Fluchtpunkte und Vermeidungsstrategien

Agile Methoden führen uns zurück zu unserer eigentlichen Kraft,
lösungsorientiert zu arbeiten und
Fluchtpunkte und Vermeidungsstrategien zu erkennen.

In Projekten gibt es verschiedene beliebte Fluchtpunkte,
um sich der wahren Auseinandersetzung,
der tatsächlichen Konfrontation mit der Realität zu entziehen:

1. Fluchtpunkt „Ich“:
Ich mag dieses Werkzeug (Framework, Programmiersprache, …) nicht, also lasse ich mich nicht wirklich darauf ein.
Mein Geschmack ist mir heilig, da lasse ich mir nicht hineinreden.
Mir sagt keiner, was ich zu tun habe!
Ich bestimme meine Werkzeuge selbst!

2. Fluchtpunkt „Theorie“:
Ich habe meine Theorie und danach muss sich alles richten.
Mit der Selbstbestätigungsvorliebe (confirmation bias) lasse ich nur die Informationen an mich heran, die meine Theorie bestätigen.
Bevor ich nicht eine vollständige Theorie habe, fange ich erst gar nicht an.

3. Fluchtpunkt „Hacking“:
Coding ist das einzig wahre. Vorher kann ich sowieso nichts wirklich wissen.
Erst die Praxis zeigt mir, wie die Realität wirklich ist.
Grau ist alle Theorie.

Wichtig ist festzuhalten, dass auch die Theoriebildung eine Vermeidungsstrategie sein kann. Besonders Akademiker neigen dazu, in der Theoriebildung die Lösung aller Probleme zu sehen. Das ist im praktischen Alltag eines Projektes nicht immer der Fall. Theorie kann auch naiv, unkritisch, fehl-fokussiert oder einfach nur willkommene Ablenkung sein.

 

Die Gier-Systemik

Am Anfang waren nur wenige gierig.
Diese wenigen machten riesige Gewinne.
Dann wurden die Nicht-Gierigen für dumm erklärt, oder sogar für Versager, wenn sie nicht auch gierig wurden („Wer nicht gierig ist, ist selber schuld!“, „Geiz ist geil!“ und auch „Du nutzt Deine Chancen nicht!“).
So entstand ein subtiles System der Erpressung, das alle zwang, auch gierig zu werden.
Gierig zu werden war dann keine individuelle Entscheidung mehr,
keine unmoralische Schwäche,
sondern das Ergebnis einer Systemik.

Es wurden sogar Wissenschaften erfunden,
die das gierig werden für jeden gedanklich nachvollziehbar machten.
Dann konnte jeder mit wissenschaftlich dokumentiertem System gierig werden.
Heute erleben wir die Konsequenzen:
Wenn fast alle gierig geworden sind, kippt das System.
Unser Planet ist offenbar zu klein für soviel Gier.

Die Gier-Systemik nützt nicht nur den Gierigen.
Es schadet auch den Nicht-Gierigen.
Die müssen die Zeche mitbezahlen.
Die Nicht-Gier kommt den Nicht-Gierigen teuer zu stehen.
Wenn sie dabei pleite gehen, geben sie sich auch noch selbst die Schuld
und fühlen sich selbst als Versager.
Ausgerechnet diese Leute nehmen sich die Moral-Predigten zu Herzen.
Die Gierigen jedoch lässt das kalt.
Moral ist zu individualistisch und adressiert offenbar die Falschen.
Systemik sieht einen größeren Zusammenhang.

Beispiel.
Das Versagen der Zuwenig-Gierigen gehört zur Gier-Systemik.
Der Untergang des Einzelnen ist der Erfolg des Systems.
Es ist in gewissem Sinne eine Art „Erfolgsfaktor“ der Gier-Systemik, denn
er wirkt als Antreiber, noch gieriger zu werden.

Systemik kann diesen Zusammenhang aufzeigen.
Moral hat hier niemanden, auf den sie mit dem Finger zeigen könnte.

Systemiken werden immer subtiler.
Früher gab es Kriege, heute geht es auch ohne.
Früher gab es Raub und Mord, heute geht es auch mit legalen Mitteln.

Womit die Systemik nicht rechnet, ist, dass sie erkannt wird.
Es ist nicht so, wie die Nachrichten behaupten,
dass immer weniger Menschen das Geschehen verstehen.
Mit dieser Behauptung wird nur der Mythos der Dummheit der Massen
und des Allwissens weniger Experten genährt.
Dabei ist es genau umgekehrt: Immer mehr Menschen erahnen die großen Zusammenhänge.
Und die sind gar nicht so schwer zu verstehen.

Wenn sie einmal erkannt ist, kann die Systemik nicht mehr so wie früher unbewusst wirken.
Wir bleiben dann weiter Teilnehmer, aber nicht mehr als Handlanger oder Opfer.
Als systemisch erkennende Teilnehmer wirken wir anders.

Wenn genügend viele Teilnehmer die Systemik erkannt haben,
kann sie sich ändern.