Klassengröße = 1 Milliarde

Education@Google: Class Size = 1 Billion, MIT OpenCourseWare’s Goal for the Next Decade

http://www.youtube.com/watch?v=S2PqRN1mK94

Der Titel spricht für sich.

Aus dem Text zum Video:

„Ten years ago, MIT helped launch a revolution in access to education when it announced it would place the core teaching materials from its entire curriculum online for anyone to use at no charge. Today, MIT OpenCourseWare shares materials from more than 2,000 MIT courses and more than 250 universities around the world have joined MIT in publishing their own course materials openly. Sites like YouTube.edu, Khan Academy, OpenStudy.com have emerged to explore this new territory of informal online learning. In December, MIT announced a new online learning initiative, MITx, which will offer a portfolio of free courses through an online learning platform that features interactivity and assessment.“

Verantwortung als Schlüsselkompetenz im Mittelpunkt unseres Bildungssystems

Wir leben heute im Zeitalter der Verantwortungsdiffusion. Daran ist nicht zuletzt die steigende Komplexität schuld: (1.) In komplexen Systemen ist die Verteilung und Klärung der Verantwortlichkeiten naturgemäß komplexer. (2.) Das Problem der ungeklärten Verantwortlichkeiten ist häufig die Wurzelursache vieler Missstände. (3.) Verantwortung ist auf mehr Schultern verteilt, daher für den Einzelnen weniger spürbar.

Man kann nur ändern, was man spürt.

Viele gesellschaftliche Trends führen heute von Verantwortung weg, ja sie trainieren den Menschen Verantwortungsbewusstsein regelrecht ab:

  • Die Abgabe persönlicher Verantwortung an ein System, egal welches, entlastet die Person, reduziert jedoch gleichzeitig Wachsamkeit und Verantwortungsbewusstsein und die Chance, daran zu lernen und zu reifen.
  • Die Regelungsdichte ersetzt zunehmend wachsames Verantwortungsbewusstsein. Folge ist stumpfes, mechanisches Regelbefolgen.
  • Bei höherer Regelungsdichte wird die Wahrscheinlichkeit für eine Regelverletzung größer. Die Angst davor, Regeln zu verletzen und schuldig zu werden, ist ein Verhinderer für Verantwortungsübernahme.
  • In komplexen Systemen stecken häufig Regel- und Zielkonflikte, die der Einzelne ausbaden muss, solange diese auf Systemebene nicht ausgeräumt sind. Die systemisch bedingten Konflikte wirken ebenfalls als Verantwortungsverhinderer.
  • Computerspiele trainieren Reaktionsvermögen und Problemlösekompetenz. Folge ist kalte Intelligenz, jedoch nicht Verantwortung.
  • Kinder verbringen heute mehr Zeit mit ihrem Computer als mit ihren Eltern. Welche Wirkung hat das?

Das Bildungssystem muss eine Gegenkraft entwickeln, die diesem Trend entgegen wirkt. Das käme einer Renaissance von Verantwortung gleich. Sie sollte als zentrale Schlüsselkompetenz in den Mittelpunkt unseres Bildungssystems gerückt werden.

Verantwortungsbewusstsein erhöht die Wachsamkeit und bietet die Chance zum Klarlernen (unser Blogtitel) und zur Reifung. Verantwortung ist ein Indikator für den Reifegrad.

Es gibt Verantwortung für sich selbst, für seine Mitmenschen, für seine Schulklasse, für seine Mitstudierenden, für seine Familie, für seine Firma, für sein Unternehmen, für seine Hochschule, für die Gesellschaft und schließlich für die Biosphäre und den Planeten Erde.

Verantwortung gilt es als Schlüsselkompetenz für das Bildungssystem wieder zu entdecken und zu beleben.

OpenEmpowerment als hochschul-didaktisches Leitbild

Versuch einer Geschichte und Zukunft der Hochschul-Didaktik in 5 einfachen Schritten:

1. Akademisches Studium hat sich in der Vergangenheit hauptsächlich um Theorien und kognitive Landkarten gedreht: Diese werden von den Dozenten in der Vorlesung gepredigt, von den Studierenden angeeignet und in der Prüfung abgefragt. Theorien können richtig oder falsch, konsistent oder inkonsistent, vollständig oder unvollständig, nützlich oder irreführend sein, wie uns post-post-moderne Meta-Theorien z.B. von Prof. Dr. Dan Ariely in „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“ oder Dr. Ben Goldacre in „Bad Science“ an eindrücklichen Beispielen erläutern. Leider kommt dieser Teil der Selbstanalyse der Wissenschaft im Studium so gut wie nicht vor. Das hat seine Gründe, siehe z.B. Pierre Bourdieu: „Homo academicus“.

Solchermaßen „gebildete“ Studierende eignen sich gut für den Selbsterhalt des akademischen Betriebs, allerdings weniger für „das reale Leben“, für die reale Berufswelt. Konzepte im Kopf zu haben, vielleicht sogar nur im Kurzzeitgedächtnis für die nächste Prüfung, ist keine wirklich nützliche Vorbereitung auf das Berufsleben. Daher wurden immer mehr kritische Stimmen laut. Also musste eine Reform initiiert werden. Das war einer von vielen anderen Impulsen für die Bologna-Reform.

Wir leben angeblich in einer Wissensgesellschaft. Das Wissen der Menschheit, jedenfalls das auf dem Papier und erst recht das im Web, explodiert regelrecht. Und dennoch wird die Gesellschaft immer unreifer und das Schulwissen immer unzureichender. Woran liegt das?

Das Wissen in Form kognitiver Landkarten hat einen Haken: Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Das Wissen ist nur ein „Wissen über“, kein Erkunden in der Realität selbst.

Wenn man das Wissen anderer einfach nur platt kopiert, nimmt man sich selbst die Chance der Erkenntnis und des eigenen Wachstums.

Hochschule ist keine Kopieranstalt. Die Industrialisierung der Bildung darf sie auch nicht dazu machen.

2. Dann kam es zur Bologna-Reform. Diese war nur für 10 Jahre geplant, hat jedoch im Jahre 2009 schon ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert und immer noch nicht ihre Ziele erreicht. Daher wird fleißig weiterreformiert.

Bologna will mit den Impuls-Konzepten „Employability“ und „Kompetenzorientierung“ Orientierung geben.

Employability ist dem Umstand geschuldet, dass die meisten (95%?) Studierenden hinaus ins reale Leben gehen und nicht im akademischen Betrieb verbleiben. Daher ist der Hochschule-Bildungsbetrieb falsch ausgerichtet und bedarf einer Korrektur. Das Employability-Impuls-Konzept will, dass Hochschulen primär für die berufliche Praxis ausbilden und nicht für den Verbleib im akademischen Betrieb.

Kompetenzorientierung ist dem Umstand geschuldet, dass Wissen und Können verschieden sind: Kognitive Landkarten alleine reichen nicht. Um etwas zu können, muss man mehr verinnerlicht haben, als nur Wissen. Absolventen, die, wenn sie nachhaltig „gelernt“ haben, Theorien und kognitive Landkarten aus dem Studium im Kopf haben, verfügen damit noch lange nicht über ein Können, das ihnen in der beruflichen Praxis wirklich weiter hilft.

3. Emotionale Kompetenz als Schlüssel: Prof. Dr. John Erpenbeck sieht in der emotionalen Kompetenz den Schlüssel zur Employability. Wenn es die kognitiven Landkarten nicht bringen, sollen es die Emotionen tun. Zur emotionalen Kompetenz verhelfen uns Erlebnispädagogik und Erfahrungsdidaktik.

4. OpenEmpowerment: John Erpenbeck versteht unter Kompetenzen die Fähigkeiten, in unerwarteten (zukunfts-) offenen Situationen kreativ und selbstorganisiert zu handeln. Bildung geht nachhaltiger über Verhaltensveränderung als über Wissensanreicherung, wie Forschung in der Verhaltensökonomie (behavioral economics), Marketingforschung ebenso wie Psychotherapieforschung gezeigt haben. Das Ziel ist also klar: Bildung soll Menschen ermächtigen, in unerwarteten (zukunfts-) offenen Situationen kreativ und selbstorganisiert zu handeln. Das Konzept „OpenEmpowerment“ von Prof. Dr. Gunter Duck passt hier gut, Erläuterungen dieses Konzepts siehe im Artikel von Dueck. Es geht um eine Ermächtigung für Zukunft. Von Zukunft wissen wir nicht, wie sie sein wird. Die nächsten Generationen sollen jedoch nicht hilflos den kommenden Problemen ausgesetzt sein, sondern ermächtigt, die lösbaren Probleme lösen und diese von den unlösbaren unterscheiden zu können. Dazu braucht es Wissen und Können.

OpenEmpowerment ist ein umfassenderes Konzept für Hochschulen und Hochschul-Didaktik. Es ist mehr als nur kognitive Landkarten. Es ist auch mehr als emotionale Kompetenz.

5. Die Ermächtigung zum kreativen und selbstorganisierten Handeln enthält noch keine Aussage über den Reifegrad und die Wirkungsqualität dieses Handelns. Auch unreifes Handeln kann kreativ und selbstorganisiert sein. Auch egozentrisches Handeln kann kreativ und selbstorganisiert sein. Hier fehlt mal wieder die Dimension der Reife. Dabei war Reife einmal das zentrale Thema der Bildung. Abitur hieß mal „Reifezeugnis“. In Österreich sagt man noch das lateinische Wort „Matura“ dazu. Wie konnte die Bildungsdiskussion ihr eigentliches Herz vergessen? Siehe dazu auch meinen Blog-Eintrag vom 24.05.2011.

Intrinsisch ist nicht immateriell

In ihrem Artikel „Zur Professionalität von Hochschulleitungen im Hochschulmanagement: Eindrücke und Erklärungsversuche aus einer Interviewserie des MogLI-Projekts“ in der Zeitschrift „Das Hochschulwesen“ (HSW), 59. Jahrgang, Heft 4, 2011, berichten die Autoren Becker, Tassen, Wild und Stegmüller über einige überraschende Inkonsistenzen, die sie bei den Interviews mit Hochschulleitungen erlebt haben.

In den Interviews wurde den Autoren klar, dass Hochschulmanager i.d.R. den Unterschied zwischen „immateriell motiviert“ und „intrinsisch motiviert“ gar nicht kennen, beide Begriffe in einen Topf werfen und dementsprechend zu Fehlsteuerungen bei der Motivation ihrer Mitarbeiter neigen.

Daher hier ein paar Sätze zur Klärung:

Immaterielle Motivationsanreize sind z.B. lobende Presseartikel über Dozentinnen und Dozenten, Lehrpreis, Ehrungen, etc.

In Wikipedia kann man lesen „Intrinsische Handlungen, auch autotelisch genannt, sind eigenbestimmt und brauchen deshalb keine Anstöße von außen.“. Offenbar muss man hinzu fügen, um diesen Punkt deutlich zu machen: „… keinerlei Anstöße von außen, auch nicht immaterielle.“

Hochschule war mal der Ort prädestiniert in der Gesellschaft für intrinsische Motivation und autotelisches Handeln. Man wurde Professor/Professorin aus Interesse, aus Freude, aus Begeisterung, aus Leidenschaft. Auch heute gilt: Die begeisterte Professorin, die die Begeisterung für ihr Forschungsgebiet vermitteln kann, ist die beste Professorin. Eine solche Professorin muss nicht wie eine Mitarbeiterin in einem Unternehmen motiviert werden. Sie hat die Motivation schon.