Gemeinsam sind wir blöd

In seinem Buch „Gemeinsam sind wir blöd“ beschreibt Fritz Simon, Professor für Führung und Organisation an der Universität Witten/Herdecke, den Effekt, dass die Gesellschaft sich irrational, unintelligent, ja gerade zu „blöd“ verhält, trotz der klugen Einsicht ihrer Mitglieder und einzelner Vertreter. Neben der viel beachteten Schwarmintelligenz gibt es auch Schwarmdummheit. Jeder kann schnell eine Vielzahl von Beispielen aufzählen wie Finanzkrise, Eurokrise, Klimawandel, Energiewende und die großen Weltprobleme wie Überbevölkerung, Wasserbewirtschaftung, Hunger, Verteilung von Ressourcen und Rechten, Frauenrechte, Ethnische Konflikte, Terrorismus, Waffenhandel und Massenvernichtungswaffen. Für jedes Problem wüsste der Einzelne Lösungen. Aber die Gesellschaft als Ganzes scheint unfähig, sich Lösungen auch nur ansatzweise zu nähern.

Gegenüber dieser „Blödheit“ der Gesellschaft fühlt sich der Einzelne machtlos und wähnt die Verantwortung bei „denen da oben„, bei den Politikern. Die fühlen sich aber nicht selten ebenso machtlos. Wer einmal im politischen Geschäft Verantwortung übernommen hat, weiß, wie schwierig es ist, Veränderungen nachhaltig herbei zu führen. Auch Verschwörungstheorien und der Verdacht der Korruption werden hartnäckig am Leben erhalten.

Warum ist die Gesellschaft als Ganzes so blöd?

In der Habermas-Luhmann-Debatte wurden zwei grundsätzlich verschiedene Theorien entwickelt:

1. Habermas sieht die Wurzel des Problems in einem Mangel an Moral. Wenn moralische Grundsätze breiter und tiefer verankert wären, dann wäre die Gesellschaft lösungsfähiger.

2. Luhmann sieht die Wurzel in einem Mangel an Selbsterkenntnis. Die Frage „Was bin ich?“ hat weder der Einzelne noch die Gesellschaft hinreichend ergründet.

Nach Habermas können wir also nichts anderes tun als predigen, predigen, predigen … bis auch der Letzte verstanden hat, wie wichtig Moral für uns alle ist. Jede Philosophie muss daher zu einer Predigt werden. Dass sich trotzdem nichts in der Welt ändert, kann dann logischerweise nur noch an der Korruptheit liegen. Das moralische Menschenbild wird zum Nährboden für Politikverdrossenheit und Verschwörungstheorien, auch wenn dies mit Sicherheit nicht in der Absicht von Habermas lag. Aber Absicht und Wirkung sind bekanntlich zweierlei.

Die Moral ist für Luhmann ein zu flacher Erklärungsversuch. Er reicht nicht für die Begründung einer Wissenschaft. Daher versucht Luhmann es in seinem eigenen Werk mit kybernetischen Denkmodellen: Mit dem Systembegriff beleuchtet Luhmann diejenige Seite des Menschen und der Gesellschaft, die systemhaft, d.h. begrenzt, reduktionistisch, mechanisiert, automatisiert und letztendlich algorithmisch in Regeln fassbar ist. „Was ist eigentlich Gesellschaft?“ fragt Luhmann und antwortet: „Gesellschaft ist ein Codex von Regeln zur Wahrnehmungsreduktion“. Das kann man auch als eine Definition von Blödheit lesen. Erst wenn wir verstehen, wie diese Blödheit zustande kommt, ohne dafür Zynismus und Verschwörungstheorien heran zu ziehen, können wir etwas daran ändern.

Die Systemorientierung hat Luhmann – völlig zu Unrecht – den Ruf eingetragen, ein anti-humanistisches Menschenbild zu haben und zu verbreiten. Da wurde Luhmann offensichtlich missverstanden: Er hat Wissenschaft gemacht und wurde als Prediger gehört. Als ob er predigen würde, der Mensch sei ein System. Dies ist aber definitiv nicht der Fall: Luhmann sagt ausdrücklich, der Mensch selbst sei kein System. Es gibt zwar die humanoiden Systeme (physisch, psychisch, gedanklich, emotional, sozial, Familiensysteme, Denksysteme, Glaubenssysteme, Ideologiesysteme, Theoriesysteme, Gewohnheitssysteme und viele andere mehr …), aber keines davon beschreibt den Menschen vollständig.

Vermutlich leiden viele Informatiker unter diesem Vorurteil. Weil sie sich mit Systemen beschäftigen, wird Anti-Humanismus zum Vorwurf. „Aufgaben und Grenzen der Systemorientierung“ könnte meine nächste Vorlesung lauten.

Problemlose Lösung

Zuerst ist da ein Problem,
zu dem dann eine Lösung erarbeitet wird.
So ist die Vorstellung von der allseits gepriesenen Problemlösekompetenz.
Besonders in der Informatik:
Algorithmisches Denken wird im Studium vermittelt.
Man soll als guter Informatiker lernen,
die Probleme des Kunden zu verstehen und dazu Lösungen zu entwickeln.
So ist das traditionelle Weltbild der „alten Informatik“,
in dem die Informatik eine Hilfswissenschaft für andere ist
und der Informatiker der Diener und Problemlöser.
Das hat etwas Schweres, Belastetes und Belastendes.
Denn wenn etwas nicht klappt oder schief geht, ist der Informatiker schuld.
Die GI-Tagung 2013 war noch voll im Weltbild der alten Informatik gefangen.

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Ihr Motto war „Informatik angepasst an Mensch, Organisation und Umwelt“.
Es ist immer die Informatik, die sich anpassen (will? und) soll.
Welcher Menschentyp sammelt sich in einem Beruf,
bei dem es um Anpassung geht?
Komisch, wenn man sich die Studienanfänger der Informatik anschaut,
so erwecken diese keinen besonders angepassten Eindruck.
Vielleicht ist das Thema „Anpassung“ nur ein Thema der alten Generation?

Zurück zur Problemlösung, die angeblich im Fokus steht:
Welches Problem lösen eigentlich Facebook, Twitter und Co.?

Wenn man sich auf diese Frage einlässt und sie genauer anschaut,
gelangt man unweigerlich zu dem Schluss,
dass dem Weltbild der alten Informatik etwas fehlt:
Das Gestalterische, das Kreative, das Erschaffen ohne Grund und Problem,
die problemlose Lösung.

Dieser Aspekt hat eine Leichtigkeit, die die alte Informatik nicht kennt.
Das ist die neue Informatik, die aus sich heraus tätig wird,
ohne von außen einen Auftrag zu bekommen,
in der der Informatiker auch kein Diener mehr ist,
sich nicht immer nur anpasst an das was andere Menschen wollen,
Organisation oder Gesellschaft für richtig halten,
sondern Trendsetter, Ermöglicher, Wegbereiter,
vielleicht auch Visionär oder bloß Phantast.

In dieser neuen Informatik wird Informatik zu einer eigenständigen Wissenschaft und Kunst,
ja sogar zu einer neuen Leitwissenschaft, die anderen Wissenschaften den Weg ebnet oder weist und Neues in die Welt setzt, das Welt und Gesellschaft grundlegend wandelt, ohne dazu einen Auftrag erhalten zu haben.
So geschehen mit Facebook, Twitter und Co.
und in vielen Software-Projekten, in denen Programmierer gestalten,
weil der Kunde gar nicht sagen kann, was er eigentlich haben will,
aus Kompetenz- oder aus Zeitgründen. Der Kunde kann nicht immer
neben der Programmierer sitzen und bei jeder Entscheidung mit abstimmen.
Software-Engineering als Ingenieurkunst, sich treu und sklavenhaft an die Aufträge des Kunden zu halten, ist eine Illusion. Die Praxis ist eine andere.
Nur spricht diese Realität niemand aus.
(Selbstverständlich ist Requirements Engineering wichtig.
Wenn man ein Produkt abliefert, das der Kunde ganz und gar nicht haben will,
wird man kein Geld verdienen können. Sich jedoch NUR auf diese Aspekt zu fokussieren, ist zu wenig.)

Auch in anderen Studiengängen ist die Problemorientierung vorherrschend.
Problemlösekompetenz wird als die Königskompetenz an die Spitze der Kompetenzhierarchie gesetzt.
Problem Based Learning (PBL) ist eine gefeierte Lernmethode,
die Kompetenzorientierung voran bringen soll.
Sie hat viel Gutes in der didaktischen Szene bewirkt.
Und gleichzeitig hat sie dem alten Weltbild Vorschub geleistet
und dazu beigetragen, der gestalterischen Lebenskraft der jungen Generation die Plattform zu entziehen. Man kann sich auch in der Vielzahl der Probleme und dem unendlichen Versuch, so viel wie möglich davon zu lösen, verzetteln und sich selber verlieren.

Motivation

Was motiviert uns? Hier eine schöne Zusammenfassung von Dan Pink:

Vielfach glaubt man noch an Incentives, Credits, Anreizsysteme, Möhrchenmethode.

Möhrchenmethode

Diese funktioniert jedoch nur für mechanische Arbeiten und primitive kognitive Leistungen. Ab einem bestimmten Niveau sind Möhrchen (Incentives) sogar kontraproduktiv. Dann kommt es auf ganz andere Kriterien an:

  • Autonomie: Die Freiheit, in Selbstbestimmtheit seinen eigenen Weg zu gehen.
  • Herausforderungen und der Wille zur Meisterschaft.
  • Sinn.

Bei der australischen Softwarefirma Atlassian hat man mal das Experiment gemacht, den Mitarbeitern 24 Stunden lang alles zu erlauben: Jeder durfte tun, was er wollte, worin er Sinn sah und konnte Inhalt und Umfang selbst bestimmen. Erstaunlicherweise war die Firma noch nie so produktiv gewesen wie in dieser Zeit.

Bei Google haben die Mitarbeiter 20% ihrer Arbeitszeit völlige Autonomie.

Die Kunst des Management scheint also eher zu sein, seinen eigenen Mitarbeitern nicht so sehr im Wege zu stehen anstatt neue Incentivesysteme zu installieren.

Bewusstsein als neue Didaktik-Dimension

Bis 1995 war das Thema „Bewusstsein“ ein CKM (Career Killing Move, slang for a bad job/political action, Karriere beendende Entscheidung). Wer sich das Thema auf seine Forscherfahnen geschrieben hatte, war verloren. Er wurde von der Forschergemeinde nicht mehr ernst genommen und in die Esoterik-Ecke abgeschoben. Das hat sich seit 1995 grundlegend geändert. Hier hat offenbar ein Paradigmenwechsel nach Thomas S. Kuhn stattgefunden. Auch Francis Crick, der berühmte Nobelpreisträger und Entdecker der DNS (DNA), glaubte daran, dass die Rätsel des Bewusstseins in den nächsten 30 Jahren geknackt werden können. Besonders hilfreich sind dabei die neuen empirischen Befunde der Neurowissenschaften. Sie liefern verlässliche Daten, auf deren Grundlage Theorien zuverlässig falsifiziert werden können. Sie sind jedoch nur wichtige Datenlieferanten und empirisches Untersuchungsfeld. Die Theorien können auch aus anderen Wissenschaften kommen. Philosophie könnte möglicherweise eine Renaissance in seiner wissenschaftlichen Bedeutung erleben. Informatik – verstanden als eine Wissenschaft komplexer Systeme und Systemik und nicht nur als Techniklieferant – könnte hier auch eine wachsende Rolle spielen.

Während die Didaktik noch mit dem Transfer von Wissens- zur Kompetenzorientierung beschäftigt ist, kündigt sich am Horizont schon die nächste Welle von Veränderungen an: Die Hinzunahme einer weiterer Dimension zur Betrachtung didaktischer Tätigkeiten und Wirkungen, die Dimension des Bewusstseins.

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Dieses dreidimensionale Koordinatensystem der Bildung habe ich bereits in meinem Blogeintrag vom 8. Juli 2011 erläutert.

Das spiralige Modell der Bildung in dem Koordinatensystem aus Wissen („Was weiß ich?“) und Kompetenzen („Was kann ich?“) und Bewusstsein („Was sehe ich? / Was nehme ich wahr?“) könnte ganz praktische Auswirkungen im didaktischen Design und Curriculum haben: Wenn Studierende im ersten Semester z.B. die Vorlesung Algebra hatten, so werden sie in einem höheren Semester noch einmal mit dem gleichen Thema konfrontiert, indem man sie zu Tutoren für die Erstsemester-Übungen in Algebra ausbildet. Sie arbeiten dann mit dem gleichen Thema aus einer völlig anderen Perspektive, nämlich als Tutoren und Lehrende. Dadurch wird einerseits das Wissen in Algebra und die Kompetenzen des Rechnens und Beweisens vertieft und andererseits etliches bewusst, was im ersten Semester in der Einseitigkeit des Schülerdaseins untergegangen war und diesmal mit der neuen Rolle des Lehrenden die Chance hat, endlich wahrgenommen zu werden.

Mit dem neuen Thema „Bewusstsein“ stellen sich im Bildungssystem neue Fragen: Haben unsere Bildungseinrichtungen und -maßnahmen eigentlich zu mehr oder zu weniger Bewusstsein geführt? Welche Erweiterungen bewirken sie und welche (gewollten und ungewollten) Reduktionismen? Sind wir uns dessen bewusst oder ist es nur ein nicht beachtetes Nebenprodukt? Haben unsere Bildungseinrichtungen und -maßnahmen überhaupt Auswirkungen in der Bewusstseinsdimension oder ist dies zur Zeit Privatsache? Sind sich unsere Bildungseinrichtungen der jeweiligen Veränderungen im Bewusstsein bewusst, die sie zu verantworten haben?

Eine gute Einführung in die moderne Bewusstseinsforschung gibt Metzinger in seinen Mainzer Vorlesungen, erhältlich als DVD-Set:
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Interessant sind hier auch die Schilderungen Metzingers zum historischen Umfeld des Paradigmenwechsels 1995: In Deutschland begegnete ihm geschlossene Ablehnung. Nur durch die Fürsprache des Grandseigneurs der medizinischen Psychologie, Ernst Pöppel, wurde ihm Duldung gewährt. Bei seinem Forschungsaufenthalt in San Diego in Kalifornien wurde ihm dagegen Mut gemacht, den neuen Weg zu gehen.

Kurzgefasste Vorträge gibt es beim SWR: SWR2 Wissen: Aula, Das letzte Rätsel der Philosophie, Was ist das Bewusstsein, Teil 1 bis 3.

Was Niklas Luhmann für die Soziologie war, könnte Metzinger für die Bewusstseinsforschung in Deutschland werden. Was der Reduktionismus bei Luhmann war („Was ist Gesellschaft? Gesellschaft ist ein Codex von Regeln zur Wahrnehmungsreduktion.“), ist die Blindheit mit ihren vielen Varianten in der Bewusstseinsforschung:

Verblüffend ist das Video von Christopher Chabris und Daniel Simons. Allerdings ist es für die Wirksamkeit essenziell, dass das Auditorium wirklich auf die Aufgabe einlässt, die Anzahl der Pässe von weiß zu weiß in dem Video zu zählen. Ein wenig theatralisch ist das Video mit den Worten einzuführen, dass diese Aufgabe alleine wichtig sei. Die Aufmerksamkeit des Auditoriums ist vor Beginn des Videos auf die Aufgabe zu fokussieren. Viele Studierende in der Mainzer Vorlesung (siehe DVD) haben das nicht getan und daher auch den Effekt der Unaufmerksamkeitsblindheit nicht in diesem Experiment an sich selbst erlebt. Sie würden sich aber etwas vormachen, wenn sie darauf den Schluss ziehen würden, „besser zu sein“ oder „vor dieser Blindheit gefeit“ zu sein. Sie haben sich lediglich nicht auf die Aufgabe eingelassen.


Aufgabe: Zählen Sie die Anzahl der Pässe von weiß zu weiß. Erst danach Erläuterungen lesen.

Wer hat gut gezählt, war aber ansonsten blind?

(Oh, welche Symbolik in dieser Fragestellung! )

Experimente mit diesem Video haben ergeben, dass 90% der Probanden, die gut gezählt haben, ansonsten blind waren.

In dieser Symbolik stellt sich für unser Bildungssystem die Frage, was denn das Bildungsziel sein soll: etwa nur gut zählen zu können?

Warum gibt es Plagiate? Systemische Gründe

Warum gibt es Plagiate? Im letzten Blogeintrag wurde nur die moralische Dimension betrachtet. Ich sehe jedoch mindestens fünf weitere Dimensionen.

Warum gibt es Plagiate?

1. Schreibtechnisch:
Weil Apostroph vergessen wurde.
Weil die Quelle vergessen wurde.
Weil bei der Stoffsammlung nicht sauber zwischen eigenen Notizen und kopierten Texten unterschieden wurde.

2. In den Geisteswissenschaften:
Weil die Paraphrase als gebräuchliches Mittel
in der Geisteswissenschaft üblich war.
Weil es angeblich jeder so gemacht hat, sogar die ganz Großen.
Weil der Übergang von der Paraphrase zum Plagiat schleichend ist.

3. Moralisch:
Weil Leute betrügen wollen.
Täuschungsversuch.

4. Sprachtheoretisch:
Weil dem Wort mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als der Bedeutung.
Die elegante Formulierung ergibt Pluspunkte. Wortgeklingel wird zu hoch bewertet und wichtiger als die nackte Sachlage.
Überreden (lat. persuadere) statt überzeugen (lat. convincere), Persuasion statt Argumentation.

5. Kompetenzorientierter Erklärungsversuch:
Weil die Plagiateure nichts Eigenes sagen können.
Weil sie etwas nicht verstanden haben oder nicht können.
Weil ihnen die eigene Kompetenz fehlt.

6. Gesellschaftlich:
Weil die Plagiateure nichts Eigenes zu sagen haben.
Weil der gesellschaftliche Druck, etwas zu sagen, zu groß ist.
Publish or Perish.

OK, wenn man nun alle diese Gründe an sich vorüber ziehen lässt, welches Gewicht nimmt dann noch die moralische Dimension ein? Das hängt wohl vom eigenen Menschenbild ab …

Literatur:

Zum „Warum?“ siehe auch http://plagiat.htw-berlin.de/ff-alt/03schule/warum.html

Strategien der Plagiatsbekämpfung:
https://www.uni-hohenheim.de/fileadmin/einrichtungen/agrar/Studium/Plagiate/strategien_plagiate.pdf

Dematerialisierung des Wohlstands

Interview des Stifterverbandes mit Franz Josef Radermacher zur Chance der Gesellschaft:
Wir sind ein System mit einem gigantischen Antrieb, ein System ohne Bremse.
Das Individuum kann nicht viel ausrichten.
In unserer Zeit ist Global Governance entscheidend für das kollektive Überleben.

Faktor 10: 10-fachen Wohlstand bei gleichzeitiger 10-facher Ressourcenverbrauchsreduktion. D.h. Dematerialisierung des Wohlstands.

Franz Josef Radermacher: Die kommenden Tage
(II)
von Stifterverband

Dematerialisierung heißt, immer mehr wandert ins Internet, in die Cloud, ins Smart Grid, ins Web 3.0. Wir werden alles haben, alles besitzen, was zu unserem Wohlstand gehört, zumindest immateriell: Warum sollte man eine materielle Kopie in seinem persönlichen Besitz sein Eigen nennen wollen? Es reicht doch, wenn es in der Cloud liegt und jederzeit abrufbar ist. Das gilt für viele Güter wie Literatur, Wissen, Bildung, Musik, Information, Kommunikation, Interaktion, Vernetzung, Austausch, Organisation, Agenda-Setting, Selbsthilfe, Nachbarschaftshilfe, Projektarbeit, Gemeinschaft, Interessenvertretung, Partizipation, politisches Engagement, usw., alles, was ein reiches Leben ausmacht. Das Klammern an materielle Kopien gehört zu den gestrigen Gewohnheiten. Materielle Ressourcen zu verbrauchen, um immaterielle Güter genießen zu können, ist unnötig und umweltfeindlich.

Eine Dematerialisierungsstrategie ist offenbar notwendig, um aus dem unnötigen Ressourcenverbrauch und der Umweltfeindlichkeit heraus zu kommen. Ein Web, das dies leistet, könnte man Web 3.0 nennen. Web 3.0 wird eine Dematerialisierung implementieren und materiellen Besitz immaterieller Güter überflüssig machen. Während Web 2.0 das soziale Leben ins Internet gebracht hat, wird Web 3.0 dies mit dem materiellen Besitz immaterieller Güter tun, und das mit Faktor 10.

Einen großen Beitrag zur Dematerialisierungsstrategie wird das Teilen, Wiederverwenden, Weitergeben von Konsumgütern liefern (Reuse, Sharing, Second Hand, Second Use, …). Rachel Botsman spricht dies unter dem Stichwort „Kollaborativer Konsum“ an:

Lt. Time Magazin gehört diese Idee zu den 10 wichtigsten Ideen, die die Welt verändern werden, siehe „10 Ideas That Will Change the World“.

Lesenswert auch das Interview-Buch des Stifterverbandes „Die kommenden Tage“: Risiken und Chancen der Wissensgesellschaft. Das Interview-Buch vereint Bestandsaufnahmen und Experten-Meinungen zu den großen Themen des Stifterverbandes.

Siehe auch Schwerpunktthema des Hefts 4/2012 der Zeitschrift „Wirtschaft & Wissenschaft“: „Mehr als nur ein Nothelfer: Labor Zivilgesellschaft“

Gunter Dueck vs. Manfred Spitzer / Digitale Potenz oder Digitale Demenz?

Unter http://www.youtube.com/watch?v=bC1HCzghIAE sieht man ein erstes Gespräch zwischen Gunter Dueck und Manfred Spitzer zum Thema „Digitale Potenz oder Digitale Demenz?“. Wirklich entweder – oder?

Die Antwort ist wohl: Beides!

Einerseits: Spitzer sagt: Wenn wir die Köpfe den Märkten überlassen, dann werden sie zugemüllt. Das ist eigentlich nichts Neues und gilt nicht nur für die Köpfe, sondern auch für Bäuche: Adipositas (Fettleibigkeit) wurde zum Massenproblem: Heute sind 36% der Amerikaner adipös, 2030 werden es 42% sein. Das Zumüllen der Köpfe könnte als geistige Adipositas verstanden werden.

Die systemische Analyse lautet: Märkte ziehen Gewinn aus dem, was Massen benötigen. Je mehr diese es brauchen, umso mehr Gewinn. Die ultimative Steigerung sind substanzfreie Suchtformen, wie Medienkonsum. Oder sollte man treffender „Illusionskonsum“ sagen? (Ach, wir träumen doch so gerne … Was könnte harmloser sein … Und die Massenstückkosten sind so vorteilhaft … ) Der entscheidende Punkt ist: Ein freier Markt muss solche Suchtformen entwickeln. Spiele-Entwickler müssen beispielsweise den Suchtfaktor in ihre Spiele einbauen. Sonst wird es kein Erfolg. Darin steckt eine gewisse Zwangsläufigkeit. Ebenso in der Tatsache, dass es mehr Süchtige geben wird, wenn mehr Suchtformen und Suchtpotenzial in die Welt gesetzt werden.

Im Video Minute 4:15 sagt Spitzer wörtlich: „Wenn wir die Köpfe der nächsten Generation dem Markt überlassen, dann geht´s schief. Dann wird Geld gemacht und [Spitzer deutet auf das Gehirn] vermüllt. Und das sehen wir jetzt gerade. Da gucken wir zu.“

Gunter Dueck sieht Spitzers neurowissenschaftliche Argumentation skeptisch und bringt als Metapher: „Hirnforschung beweist, dass Sex süchtig macht! Verbietet die Liebe!“ Vielleicht hätte Spitzer auf den Anspruch der Wissenschaftlichkeit und der neurowissenschaftlichen Herleitung verzichten und besser formulieren sollen: „Schaut nicht tatenlos zu. Verhindert das gesellschaftliche Unglück! Verhindert das massenhafte Ausbreiten von Adipositas, körperliche und geistige!“ (Dass das prinzipiell geht, dass die Gesellschaft nicht tatenlos zusehen muss, zumindest im körperlichen Bereich, beweist gerade Frankreich mit seiner Palmöl-Steuer. Gegen-Metapher: Palmöl enthält zu viele ungesättigte Fettsäuren, ist aber das billigste Fett, wird daher überall massenhaft verarbeitet und macht in dieser Menge Menschen krank. Also erhöht Frankreich die Steuer auf Palmöl massiv. Ist es wirklich eine Alternative, alles den Märkten zu überlassen und zu warten, dass Krankheitskosten ansteigen?)

Andererseits Digitale Potenz: Mit dem Internet können wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit global interagieren, so direkt, schnell, intensiv an unserem globalen Menschheitsdasein teilhaben wie noch nie. Alles Wissen aller Kulturen aller überlieferten Zeitalter scheint nur noch einen mühelosen Klick weit entfernt. Was haben wir früher einen Aufwand betrieben, um an Wissen zu kommen! Dieser Aufwand wurde scheinbar weg abstrahiert. (Das ist jedenfalls das „Look ´n Feel“ der „User“.) Digital Empowerment für JedeFrau und JederMann immer und überall! Anytime! Anywhere! Anyhow! Zauberei gibt es nicht nur bei Harry Potter, sondern mit jedem Smartphone und Tablet. Wissen liegt in der Cloud und wartet nur geflissentlich darauf, den Befehl zu einem Download zu erhalten.

Ist jetzt das Internet schuldig oder nicht? Diese Frage will Spitzer einem eindeutigen „Ja!“ zutreiben. („Ich bin Arzt. Meine Patienten fragen mich: ‚Bin ich krank, Herr Doktor, oder nicht?‘ Da muss ich mit Ja oder Nein antworten.“)

Dabei hat er selber im Video doch bereits die Wahrheit an anderer Stelle gefunden: Es ist nicht das Internet, sondern es sind „die Märkte“, es ist die psychische und gesellschaftliche Mechanik, die sich aus dem Massengebrauch neuer Illusionskonsum-Technologien ergeben hat.

Es gibt nicht nur „Ja“ oder „Nein“, nicht nur „Digital Ermächtigte“ oder „Digital Demente“, sondern beides. Der Trend zur Spaltung der Gesellschaft in „Winner“ und „Looser“, in „Digital Ermächtigte“ und „Digital Demente“ wird durch den Wirbel des Technologie-Hurricans verstärkt.

Gunter Dueck schließt seinen Blogeintrag „Digitale Potenz – ein Überspitzer gegen den Über-Spitzer (Daily Dueck 174, September 2012)“ mit den Worten: „Was hilft das Klagen einer nun technologiemöglichen neuen Form des Verkommenkönnens? Müssen wir uns nicht doch immer wieder nur auf den Menschen an sich besinnen? Wie verhindere ich „Demenz“ und wie fördere ich „Potenz“? Diese Aufgabe stellt sich immer neu, wenn sich unser Leben verändert, ja. Aber das Neue abzulehnen, weil nun jede analoge Demenz (an die wir uns gewöhnt haben) durch eine digitale ersetzbar ist?“

Ethisches QM oder systemisches QM?

Zu unterscheiden sind zwei Kategorien von Qualitätsmanagement (QM):
Ethisches QM und systemisches QM:

Ethisches QM: Im ethischen QM geht es um ethische Appelle (an jeden Einzelnen) für mehr Qualität:
Solcherlei QM sieht seine Aufgabe in der Motivation der Mitarbeiter für QM,
das Aufbrechen von Widerständen,
Benennung von Verantwortlichkeiten und damit auch potenziell Schuldigen.
Schuldig, wenn sich durch die Appelle nichts ändert.
In den Formulierungen findet man häufig Zwangsformulierungen mit den Verben „sollte“ und „muss“.

Systemisches QM: Im systemischen QM geht es um Systeme mit seinen Regeln, Gesetzen, Verfahren und Workflows. Systemisches QM adressiert Systemeinführungen, Systemumstellungen, Systemänderungen, Zielkonflikte, Doppelstrukturen, Doppelarbeit, ungeschickte Verteilung von Verantwortlichkeiten und Entscheidungskompetenzen, ungeschickte Schnittstellen und zu lange Kommunikationspfade, Sogkräfte zur Integration, Schutzwälle vor Proliferation von Sonderentwicklungen, usw.

„Der neue Workflow war noch nicht in „Gebrauch“.“ ist z.B. eine systemische Formulierung, die auf das Systemproblem hinweist, dass Umstellungen von Workflows einen besondern Zwischenschritt benötigen,
nämlich die System-Umstellung selbst.

Beim systemischen QM geht es darum, an welcher Schraube des Systems noch gedreht werden muss.
Hinter ethischem QM steht letzten Endes der Glaube, es würde reichen,
an Menschen herum zu schrauben ohne das System selber anzuschauen und zu begreifen.

Beim systemischen QM geht es manchmal auch um einen Systemwechsel oder Paradigmenwechsel.

Die gewollte Systemik ist nicht notwendig die wirkende Systemik.
Um letzterer auf die Spur zu kommen, bedarf es einer besonderen Analytik:
Analyse der Wirklichkeit der tatsächlich vorhandenen Systemik statt Wunschdenken.
Dazu muss man sich mit etwas anderem als seinen Idealen beschäftigen – mit der Realität.

3 Ebenen-Modell des Lernens

Im Informatik-Spektrum Band 35, Heft 4, August 2012, verweist Prof. Dr. Ulrich Furbach in seinem Artikel „Turing und die künstliche Intelligenz“ auf die Theorie über „Postbiotischen Bewusstseins“ des Mainzer Philosophen Prof. Dr. Thomas Metzinger, dass man einem Wesen erst dann wirkliche Intelligenz zubilligen könne, wenn es eine eigene Theorie des Bewusstseins entwickelt und vertritt. Damit soll natürlich hinterfragt werden, ob Maschinen denken können.

Gleichzeitig kann man die Frage auch an Menschen richten und als Kriterium für das Vorhandensein deren Intelligenz einsetzen.

Das Gehirn ist ein neuronales Netz, dem es egal ist, wie es verwendet wird. Grob lassen sich drei Ebenen der Verwendungsarten unterscheiden:

1. Konditioniertes
2. Theoriebildung (Selbstbild, Weltbild)
3. Unkonditioniertes

Ebene 1 umfasst alles Konditionierte, Programmierte, Automatenhafte. Der Automat spult sein Programm ab. Antrainierte Aktions- und Reaktionsmuster werden abgerufen. Die Schnelligkeit, mit der dies erfolgt, ist von großem Vorteil z.B. beim Autofahren. Autofahren wurde antrainiert. Lernen auf Ebene 1 ist wie Download von Programmen. Der Automat wird mit Automatismen gefüttert. Viele Lerntechniken beschäftigen sich nur damit, wie dieses Füttern mit Automatismen noch schneller, noch zuverlässiger vonstatten gehen kann. Didaktik ist hier nichts weiter als Fütterungsoptimierung. Studierende, die ihr Studium optimieren, landen auch von selbst beim Klausurlernen und Bulimielernen. Das Optimierungsziel ist die Fütterungsgeschwindigkeit und die Minimierung des Aufwands dafür, um mehr Zeit zu haben. Wird diese gewonnene Zeit auch wieder nur für Download benutzt, ergibt sich in der substanziellen Verwendungsart des Gehirn kein Unterschied.

Dieses Sosein, dieser Modus operandi, fühlt sich hohl und leer an: Da ist keinerlei Bewusstheit. Der Automat spult sein Programm ab, völlig seelenlos. Das fühlt sich sinnlos an und macht krank: Burnout ist ein Symptom heute schon bei Studierenden, die unter ihrer selbst verordneten Sinnlosigkeit leiden.

Viele Automatismen sind evolutionsbedingt und Millionen Jahre alt, so z.B. Todesangst und Überlebenswille. Lässt man diesen Programmen völlig unreflektiert und unbewusst freien Lauf, so ergibt sich ein ungebremstes Ausleben der Automatismen des Überlebens, Haben-wollens und Sichern-wollens, die mit freiem Willen nichts zu tun haben.

Menschen, die diesen Zustand nicht reflektieren und sich mit ihren Automatenanteilen abgefunden haben, sagen häufig „Ich bin halt so“. Das ist ein Abfinden mit den eigenen Automatismen. Dann werden die Ebenen 2 und 3 nicht wahrgenommen.

Ebene 2 umfasst Reflektieren und die eigene Theoriebildung. Man konstruiert sich sein eigenes Weltbild und sein eigenes Selbstbild. Hier geht es um Verstehen und Erklären können.

Wie die Neurowissenschaftler festgestellt haben, kommt das Gefühl „Ich habe mich entschieden“ immer 50 Millisekunden, nachdem der Automat die Entscheidung bereits getroffen hat. Es ist eine Gehirnaktivität im Nachhinein. Das Gefühl, aus freiem Willen zu handeln, beruht also auf Autosuggestion. In dem Selbstbild gibt es ein Ich-Modell, das nicht den gemessenen Tatsachen entspricht.

Die Erklärungsmanie, alles, was geschieht mit dem eigenen Weltmodell abgleichen zu müssen und Erklärungen zu finden, die ins bisherige Bild hinein passen bzw. das Weltmodell zu erweitern, hat durchaus seinen Sinn: Dadurch wird das Weltmodell konsistent und aktuell gehalten. Dies ist ein großer Überlebensvorteil, den die Evolution belohnt hat. Gleichzeitig besteht die Gefahr eines Schubladen-Denkens, das nur Phänomene erlaubt, die in die Schubladen hinein passen. Die Theorie erzeugt Filter, die die Wahrnehmung reduzieren. Das Weltbild erzeugt eine Fokussierung auf reduzierte Aspekte und blendet andere aus.

Ebene 2 hat sich erst später in der Evolution gebildet: Sie ist dem Neokortex zuzuordnen. Es wird als große Errungenschaft gefeiert. Wissenschaft wird als die große Errungenschaft der Menschheit angesehen. Dabei wird ignoriert, dass Wissenschaft auch auf manchen Gebieten komplett versagt, insbesondere wenn es um den Menschen selbst geht. Ebene 2 ist sehr kopflastig, intellektuell. Ob Psychologie wirklich eine Wissenschaft ist, bleibt weiterhin umstritten. Woody Allen hat als Großstadt-Neurotiker eindrucksvoll gezeigt, dass man täglich auf der Couch beim Psychiater seine Automatismen durchdeklinieren kann, ohne dass sich auch nur das Geringste im Alltag verändert: Er ist und bleibt der hoffnungslose Großstadt-Neurotiker. Der Woody-Allen-Effekt ist das Unvermögen der Ebene 2, ändernd auf die Ebene 1 einzuwirken. Die beste Theorie hilft in der Praxis nicht im Geringsten. Das gilt im Kleinen wie im Großen: Die Menschheit hat erkannt, dass sie den Ast absägt, auf dem sie sitzt. Die Theorie wurde verstanden, jedoch ohne Auswirkungen auf die Praxis.

Lernen auf Ebene 2 ist die Bildung von Theorien, Modellen, Tiefenstrukturen, Erklärungsmodellen und die Kompetenz, selbstständig diese Theorien bilden zu können. Man muss selber denken, reflektieren, sich seine eigene Erklärungen bilden und mit der Realität abgleichen. Das ist ein aufwändiger Prozess, der wesentlich mehr Zeit, Aufwand und Energie erfordert, als der Download auf Ebene 1. Das Wirtschaftlichkeitsprinzip wird daher immer Ebene 1 bevorzugen. Mit Downloads auf Ebene 1 Kompetenzen der Ebene 2 vorzutäuschen ist jedoch Betrug. Dieser Betrug ist leider häufig mit Klausuren nicht unterscheidbar. Daher fällt der Betrug zunächst nicht auf. Erst später, wenn im Berufsleben Ebene 2 verlangt wird, muss der Kompetenzerwerb der Ebene 2 nachgeholt werden.

Die Zeit der Aufklärung war ein Aufblühen der Ebene 2. Kant formulierte es so „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Aufgrund der gestiegenen Komplexität der Welt und ihrer Theorie glaubt man heute, keine Zeit mehr für die Ebene 2 zu haben: Der Dozent befürchtet, seinen Stoff nicht durch zu bekommen. Der Student befürchtet, zur Klausur nicht genug gelernt zu haben. Das führt beidseitig zur furchtgetriebenen Regression auf Ebene 1.

Reflektieren und Theoriebildung sind Aktivitäten im Nachhinein oder Vorhinein, nicht jedoch im Moment des Augenblicks, im Hier und Jetzt. Reflektieren und Theoriebildung unterscheiden sich daher grundlegend von wacher Aufmerksamkeit, ungeteilter, offener Zuwendung und klarer Bewusstheit für das, was gerade im Augenblick anliegt. Das ist die Ebene 3, die sich deutlich von den beiden anderen Ebenen unterscheidet. Beide Ebenen 1 und 2 können störend auf Ebene 3 wirken: Automatismen ebenso wie der Reflexionsprozess und Theoriebildung können der Lebendigkeit, Spontaneität und Authentizität des Augenblicks abträglich sein. Lernen auf Ebene 3 ist die immer frische Neuentdeckung. Ein Anfängergeist geht unbedarfter mit dem Leben um und ist nicht so mit Downloads und Theorien belastet wie ein erfahrener Mensch. Daher lieben wir so die kleinen Kinder, die noch völlig spontan und authentisch sind. Die Dozenten mit ihren jahrelang eingeschliffenen Gewohnheiten sind hier nicht unbedingt Vorbild für Lernende. Beide gemeinsam können jedoch durch Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zum lebendigen Austausch miteinander immer wieder frisch und neu gelangen.

Dieses Modell der 3 Ebenen ermöglicht Differenzierungen von Ausprägungen von Authentizität, Kreativität, Sucht und Willen:

Bezüglich der Spontaneität und Authentizität gibt es außerdem eine Prä-Trans-Verwechslung, d.h. die Ebenen 1 und 3 werden vermischt und Ebene 2 übersprungen: Das unreflektierte, spontane Ausleben der zufällig entstandenen Automatismen auf Ebene 1 kann oberflächlich gesehen genauso authentisch wirken wie die ungeteilte, offene Zuwendung auf Ebene 3. „Ich bin halt so“ steht genauso spontan neben Offenheit und klarer Bewusstheit.

Kreativität kann verschiedene Quellen haben: Beim Brainstorming wird das wilde, spontane Kombinieren auf Ebene 1 geübt (Mutation). Aus der Vielfalt wird dann auf Ebene 2 das Sinnvolle ausgewählt (Selektion). Es handelt sich also um das Darwin´sche Evolutionsmuster Mutation und Selektion. Die Kreativität auf Ebene 3 entsteht hingegen aus der ungeteilten, offenen Zuwendung, direkt, voll bewusst und klar.

Sucht gibt es nur auf den Ebenen 1 und 2, nicht jedoch auf der Ebene 3. Auf Ebene 1 ist Sucht ein unreflektiertes, ungebremstes Ausleben der Automatismen. Ein völlig seelenloses Programm des Überlebens, Haben-wollens, sichern-wollens ist das Ausführungsorgan dieser Sucht und wird selber nicht gesehen. Da ist auch kein Mensch, mit dem man sprechen könnte. Das würde mindestens Ebene 2 voraussetzen. Die Sucht hat sich verselbstständigt.

Auf Ebene 2 gibt es die Denksucht, Erklärungssucht, Schubladensucht, die mit höchster Priorität alles Geschehen in die vorhandenen Schubladen pressen will und dadurch den Augenblick verpasst. Es entsteht ein Gefühl des Getrenntseins, immer knapp daneben und nie wirklich ganz da.

Die Sucht auf den Ebenen 1 und 2 konnten entstehen, weil ein grundlegendes Gefühl der Unvollständigkeit, Falschheit, Hunger nach dem Echten entstehen muss, solange man Ebene 3 vergessen hat.

Hat der Mensch einen freien Willen? Auf der Ebene 1 sicher nicht. Ebene 2 erlaubt schon mehr Freiheitsgrade. Denken und Handeln sind jedoch zweierlei und leider geschieht beim Schritt zum Handeln häufig ein automatisiertes Umschalten auf Ebene 1. Das Erleben des Woody-Allen-Effekts könnte man auch als die dunkle Nacht des Willens bezeichnen, ein Erleben der eigenen Machtlosigkeit. Dies gilt individuell ebenso wie kollektiv: Die Menschheit weiß, was richtig wäre, will dies auch, aber bekommt es einfach nicht hin. Dies offen zuzugeben, wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung, wie man weiß.

Erst Ebene 3 offenbart etwas, was man durchaus mit geistiger Freiheit bezeichnen könnte.

Die Gier-Systemik

Am Anfang waren nur wenige gierig.
Diese wenigen machten riesige Gewinne.
Dann wurden die Nicht-Gierigen für dumm erklärt, oder sogar für Versager, wenn sie nicht auch gierig wurden („Wer nicht gierig ist, ist selber schuld!“, „Geiz ist geil!“ und auch „Du nutzt Deine Chancen nicht!“).
So entstand ein subtiles System der Erpressung, das alle zwang, auch gierig zu werden.
Gierig zu werden war dann keine individuelle Entscheidung mehr,
keine unmoralische Schwäche,
sondern das Ergebnis einer Systemik.

Es wurden sogar Wissenschaften erfunden,
die das gierig werden für jeden gedanklich nachvollziehbar machten.
Dann konnte jeder mit wissenschaftlich dokumentiertem System gierig werden.
Heute erleben wir die Konsequenzen:
Wenn fast alle gierig geworden sind, kippt das System.
Unser Planet ist offenbar zu klein für soviel Gier.

Die Gier-Systemik nützt nicht nur den Gierigen.
Es schadet auch den Nicht-Gierigen.
Die müssen die Zeche mitbezahlen.
Die Nicht-Gier kommt den Nicht-Gierigen teuer zu stehen.
Wenn sie dabei pleite gehen, geben sie sich auch noch selbst die Schuld
und fühlen sich selbst als Versager.
Ausgerechnet diese Leute nehmen sich die Moral-Predigten zu Herzen.
Die Gierigen jedoch lässt das kalt.
Moral ist zu individualistisch und adressiert offenbar die Falschen.
Systemik sieht einen größeren Zusammenhang.

Beispiel.
Das Versagen der Zuwenig-Gierigen gehört zur Gier-Systemik.
Der Untergang des Einzelnen ist der Erfolg des Systems.
Es ist in gewissem Sinne eine Art „Erfolgsfaktor“ der Gier-Systemik, denn
er wirkt als Antreiber, noch gieriger zu werden.

Systemik kann diesen Zusammenhang aufzeigen.
Moral hat hier niemanden, auf den sie mit dem Finger zeigen könnte.

Systemiken werden immer subtiler.
Früher gab es Kriege, heute geht es auch ohne.
Früher gab es Raub und Mord, heute geht es auch mit legalen Mitteln.

Womit die Systemik nicht rechnet, ist, dass sie erkannt wird.
Es ist nicht so, wie die Nachrichten behaupten,
dass immer weniger Menschen das Geschehen verstehen.
Mit dieser Behauptung wird nur der Mythos der Dummheit der Massen
und des Allwissens weniger Experten genährt.
Dabei ist es genau umgekehrt: Immer mehr Menschen erahnen die großen Zusammenhänge.
Und die sind gar nicht so schwer zu verstehen.

Wenn sie einmal erkannt ist, kann die Systemik nicht mehr so wie früher unbewusst wirken.
Wir bleiben dann weiter Teilnehmer, aber nicht mehr als Handlanger oder Opfer.
Als systemisch erkennende Teilnehmer wirken wir anders.

Wenn genügend viele Teilnehmer die Systemik erkannt haben,
kann sie sich ändern.