klarlehren

Das Gegenstück zu klarlernen ist klarlehren,
also das Prinzip der Lehre,
die Methode der Vorbereitung auf den Lernprozess
und die Methode der Durchführung,
der Nachbereitung und Reflexion.

Das ist mein Ansatz für Videos in der Lehre:
Wenn mir etwas klar geworden ist,
also aus dieser Erkenntnis heraus,
aus diesem Augenblick der Klarheit,
entwerfe ich 5-10 Folien,
die die Idee darstellen
und drehe dazu gleich das Video
als kurzes Erklärvideo von 5 bis 10 Minuten,
das sich auf die eine Idee fokussiert
und diese so klar wie möglich vermittelt.

Wittgenstein: Alles was sich sagen lässt,
lässt sich klar und deutlich sagen.

Der Anlass dazu kann unterschiedlich sein:
Ich habe etwas Interessantes gelesen,
eine stimulierende Diskussion gehabt
oder ein bestimmter Fehler tritt immer und immer wieder auf,
so dass man sich fragt, woran das wohl liegen möge
und wo es am Verständnis mangelt,
welcher winzige Punkt noch nicht verstanden wurde,
welches Kippmoment zum vollen Verständnis noch fehlte.

Das ist Reflexion, die nicht nur für fremde,
sondern auch für die eigenen Lernprozesse geeignet ist.
Wo hapert es eigentlich noch in meinem eigenen Verständnis?
Wo stockt mein eigener Lernprozess?

Der sokratische Dialog macht aus klarlernen und klarlehren
einen gemeinsamen sozialen Prozess.
Bloggen ist heute die digitale Version des sokratischen Dialogs.

Im altem Griechenland lungerten die Wissensbegierigen quasi
im Atrium der Universität herum,
um an den kostbaren Momenten der Klarheit
teilhaben zu können.
Universitas
http://www.leps.de/up/diss/1-img49.jpg
Heute lungern sie im Internet herum.

Die heutigen eng getakteten Vorlesungen und Übungen
haben schon einen anderen Charakter.
Es wäre Schade, wenn uns dadurch die Klarheit verloren ginge.

Innovative Wissenschaft von konservativen Wissenschaftlern

Wissenschaft ist einer der stärksten Innovationsmotoren.
Warum sind so viele Wissenschaftler jedoch so konservativ?

In seinem Artikel „Wissenschaft war schon immer als offen gedacht“ auf der Authorea-Plattform schreibt Alberto Pepe, welche Probleme er persönlich damit hat, dass

  • Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts zum Publizieren Werkzeuge des 20. Jahrhunderts in einem Format des 17. Jahrhunderts verwenden.
  • 400 Jahre alte Artikel so aussehen wie heutige.
  • der technische Fortschritt ignoriert wird.
  • wenige Seiten beschriebenen Papiers dem Datenaufkommen heutiger Wissenschaft nicht gerecht werden können.

Er zitiert eine 400 Jahre alte Publikation von Galileo Galilei, in der Galileo von seinen Beobachtungen der Jupiter-Monde berichtet und daher seine Publikation folgende Punkte umfasst:

  • Sammlung von Daten
  • Sammlung von Metadaten (Zeit und Bedingungen der Beobachtungen)
  • seine eigenen Schlussfolgerungen und Hypothesen

Publikationen heutiger Wissenschaft können den ersten beiden Punkten aufgrund des gestiegenen Datenvolumens nicht mehr angemessen gerecht werden. Daher kann nur ein abstrakter Abriss gegeben werden, den kritische Leser nicht wirklich nachvollziehen und prüfen können. Damit kann die wiss. Community ihrer Aufgabe der kritischen Prüfung, Kontrolle und der Generierung alternativer Hypothesen oder gar Gegenhypothesen nicht mehr gerecht werden.

Konsequenz: Als Leser muss man dem abstrakten Abriss glauben und auf die Redlichkeit der Autoren hoffen.

Wissenschaft wird damit zur Glaubenssache und ihrem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht.

Dabei liefert das Internet bereits die Technik, es besser zu machen. Open science, Open Data und die Authorea-Plattform will eine Revolution in wiss. Publikation auslösen und wiss. Publikationen als offene, interaktive, annotierbare Notizbücher etablieren, die die vollen, unverkürzten Datensammlungen beinhalten und sie lesbar, kontrollierbar, prüfbar und weiterentwickelbar aufbereiten.

Wenn Galileo heute leben würde, wie würde er publizieren?

Zentrale Technologie ist dabei die Technik der Online-Notizbücher, siehe Jupyter.

CoLaboratory Notebook ist eine Chrome App, die offene, interaktive, annotierbare Notizbücher im Chrome-Browser ermöglicht.

Die Integration mit Google Drive findet man unter „Google Drive support for Jupyter Notebook“: „jypyther-drive„. Damit kann man auch kollaborativ in Echtzeit synchron an seinen wissenschaftlichen Auswertungen arbeiten.

Rodeo ist eine einfache Weboberfläche in JavaScript für datenintensive Auswertungen mittels Python und eine Alternative zum IPython-Kernel und -Notebook.

Studium ist auch Berufsvorbereitung

Christian Spannagel schreibt in seinem Blogbeitrag
Machen soziale Medien das Lernen sozialer?„:

Zitat: „Stören social media vielleicht nicht sogar das gemeinsame Lernen,als dass sie es befördern? Ich beobachte immer wieder, dass sich Studierende in ihren Lerngruppen immer wieder von Facebook- und Whatsapp-Messages ablenken lassen. Gruppenlernen wird gestört, wenn einzelne Gruppenmitglieder ihre Aufmerksamkeit zeitweise vom Lernen auf andere Inhalte lenken. In diesem Moment sind Online-Kontakte zumindest für den Moment wichtiger und attraktiver als die soziale Gruppe “Lerngruppe”. Auch beim Lernen alleine lenken social media natürlich immer wieder sehr leicht ab. Machen social media in diesem Fall also das Lernen sozialer?“

Galt die Priorität des Telefons gegenüber dem präsenten Gesprächspartner
nicht schon vor dem Zeitalter der sozialen Medien?
Allerdings tragen wir heute das Telefon überall mit uns herum
und die Wahrscheinlichkeit einer Unterbrechung ist dramatisch gestiegen.
Damit bekommt die Unterbrechung als Lebensphänomen eine neue Qualität.

Studium ist auch Berufsvorbereitung.
Facebook ist privat und hat nichts mit Arbeit zu tun.
WhatsApp ebenso.
Das gilt nicht aus technischen Gründen,
sondern weil es sich so eingeschliffen hat.

Es finden im Unterricht ständig Unterbrechungen durch das Private statt.
Sollte man nicht diese Diskurs-Ebene thematisieren
statt der technischen Symptome „Facebook“ & Co.?

Digital Natives kennen das Digitale zunächst nur aus dem Privaten.
So sind sie sozialisiert.
Sie können sich „professionelle Arbeit“ mit Facebook gar nicht vorstellen,
auch wenn es prinzipiell möglich ist.

Das Digitale kann man aber auch anders benutzen:
Die Open Source-Software-Entwickler-Gemeinde macht es weltweit vor,
was professionelle Arbeit im Internet bedeutet:
Ausgefuchste digitale Workflows mit
GitHub, Slack, Gerrit, Google Docs, Trello, …

Das sind professionelle Werkzeuge für professionelles Arbeiten.
Auch Digital Natives müssen das erst lernen.
Vielleicht ist es für sie sogar noch schwerer als für Digital Immigrants
aufgrund ihrer privaten Sozialisierung und Vorprägung.

„Wähle Deine Gewohnheiten“ schrieben schon
Venkat Subramaniam and Andy Hunt in „Practices of an Agile Developer“,
siehe https://kaul.inf.h-brs.de/wordpress/2013/06/bildung-als-bewusstseinsgestaltung/

Die privaten Gewohnheiten taugen nicht unbedingt für den Beruf.
Der Unterricht an den Hochschulen ist herausgefordert,
Menschen in die Lage zu versetzen,
private Gewohnheiten zu reflektieren,
ggfs. davon Abstand zu nehmen und loszulassen.

Unterbrechungen und Multi-Tasking sind für fokussiertes Lernen & Arbeiten vernichtend.
Sie erzeugen die Illusion einer Aktivität und Vernetztheit
und verhindern Tiefe.
Das gilt nicht nur für Denkprozesse,
sondern auch Beziehungen.

Gleichzeitig liegen diese Vermischungen von Privatem mit Beruflichem
im Trend der Zeit:
Man spricht von Work-Life-Balance oder Work-Life-Blend.
Das bedeutet auf der einen Seite größere Freiheit und Flexibilität,
auf der anderen Seite die Entgrenzung der Lebensbereiche.

Die größere Flexibilität erlaubt auch Personen
mit familiären oder beruflichen Verpflichtungen zu studieren.
Die Entgrenzung der Lebensbereiche bedeutet,
dass man auch in seiner Freizeit arbeitet
und in seiner Arbeitszeit Privates erledigt.
Die Vermischung ist so dicht, dass eine Buchführung kaum noch möglich ist.
(Datenschutz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung
verbieten auch eine solche Buchführung durch den Arbeitgeber
oder durch die Hochschule. Gleichzeitig fallen ja durch die
Nutzung der Geräte und der Internet-Dienste jede Menge Daten an,
die gesammelt und mit „Big Data“-Technologie ausgewertet werden.)
Ob sich das Private auf Kosten der Arbeit ausdehnt oder umgekehrt,
ist durch den Einzelnen kaum noch festzustellen.
(Im Endeffekt wissen dies Google, Facebook und Co. sehr genau,
nicht jedoch der einzelne Mensch, seine unmittelbare Umgebung,
sein Arbeitgeber oder seine Hochschule.
Eine Wissensverschiebung in globale Zentren findet damit statt.)
Trends wie „Bring-Your-Own-Device“ (BYOD) leisten
der Entgrenzung weiteren Vorschub.

Damit sind wir bei der nächsten Herausforderung,
der sich Hochschulen stellen müssen:
Die Arbeitswelt unterliegt massiven Veränderungen.
Mit Work-Life-Balance und Work-Life-Blend umzugehen,
diese zu reflektieren
und ganz praktisch seinen eigenen Weg zu finden,
der je nach Lebenssituation sehr verschieden sein kann,
ist eine neue Lehr- und Lernaufgabe im Hochschulstudium.