Bewusstsein macht den Unterschied

Über Jahrhunderte hat das Militär
den Umgang mit Pferden geprägt:
Die Pferde mussten blind gehorchen,
ihrem Reiter blind vertrauen,
blind in die Gefahr hinein laufen ohne zu scheuen,
ihr eigenes Empfinden, Bewusstsein, Reflexe,
sogar ihren Überlebensinstinkt ausschalten.
Dazu hat die Dressur ihren eigenen Willen gebrochen
und das Bewusstsein und die Instinkte der Pferde
ausgeschaltet.

Erst heute entsteht die Erkenntnis,
dass man das Bewusstsein der Pferde nicht ausschalten muss,
sondern dass man mit ihm arbeiten und es nutzen kann:

Wenn das Pferd in seine Box gehen soll,
so geht die Reiterin voran,
weil sie das Alpha-Tier der kleinen Herde ist und
und sie damit die Verantwortung hat,
dass sich in der Höhle „keine Wölfe versteckt“ haben.

Wenn das Pferd eine Gefahr passieren soll,
so geht die Reiterin zwischen Pferd und Gefahr,
weil sie das Alpha-Tier ist und
und damit die Verantwortung hat,
die Gefahr einzuschätzen und
dem Pferd zu zeigen, wie zu reagieren ist.

Das ist arbeiten mit dem Bewusstsein
und den Instinkten des Pferdes
und nicht dagegen.
Bewusstsein und Instinkte müssen nicht niedergeprügelt werden
wie in der militärischen Zeit.
Der eigene Wille des Pferdes muss nicht gebrochen werden.
Das Bewusstsein des Pferdes muss nicht abgeschaltet werden,
um zuverlässig mit ihm arbeiten zu können.

Der Mensch hat die Intelligenz, sich auf
das Bewusstsein und Instinkte des Pferdes einzulassen
und damit zu arbeiten statt diese auszuschalten.

Das Bewusstsein des Pferdes ist so viel wert,
es kann nützlich sein,
ja sogar das Leben des Reiters retten.
In gefährlichen Gebirgsritten vertrauen die Reiter
dem Instinkt der Pferde, um einzuschätzen,
welche Pfade sicher sind und welche nicht.

Außerdem ist die Zeit des militärischen Dogmas vorbei.
Die Gesellschaft benötigt keine Maschinenpferde mehr
für die Schlacht auf dem Felde „Mann gegen Mann“.

In der Bildungsdiskussion wird
der Übergang von Wissen zu Kompetenzen
als große Errungenschaft gefeiert.
Sicher ist das ein wichtiger Schritt.
Und gleichzeitig gilt es noch
die Rolle des Bewusstseins dabei genauer zu verstehen.

Denn in beiden Fällen kann blindes Lernen geschehen,
bekannt als Pauken, Klausurlernen, Bulimielernen.
Erst Bewusstsein macht den Unterschied:
Arbeitet der Lehrer mit dem Bewusstsein der Schüler oder dagegen?
Geht es ihm um das blinde Pauken,
bewusstloses Kopieren oder
das Arbeiten mit Bewusstsein, den vorhandenen Empfindungen,
Vorstellungen, Reaktionen und Denkweisen der Schüler und Studierenden?
Bewusstsein macht den Unterschied.

Nicht alle Verantwortung liegt beim Lehrer.
Auch der Schüler muss sich entscheiden,
ob er den scheinbar müheloseren und „effizienteren“ Weg
des bewusstlosen Klausurlernens geht,
oder ob er sich die Mühe macht
und sich die zusätzliche Zeit nimmt,
sein eigenes Empfinden und Denken mit in den Lernprozess
hinein zu nehmen, damit zu arbeiten,
es auf die Waagschale zu werfen,
abzuwägen und kritisch zu hinterfragen,
welche Anteile an Halbwissen, Vorurteilen
und Missverständnissen sich im eigenen Denken eingenistet
oder gar automatisiert hatten,
statt es zu unterdrücken und platt zu bügeln.
Solange Lernen als bewusstloser Kopierprozess verstanden wird,
egal ob auf der Ebene des Wissens oder der Kompetenzen,
bleibt die Gesellschaft im alten Paradigma gefangen.

Blindes Lernen produziert Maschinenmenschen.
Diese waren in der militärisch-industriellen Zeit erforderlich,
solange es keine Computer gab,
jedenfalls glaubte man es so.

Heute gibt es Computer.
Heute gibt es das Internet.
Und diese sind keine vorübergehende Erscheinung
und sie werden nicht wieder verschwinden,
wie Gunter Dueck so schön provokativ sagt.
Die „gute alte Zeit“ wird nicht wieder zurück kehren.
Die militärisch-industrielle Zeit ist endgültig vorbei.
Gott sei Dank!

Leider hat sich das Jahrhundere alte militärische Denken
so tief in unserer Kultur verankert,
dass es automatisiert passiert
und unterhalb des Bewusstseinsradars läuft.
Daher sind solche Blogposts wie dieses hier
leider immer noch erforderlich.

Leben in Begriffsgebäuden

Beim Bulimielernen oder Klausurlernen hat man das Gefühl,
man müsse die Powerpoints des Dozenten auswendig lernen,
um sie in der Klausur möglichst originalgetreu wieder zu geben
– und dann auch umgehend zu vergessen.

Ein solches Lernen ist wertloses Lernen.
Schon die alten Lateiner versuchten dagegen zu halten mit
„Non scholae sed vitae discimus!“
– „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“
Auch vor 2000 Jahren gab es schon Bulimielernen.

In der Vorlesung führt der Dozent in ein Begriffsgebäude ein,
in dem ganze Berufsgruppen denken, arbeiten,
leben, genießen, leiden und begeistern.
Alles hat seine Struktur.
Es gibt viele Querbeziehungen
und immer wieder Neues zu entdecken.
Jeder einzelne Begriff ist wichtig und
von Generationen immer wieder auf die Goldwaage gelegt worden.
Begriffe sind Errungenschaften,
die Erfahrungen und Ergebnisse in eine Form gießen.
Sie bekommen dadurch Festigkeit und werden be-greifbar.
Auch Mathematik ist eine Sprache,
die sich über Jahrhunderte erst mühsam bilden musste.

Manchmal werden die Begriffsgebäude zu fest und unflexibel,
so dass das Gebäude eingerissen werden
und ein neues gebaut werden muss,
z.B. Newtonsche vs. Einsteinsche Physik.
Einreißen ist wichtig und bringt die Wissenschaft weiter,
jedoch nicht bei Anfängern.
Es ist eine Prä-Trans-Verwechslung,
gleich am Anfang alles einreißen zu wollen.

Im Bulimielernen ist das alles kein Begriffsgebäude,
sondern eher ein loser Steinhaufen,
lieblos dahin geschüttet,
ohne Bezug zur eigenen Realität.
Oder ein Schutthaufen der Wissenschaftsgeschichte
mit allen ihren Reduktionismen und Irrtümern.

Die Vorlesung ist als erste Führung durch ein Begriffsgebäude gemeint,
wird im Bulimielernen jedoch als sinnloser Schutthaufen begriffen.
Was gelehrt wird ist nicht das, was gelernt wird.
Gelernt wird die Pseudorealität eines Klausurpunktesystems,
das nur Korrektheit und Gleichheit misst.
Moderne pädagogische Ansätze wie Constructive Alignment
fordern noch engere Engführung auf die Prüfung hin
und machen die Bulimie noch bulimischer.

Der Unterschied liegt dabei lediglich in der subjektiven Haltung,
mit der die Führung durch das Begriffsgebäude wahrgenommen wird,
nämlich als Einladung, in diesem Begriffsgebäude zu
denken, arbeiten, leben, genießen, leiden und zu begeistern
oder als lästige Pflicht, noch mehr totes Material zu schlucken,
auf der inneren Festplatte zu speichern,
auf Kommando auszuspucken und zu löschen.

Subjektivität macht auch hier wieder den Unterschied.
Daran kann Objektives (auch Wissenschaft) nichts ändern.

Und gleichzeitig ist festzustellen,
dass nicht nur das Individuum die alleinige Schuld trägt,
sondern auch die Gesellschaft,
wenn sie das Maschinenhafte zu sehr anhimmelt:
dass man seine Leistung auf Knopfdruck abrufen könne,
dass man fehlerlos kopieren könne,
dass man ein fehlerloses Gedächtnis habe,
dass man fehlerlos arbeiten könne.

Das Maschinenhafte wird zunehmend auf die Maschinen verlagert
und der Mensch wird den Wettkampf mit der Maschine verlieren,
solange er sich im Maschinenhaften zu messen wähnt.

Daher muss sich Bildung zunehmend fragen,
was dem Menschen übrig bleibt.

Da sind vor Allem die Fragen:

  • Was ist global für uns alle wichtig?
  • Was ist hier mit uns los? / Was ist hier und jetzt die Realität?
  • Wie wollen wir alle leben?

Fragen, die Maschinen nicht stellen können und auf denen Algorithmen keine Antwort haben.

Abstumpfendes und sensibilisierendes Lernen

Die Zeitung „Die Welt“ fasst online als „HD Welt“ in ihrem Artikel „Mit diesen Tricks lernen Studenten effektiver“ unter der Rubrik „Wissen“ ein paar lesenswerte Tricks zusammen, wie man als Studierende den inneren Schweinehund bekämpfen und sich dann doch aufraffen kann, um für die Klausur zu lernen und sich durchzubeißen.

Jörn Löviscach sagte dazu so schön: „Wenn ich das schon höre, dass Studierende der Vorlesung fernbleiben, weil sie für die Klausur lernen müssen, dann weiß ich: Das ist Bulimielernen.“ Wozu dienen die vorgeschlagenen Tipps und Tricks? Geht es um wirkliches Lernen und noch zielorientierter in die Bulimie hinein?

Statt Bulimielernen könnte man auch sagen „Maschinenlernen“, „Roboterlernen„, Auswändiglernen, herzloses Lernen, Pauken. Dabei kann der Roboter das Roboterhafte besser als wir Menschen. Uns mit Robotern zu messen ist der falsche Weg. In einer Zeit, in der immer mehr Arbeit vom Menschen auf Maschinen übertragen wird, darf der Mensch nicht zur Maschine gemacht werden, auch nicht zur „Lernmaschine„. In einer Zeit, in der die Chinesen als Weltmeister des Auswändiglernens nun Problem Based Learning (PBL) für sich entdecken und es breitflächig im eigenen Lande implementieren, um Weltmeister bei den Erfindungen und Patenten zu werden, darf Europa durch das Auswändiglernen nicht in das stupide Kopieren und Nachmachen zurück fallen.

Diese Art von Pauken ist Flachlernen, das Gegenteil von Tiefenlernen, wie es z.B. die ehemalige HRK-Präsidentin Frau Wintermantel von ihren Unis immer gefordert hat, deren gewählte Leitung sie war. Flachlernen ist eine Folge von Zwangslernen, egal ob der Zwang extern durch Dozenten, Regeln, Systemvorgaben oder intern durch Tricks zur Bekämpfung des eigenen inneren Schweinehundes induziert war.

André Kless meint dazu: Wenn man eine Lernsituation hat, in der sich nichts mehr daran ändern lässt, dass man etwas lernen muss, für das man kein Interesse und keine Motivation hat, also es ums „Durchbeißen“ geht. Dann sind die Tipps der „HD Welt“ gute Tipps. Typisch deutsch ist der Lösungsansatz, dass alles eine Frage der Planung/Strukturierung der eigenen verfügbaren Zeit ist (Spickzettel, feste Arbeitszeiten, Pausen machen, Abwechslung schaffen, Zehn-Minuten-Trick). Dass es auch anders geht, über intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Liebe zum Fach, Begeisterung und Neugier, wird im „HD Welt“-Artikel mit keinem Wort erwähnt.

Es gibt sowohl abstumpfendes als auch sensibilisierendes Lernen, Fremdlernen und Selbstlernen, fremdbestimmtes Lernen und intrinsisch motiviertes Lernen, Klarlernen und Entfremdungslernen, Flexibilisierungslernen und Erstarrungslernen, Konditionierung, Mechanisierung.

Psychologen haben Menschen ein Holzstück gegeben und sie gefragt, was man damit machen könne. Kindern fiel ein Vielfaches an Möglichkeiten ein als Erwachsenen (konvergierendes und divergierendes Denken). Engt uns Schullernen ein? Bekommt unsere Phantasie durch die Schule einen Tunnelblick verpasst? Dient Lernen der Öffnung oder der Installation von Scheuklappen?

Ordnung und Disziplin sind wichtig. Das soll hier nicht verteufelt werden. Lernen ist keine Spazierfahrt oder Unterhaltung. Die Gegner des „Edutainment„-Ansatzes legen auf dieses Argument großen Wert. Studieren jedoch auf Maximierung von abrufbarem Wissen, Ordnung und Disziplin zu reduzieren, ist Irreführung, in Deutschland auch Irreführung gesellschaftlichen Ausmaßes mit fatalen Folgen. Es wird höchste Zeit, dass typisch deutsche Tugenden durch das noch Fehlende ergänzt werden, durch Sinn, intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Zukunftsgestaltung, Eroberung der neuen Welt (heute ist das die digitale Welt, die neu ist), Liebe zum Fach, Begeisterung für Forschung und Neugier an der Erkundung unserer Lebenswelt und dieses zutiefst menschliche „es wissen wollen“.

Lernst du noch oder verstehst du schon?

Vortrag von Jörn Loviscach am 26.6.2015 zum Thema Digitalisierung in der Bildung:

Der Videotext auf Youtube dazu: „Externe Referenten sowie Dozenten und Mitarbeiter der Hochschule Fresenius diskutierten am 26. Juni zentrale Fragen zum digitalen Wandel im Sinne einer Ergänzung der Lehre sowie deren Möglichkeiten und Grenzen. Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik sowie Themenpate im Hochschulforum Digitalisierung für Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien, leitete den 1. Tag der digitalen Lehre mit einer Frage ein: „Lernst du noch oder verstehst du schon?“ Bei ihm schrillten immer die Alarmglocken, wenn er höre, dass jemand noch lernen müsse. „Wer sich hinsetzt und „lernt“, will wahrscheinlich eher Lösungsrezepte pauken und weniger Hintergründe und Zusammenhänge verstehen“.“

Sehr schön das Fazit auf der letzten Folie: Digitalisierung macht Bildung nicht per se besser: Etwas wird nicht dadurch gut, dass es digitalisiert wird.

Ein differenzierterer, kenntnisreicherer, weitblickender Dialog wäre angebracht.

Folgende Aspekte der Digitalisierung findet Jörn Loviscach interessant:

Digitalisierung als
– Belehrmaschine
– Entdeckmaschine
– Verstehmaschine
– Schummelmaschine
– Abschöpfmaschine

Was uns dabei fehlt sind folgende Aspekte:

  • Kommunikationsmaschine
  • Kooperationsmaschine
  • Kollaborationsmaschine
    • The future is mass collaboration.
    • Globale Vernetzung
  • Simulationsmaschine
  • Game Engine

Es fehlt auch der Aspekt der „Konstruktion neuer Welten“ ([Frank 2009]):
Geld hat eine neue Welt erschaffen, die Finanzwelt (mit allen Vor- und Nachteilen). Geld dient nicht nur dem Komfort der alten Welt, sondern erschafft ein neues Universum mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es ist nicht nur ein Paralleluniversum, sondern hat teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

Genauso verhält es sich mit dem Digitalen. Das Digitale dient nicht nur der physischen Welt und macht das Leben darin leichter (oder schwerer …), sondern ist eine Art Meta-Infrastruktur zur Erschaffung neuer Universen mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es werden nicht nur Paralleluniversen geschaffen. Diese haben auch teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

F.J. Radermacher sieht in der Dematerialisierung des Wohlstands die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung, siehe meinen alten Blogbeitrag „Dematerialisierung des Wohlstands„. Es geht also nicht um das Ja oder Nein zum Digitalen, sondern um die gesellschaftliche Aufgabe der Eroberung, Nutzbarmachung und Zivilisierung der neuen Universen. So wie vor 100 Jahren die Völker sich einen Wettlauf um die Eroberung der „Neuen Welt“ lieferten, so findet heute ein Wettlauf um die Eroberung des Digitalen statt. An den Internet-Giganten kann man studieren, wie klar dies erkannt wurde und wie strategisch man dort vorgeht.

Wenn man die Welt erorbern will, oder eine neue Welt erschaffen will, kann man nicht im Sandkasten (oder im Klassenzimmer) sitzen bleiben.

Gunter Dueck sagte einmal in einem Vortrag: Nun haben wir das Internet schon über 20 Jahre und sie diskutieren hier in Deutschland immer noch darüber, ob wir es haben wollen.

Zur These von der „Dematerialisierung des Wohlstands“ ist hinzuzufügen, dass es auch um die Demateralisierung des Denkens geht. Die Anhaftung ans Konkrete, an Greifbares, an handfeste Lösungsrezepte ist Kennzeichen eines materiellen Denkens. Wenn man eine Klausur bestehen will, scheint das beste Rezept zu sein, alle Lösungen darin bereits auswendig zu kennen. Klausuren, die solche Erfolgsstrategien zulassen, fördern die Anhaftung und verhindern Reifung.

Die Loslösung davon, also Abstraktion, erfordert        

  • den Mut zu Fehlern
  • den geschützten Raum für Fehler
  • Erfahrung
  • Reflexion
  • Erfahrungswissen
  • Vernetzung
  • Anwendung
  • selber denken
  • selber ausprobieren
  • Reife

Das war schon immer so. Schließlich hieß das Abitur ja mal „Reifezeugnis“. Neu ist dass das Digitale den Bedarf an dematerialisiertem Denken massiv steigert.

Literatur: [Frank 2009] Ulrich Frank: „Die Konstruktion möglicher Welten als Chance und Herausforderung der Wirtschaftsinformatik“, in: Wissenschaftstheorie und gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik, Springer-Verlag, 2009, pp. 161-173. Springer-Link: http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-7908-2336-3_8

Die Mauer

Beim Marathon-Laufen gibt es ein Phänomen,
das sich „Die Mauer“ nennt:
Bei Kilometer 37 (mehr oder weniger) läuft man gegen
diese Mauer und glaubt, aufgeben zu müssen.
Das Gefühl ist unerträglich.
Man kann nicht mehr.
Nichts scheint mehr zu gehen.

Und dennoch ist es nur ein Gefühl.
Wenn man dann nicht aufgibt,
weitermacht,
dabei bleibt,
nicht flüchtet,
nicht aufgibt,
dann geht es irgendwann doch wieder
und man kann im Rückblick
das Phänomen als rein psychisches Problem erkennen.
Obwohl sich die körperlichen Symptome so echt anfühlten,
waren sie doch nur psychisch und der Körper völlig in Ordnung.

Bildung ist eine enorme Investition
und wird daher auch ökonomisch untersucht:
Bei welchen Menschen lohnt sich Bildung wirklich?
Dazu wurde der Muffin-Test entwickelt,
der sich trotz seiner Schlichtheit
durch jahrelange Tests als signifikant erwiesen hat:
Man gebe den Probanden einen Muffin mit dem Hinweis,
dass sie einen zweiten bekommen,
wenn sie den ersten nicht anrühren.
Diejenigen Probanden, die warten können,
erweisen sich als erfolgreiche Absolventen.
Das Quäntchen Selbstdisziplin scheint den Unterschied auszumachen.

Dieses Phänomen wird oft beschrieben mit
„den inneren Schweinehund bekämpfen“.
Die Menschen, die sich mit diesem Bild identifizieren,
sind jedoch keine friedlichen Menschen,
denn sie sind verstrickt in einen inneren Kampf,
eine innere Zerissenheit
zwischen moralischem Anspruch und dem gewohntem Phlegma,
die keinen grundlegenden Frieden zulässt.
Da ist der ständige innere Dialog zwischen
„ich sollte“, „ich müsste“ auf der einen Seite und „ich will aber nicht“
oder „ich habe keine Lust“
oder einfach „Jetzt nicht“ auf der anderen Seite
Im Erfinden von Ausnahmen sind wir dann sehr erfinderisch.
Dieses Phänomen erlebt gerade unter dem Schlagwort
Prokrastination“ große Aufmerksamkeit.
Dazu Wikipedia: „Aufschieben, auch Prokrastination (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub oder Bummelei (im Volksmund auch Aufschieberei oder Aufschieberitis), ist das Verhalten, als notwendig, aber unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen. Aufschieben gilt als schlechte Arbeitsgewohnheit. Drei Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Verhalten als Prokrastination eingestuft werden kann: Kontraproduktivität, mangelnde Notwendigkeit und Verzögerung.“

Geht das: Selbstdisziplin UND gleichzeitig grundlegenden Frieden?

Beim Lernen von Skilanglauf habe ich
als Anfänger einen Hügel gehabt,
bei dem ich immer wieder gestürzt bin.
Die Schwierigkeit, an der ich immer wieder gescheitert bin,
fühlte sich an wie eine Mauer.
Anstatt mir eine einfachere Strecke zu suchen,
bin ich genau diesen Hügel immer wieder angestiegen
und abgefahren, bis die Abfahrt kein Problem mehr wahr.
Das Lern-Phänomen fühlte sich an wie das Umlegen eines Schalters:
Ich hatte verstanden, was man mit den Skiern machen musste,
wenn eine Spurrille die Skier in die falsche Richtung lenkte
und den Sturz verursachte.
Ohne meine Beharrlichkeit hätte sich diese Erkenntnis nie eingestellt
und ich wäre mein Leben lang immer nur einfachere Loipen gefahren.
Ich hätte mir eingeredet,
dass ich Loipen nur bis zu einem gewissen Schwierigkeitsgrad
fahren könne.

Das zu frühe Begnügen mit der zu kleinen Kompetenz
verhindert Weiterlernen und blockiert den Weg zur Meisterschaft.

klarlehren

Das Gegenstück zu klarlernen ist klarlehren,
also das Prinzip der Lehre,
die Methode der Vorbereitung auf den Lernprozess
und die Methode der Durchführung,
der Nachbereitung und Reflexion.

Das ist mein Ansatz für Videos in der Lehre:
Wenn mir etwas klar geworden ist,
also aus dieser Erkenntnis heraus,
aus diesem Augenblick der Klarheit,
entwerfe ich 5-10 Folien,
die die Idee darstellen
und drehe dazu gleich das Video
als kurzes Erklärvideo von 5 bis 10 Minuten,
das sich auf die eine Idee fokussiert
und diese so klar wie möglich vermittelt.

Wittgenstein: Alles was sich sagen lässt,
lässt sich klar und deutlich sagen.

Der Anlass dazu kann unterschiedlich sein:
Ich habe etwas Interessantes gelesen,
eine stimulierende Diskussion gehabt
oder ein bestimmter Fehler tritt immer und immer wieder auf,
so dass man sich fragt, woran das wohl liegen möge
und wo es am Verständnis mangelt,
welcher winzige Punkt noch nicht verstanden wurde,
welches Kippmoment zum vollen Verständnis noch fehlte.

Das ist Reflexion, die nicht nur für fremde,
sondern auch für die eigenen Lernprozesse geeignet ist.
Wo hapert es eigentlich noch in meinem eigenen Verständnis?
Wo stockt mein eigener Lernprozess?

Der sokratische Dialog macht aus klarlernen und klarlehren
einen gemeinsamen sozialen Prozess.
Bloggen ist heute die digitale Version des sokratischen Dialogs.

Im altem Griechenland lungerten die Wissensbegierigen quasi
im Atrium der Universität herum,
um an den kostbaren Momenten der Klarheit
teilhaben zu können.
Universitas
http://www.leps.de/up/diss/1-img49.jpg
Heute lungern sie im Internet herum.

Die heutigen eng getakteten Vorlesungen und Übungen
haben schon einen anderen Charakter.
Es wäre Schade, wenn uns dadurch die Klarheit verloren ginge.

Studium ist auch Berufsvorbereitung

Christian Spannagel schreibt in seinem Blogbeitrag
Machen soziale Medien das Lernen sozialer?„:

Zitat: „Stören social media vielleicht nicht sogar das gemeinsame Lernen,als dass sie es befördern? Ich beobachte immer wieder, dass sich Studierende in ihren Lerngruppen immer wieder von Facebook- und Whatsapp-Messages ablenken lassen. Gruppenlernen wird gestört, wenn einzelne Gruppenmitglieder ihre Aufmerksamkeit zeitweise vom Lernen auf andere Inhalte lenken. In diesem Moment sind Online-Kontakte zumindest für den Moment wichtiger und attraktiver als die soziale Gruppe “Lerngruppe”. Auch beim Lernen alleine lenken social media natürlich immer wieder sehr leicht ab. Machen social media in diesem Fall also das Lernen sozialer?“

Galt die Priorität des Telefons gegenüber dem präsenten Gesprächspartner
nicht schon vor dem Zeitalter der sozialen Medien?
Allerdings tragen wir heute das Telefon überall mit uns herum
und die Wahrscheinlichkeit einer Unterbrechung ist dramatisch gestiegen.
Damit bekommt die Unterbrechung als Lebensphänomen eine neue Qualität.

Studium ist auch Berufsvorbereitung.
Facebook ist privat und hat nichts mit Arbeit zu tun.
WhatsApp ebenso.
Das gilt nicht aus technischen Gründen,
sondern weil es sich so eingeschliffen hat.

Es finden im Unterricht ständig Unterbrechungen durch das Private statt.
Sollte man nicht diese Diskurs-Ebene thematisieren
statt der technischen Symptome „Facebook“ & Co.?

Digital Natives kennen das Digitale zunächst nur aus dem Privaten.
So sind sie sozialisiert.
Sie können sich „professionelle Arbeit“ mit Facebook gar nicht vorstellen,
auch wenn es prinzipiell möglich ist.

Das Digitale kann man aber auch anders benutzen:
Die Open Source-Software-Entwickler-Gemeinde macht es weltweit vor,
was professionelle Arbeit im Internet bedeutet:
Ausgefuchste digitale Workflows mit
GitHub, Slack, Gerrit, Google Docs, Trello, …

Das sind professionelle Werkzeuge für professionelles Arbeiten.
Auch Digital Natives müssen das erst lernen.
Vielleicht ist es für sie sogar noch schwerer als für Digital Immigrants
aufgrund ihrer privaten Sozialisierung und Vorprägung.

„Wähle Deine Gewohnheiten“ schrieben schon
Venkat Subramaniam and Andy Hunt in „Practices of an Agile Developer“,
siehe https://kaul.inf.h-brs.de/wordpress/2013/06/bildung-als-bewusstseinsgestaltung/

Die privaten Gewohnheiten taugen nicht unbedingt für den Beruf.
Der Unterricht an den Hochschulen ist herausgefordert,
Menschen in die Lage zu versetzen,
private Gewohnheiten zu reflektieren,
ggfs. davon Abstand zu nehmen und loszulassen.

Unterbrechungen und Multi-Tasking sind für fokussiertes Lernen & Arbeiten vernichtend.
Sie erzeugen die Illusion einer Aktivität und Vernetztheit
und verhindern Tiefe.
Das gilt nicht nur für Denkprozesse,
sondern auch Beziehungen.

Gleichzeitig liegen diese Vermischungen von Privatem mit Beruflichem
im Trend der Zeit:
Man spricht von Work-Life-Balance oder Work-Life-Blend.
Das bedeutet auf der einen Seite größere Freiheit und Flexibilität,
auf der anderen Seite die Entgrenzung der Lebensbereiche.

Die größere Flexibilität erlaubt auch Personen
mit familiären oder beruflichen Verpflichtungen zu studieren.
Die Entgrenzung der Lebensbereiche bedeutet,
dass man auch in seiner Freizeit arbeitet
und in seiner Arbeitszeit Privates erledigt.
Die Vermischung ist so dicht, dass eine Buchführung kaum noch möglich ist.
(Datenschutz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung
verbieten auch eine solche Buchführung durch den Arbeitgeber
oder durch die Hochschule. Gleichzeitig fallen ja durch die
Nutzung der Geräte und der Internet-Dienste jede Menge Daten an,
die gesammelt und mit „Big Data“-Technologie ausgewertet werden.)
Ob sich das Private auf Kosten der Arbeit ausdehnt oder umgekehrt,
ist durch den Einzelnen kaum noch festzustellen.
(Im Endeffekt wissen dies Google, Facebook und Co. sehr genau,
nicht jedoch der einzelne Mensch, seine unmittelbare Umgebung,
sein Arbeitgeber oder seine Hochschule.
Eine Wissensverschiebung in globale Zentren findet damit statt.)
Trends wie „Bring-Your-Own-Device“ (BYOD) leisten
der Entgrenzung weiteren Vorschub.

Damit sind wir bei der nächsten Herausforderung,
der sich Hochschulen stellen müssen:
Die Arbeitswelt unterliegt massiven Veränderungen.
Mit Work-Life-Balance und Work-Life-Blend umzugehen,
diese zu reflektieren
und ganz praktisch seinen eigenen Weg zu finden,
der je nach Lebenssituation sehr verschieden sein kann,
ist eine neue Lehr- und Lernaufgabe im Hochschulstudium.

Der Dreissprung der Digitalen Gestaltung

Technologie alleine reicht nicht: Technologie in den Klassenraum zu pumpen, ohne etwas an der Didaktik zu ändern, hieße alten Wein in neue Schläuche zu gießen:
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Quelle: Vortrag von Jörn Loviscach, Keynote auf dem E-Learning-Tag der TUM, 19. März 2015, Gesamtliste aller Videos, samt Suchfunktion:
http://www.j3L7h.de/videos.html

Technologie alleine bringt es nicht. Z.B. Videos statt Vorlesung: Erste Auswertungen zeigen, dass Flipped Classroom kombiniert mit traditionellen Klausuren im alten Stil noch nichts am Lernerfolg verändert.

Vortrag von Jörn Loviscach auf Youtube:

Technologie ist nur der Ermöglicher für Neues. Was das Neue ist, muss aktiv angegangen, entschieden und konstruiert werden:

Das Digitale muss aktiv gestaltet werden.

An erster Stelle steht schnellere, umfassendere, vielgestaltige [*] Information und sofortige Kontrolle der Lernschritte mit Quizzes. (Anm. [*]: Statt Multimedia sagen wir besser „Vielgestaltigkeit“. Es geht nicht um „Klicki-Bunti„, sondern die bessere Unterstützung, bessere Bedienung, besserer Service für die vielen heterogenen Lernwege, Bildungsbiographien, Lerntypen, Lerngewohnheiten.)

Loviscach hat folgende interessante Definition von „Blended Learning„: Blended Learning heißt in seiner Lesart Arbeitsteilung zwischen Mensch und Computer. Manches kann der Computer besser. Anderes kann der Mensch besser. Also kommt es auch den richtigen Mensch-Computer-Mix an. Hochschule 2.0 gestalten heißt demnach, diesen Mix zu optimieren. Wenn man das Gefühl hat, die Probleme wachsen einem über den Kopf, dann ist man wahrscheinlich in alten Denkmustern stecken geblieben und nutzt die neuen Chancen nicht.

An zweiter Stelle steht bereits intensivere Kollaboration: „Technology in classrooms isn’t the next step; collaborative class culture is.“ see Blog of Justin Chando, the Founder and CEO of Chalkup, a next-generation learning management system. https://chalkup.co

„Gemeinschaftliches Lernen, also das gemeinsame und zielgerichtete Lernen, Denken und Arbeiten in einer Gruppe, ist Kollaboration. Und Kollaboration ist gemeinschaftliches Lernen, da die beteiligten Personen sich in einem Prozess des Austausches und der Reflexion befinden.“ Eisfeld-Reschke, J., Kretschmer, L. M. M., & Narr, K. [2013].
Digitale Kollaboration im Kontext des Lernen – Voraussetzungen, Herausforderungen und Nutzen. Lernen in der digitalen Gesellschaft – offen, vernetzt, integrativ. Abschlussbericht, 60-66.)

Ohne Einbettung in eine gerichtete Weiterentwicklung werden die Effekte der Einzelschritte verpuffen wie bei der Braunschen Molekularbewegung: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, hin und her. Zusätzlich ist Orientierung gefragt. Die Einbettung in Innovationsprozesse und Wertschöpfungsstrukturen ist erforderlich, um den vielen Einzelschritten eine Gesamtrichtung zu geben und aus den Einzelaktivitäten ein Gesamtergebnis zu erzielen, etwas, auf das man hinterher als Gemeinschaft stolz sein kann.

Wertschöpfungsstrukturen sind Orientierungsstrukturen.

Hochschulen müssen also drei Sprünge meistern:

  • (1.) kollaborationsbefähigende digitale Technologie im Unterricht fördern und fordern
  • (2.) Intensivierung der Kollaboration durch Digitalisierung fördern und fordern
  • (3.) Digitalen Staffellauf organisieren: Innovative Wertschöpfungsstrukturen und Wertschöpfungsprozesse entstehen nicht von alleine. Die Teilnehmer sollten mindestens wissen, dass sie an einem Staffellauf teilnehmen.

Damit sind wir beim Dreisprung der Digitalen Gestaltung:

Der Dreisprung der Digitalen Gestaltung:

Mit digitaler Technologie (1)

digital kollaborieren (2)

für digitale Wertschöpfungsprozesse (3)

In den meisten Wertschöpfungsprozessen liegt eine relativ enge Kopplung der Teilnehmer in einem gemeinsamen, getakteten Prozess vor. Die Teilnehmer müssen sich untereinander abstimmen, aufeinander verlassen und vertrauen. Die Einhaltung von Deadlines und das Liefern von Meilensteinen sind dabei erforderlich. Davon machen die getakteten MOOCs (edX, Coursera) Gebrauch.

Das Internet erlaubt aber auch Wertschöpfungsprozesse mit loser Kopplung. Harold Jarche ist der Erfinder des PKM-Dreischritts „Seek – Sense – Share“ für Personal Knowledge Mastery (PKM):
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Quelle: http://jarche.com/2012/03/the-pkm-value-add/

Ein wichtiger Grundsatz von Harold Jauche lautet:

Es ist kein PKM,

wenn kein Mehrwert generiert wird.

Copy-Paste-Verhalten, die Krankheit der Digitalisierung, würde damit geheilt.

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Quelle: http://jarche.com/2012/03/the-pkm-value-add/

Jane Heart wendet diese Methode mit Web 2.0-Werkzeugen wie folgt an:
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Quelle: https://www.pinterest.com/pin/332773859938845809/

Ungetaktete MOOCs sind ebenfalls lose gekoppelt. Beispiel Udacity: Als Lernender in einem Udacity-MOOC arbeitet man mit Leuten aus aller Welt zusammen, ohne sie vorher kennen gelernt und Vertrauen aufgebaut zu haben. Wenn dann ein Mitlernender aus unbekannten Gründen plötzlich weg ist, geht der Wertschöpfungsprozess trotzdem weiter.

Schließlich ist weltweite Forschung ein lose gekoppelter Wertschöpfungsprozess. Und welchen anderen Auftrag haben Universitäten, als zur Teilhabe daran zu befähigen? Das Neue unserer Zeit mit ihrer Explosion an disruptiven Technologien ist, dass man viel früher, viel leichter, in vielen kleinen Zwischenschritten daran teilhaben kann.

Die meisten Studierenden werden jedoch später nicht in der Forschung arbeiten, sondern als hochqualifizierte Wissensarbeiter am weltweiten Wertschöpfungsprozess der digitalen Innovation teilhaben, an der großen digitalen Wende. Damit schließt sich der Kreis: Das Digitale muss nicht nur in den Hochschulen aktiv gestaltet werden, sondern überall in der Gesellschaft.

Der neue Auftrag der Hochschulen lautet daher, seine Absolventen zur Teilhabe an der Gestaltung des Digitalen zu befähigen. Das können die Hochschulen am besten, indem sie im eigenen Hause damit anfangen.

Lerntheorien sind keine Theorien.

Was ist eine Theorie? Eine Theorie ist eine Menge von konsistenten Sätzen, die immer gelten, also allgemeingültig sind (Man sagt auch „Tautologien“). D.h. ein einziges Gegenbeispiel zu nur einem Satz aus einer Theorie reicht aus, um die Theorie zu kippen, d.h. zu widerlegen. Das ist ein hoher Anspruch, den die Logik an Theorien stellt. Werden Lerntheorien diesem Anspruch gerecht? Können Lerntheorien überhaupt diesem Anspruch gerecht werden? Nein, denn Menschen sind verschieden und es gibt so viel verschiedene Lernwege, -zugänge, -praktiken, -typen, dass man immer zu jeder Lerntheorie Ausnahmen und Gegenbeispiele finden kann. Lerntheorien sind daher niemals allgemeingültig und können folglich keine Theorien im strengen logischen Sinne sein.

Kurz: Lerntheorien sind keine Theorien.

Lerntheorien sind lediglich Sichtweisen, mit denen man auf den Lernprozess schauen und diesen modellieren kann. Es handelt sich um kognitive Brillen, Färbungen, Voreingenommenheiten (engl. bias) oder gar Ideologien.

In Wikipedia heißt es generell zu Lerntheorien unter dem Abschnitt „Kritik“:
Die Kritiker der Lerntheorien nennen zwei wesentliche Punkte:[3] Zum einen weisen sie darauf hin, dass Lerntheorien nur abgeschautes / nachgemachtes Verhalten erklären können. Es gebe daher keine Erklärung für neues Verhalten, also für Innovation oder Kreativität. Zusätzlich handele es sich bei der Mehrzahl der beobachteten Lernvorgänge um die Verstärkung von Leistungen, die einen Mangelzustand (z. B. Hunger oder Durst) ausgleichen sollen. Kritiker sehen das volle Potenzial des Menschen aber erst dann verwirklicht, wenn übergeordnete Motive angestrebt werden (z. B. Streben nach Selbstverwirklichung). Diese werden – so die Kritiker – bei den Lerntheorien außer Acht gelassen. Einige der Einwände werden redundant, wenn die rein lerntheoretischen Ansätze um kognitive Prozesse erweitert werden, so etwa Banduras sozial-kognitive Lerntheorie.
Der
kritische Rationalismus hält die einschlägigen Lerntheorien für schlichtweg unvollständig. Demnach besteht der eigentliche Lernprozess, den die einschlägigen Lerntheorien übersähen, in Wirklichkeit aus freier Setzung plus kritischer Prüfung. Sie beschrieben lediglich den Vorgang, durch den eine einmal so gelernte Theorie vom Bewusstsein in das Unterbewusstsein verlagert werde, so dass z.B. eine erlernte Tätigkeit unbewusst und auf Abruf ausgeführt werden könne.

„Selbstorganisiert“ und „Lernen“ (im Sinne von abgeschautem / nachgemachtem Verhalten) stehen (ab einem gewissen Schwellwert der Freiheit der Selbstorganisation) bereits im Widerspruch.

Selbstbestimmtheit ist mehr als Selbstorganisation. Bei Selbstorganisation beschränkt man das Selbstbestimmte lediglich auf das Organisatorische. D.h. Ziele werden festgeschrieben und der Lerner darf lediglich selbst organisieren, wie er das Ziel erreicht. Ob er dann dazu noch Lust hat?

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Ausführliche Video-Tutorials auf Vimeo:

Mehr auf der Herstellerseite: