von außen, auch nicht immaterielle.“

Hochschule war mal der Ort prädestiniert in der Gesellschaft für intrinsische Motivation und autotelisches Handeln. Man wurde Professor/Professorin aus Interesse, aus Freude, aus Begeisterung, aus Leidenschaft. Auch heute gilt: Die begeisterte Professorin, die die Begeisterung für ihr Forschungsgebiet vermitteln kann, ist die beste Professorin. Eine solche Professorin muss nicht wie eine Mitarbeiterin in einem Unternehmen motiviert werden. Sie hat die Motivation schon.

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Bologna-Stress

Soeben flattert mir die Broschüre „Rückenwind: Was Studis gegen Stress tun können“ des Karlsruhers Institut für Technologie (KIT) auf den Schreibtisch (zum Download hier): In der Zeit „nach Bologna“ hat sich der Stress für Studierende deutlich erhöht. Sowohl die Studienabbruchquoten als auch das Volumen der an Studierende verordnete Antidepressiva sind signifikant gestiegen. Daher wird die Broschüre „Rückenwind“ empfohlen, die zeigt, wie mit den Anforderungen des Studiums gesund und produktiv umgegangen werden kann.

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Zusätzlich empfehle ich ein genaueres Eingehen auf die Frage „Mache ich wirklich das, was ich wirklich tun will?“. Falls die eigenen Antworten auf diese Frage zu banal sind („Jetzt würde ich lieber Schokolade essen…“) kann man es auch mit der Frage „Machen wir wirklich das, was wir wirklich tun wollen?“ versuchen, wobei „wir“ verschiedene Bedeutungen annehmen kann: meine Lerngruppe, meine Hochschule, „die Gesellschaft“ oder gar „die Menschheit“. Die Arbeitswelt verlangt nach mehr kompetenten Führungskräften, die kompetent führen können, weil ihr Wille einen gewissen Reifegrad hat. Das Bildungssystem soll möglichst viele solcher reifen Persönlichkeiten ausspucken. Dabei wird während der gesamten Bildungszeitspanne höchst selten danach gefragt, was der Auszubildende, der Schüler, der Student eigentlich will. Damit wird dieses wesentliche Bildungsziel der Freizeit überlassen.

Außerdem empfinde ich die Lektüre von Gunter Duecks Omnisophie als sehr hilfreich, z.B.

Hilfreich finde ich auch das Konzept der „Neurotisierenden Optimierung“ aus Gunter Duecks Kolumne „DUECK-BETA-INSIDE“ im Informatik-Spektrum, Volume 34, Number 2, 214-219. Der Artikel beginnt mit den Sätzen „Wer andere öfter ‚Hör auf damit‘ sagen hört, hat das Maß überschritten. Das Management unserer Zeit übertreibt es mit dem Gewinnstreben.“ Das entspricht dem Wort des Turing-Award-(Das ist der Nobelpreis für Informatiker)-Preisträger Alan Kay: „Don’t optimize what is in the center of your interest.“

Hinzufügen könnte man, das Bildungsmanagement übertreibt es mit der Outcome-Orientierung. Denn es unterdrückt, ignoriert oder vergisst schlicht, wie Prof. Dr. Rolf Schulmeister treffend diagnostiziert, den Lernprozess selbst und die Prozess-Orientierung als Antagonisten zur neurotisch übersteigerten Output- und Outcome-Orientierung. Dann merkt man vielleicht auch, dass das Stress-Phänomen unserer Zeit gar nicht so individualistisch ist, wie es oft dargestellt wird und auch eine kollektive und gesellschaftliche Analyse verdient: Stress ist kein persönliches Versagen, sondern entsteht auch durch Friktion, weil „wir“ individuell, kollektiv oder als Gesellschaft nicht das tun, was wir eigentlich tun sollten, ja müssten, weil es jetzt aktuelles Gebot der Stunde ist.

Zum Stress-Phänomen in Arbeitswelt siehe Financial Times Deutschland (FTD)-Artikel „Arbeitslust und -frust: Kollegen als Stressfaktoren“.

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