Bewusstseinstheorie und Konsequenzen für die Bildungspolitik

Bewusstseinsbildung kann man durchaus zum Ziel einer Bildungspolitik erheben: Die Frage ist nur, was heißt das genau? Kann man das Ziel konkretisieren oder gar mathematisch fassen?

In der mathematischen Theorie der integrierten Information von Giulio Tononi wird für die Messung von Bewusstsein das informationstheoretischen Maß Φ eingeführt (mit dem griechischen Buchstaben Phi). Φ wächst mit Integration in Netzwerken hinreichender Komplexität und sinkt mit der Anzahl des nicht integrierten Wissens und der nicht integrierten Kompetenzen (Differenzierungen). Bewusstsein bildet sich durch Vernetzung, Differenzierung und gleichzeitig zunehmender Integration (auch weit auseinander liegender Module, Strukturen, Prozesse und Ebenen). Der Grad an Synergie und der Präsenz (= Verfügbarkeit = Abrufbarkeit) des Gesamtsystems ist entscheidend.

Grob könnte das mit folgender Gleichung angenähert werden (wobei diese Vereinfachungen auch ihre Grenzen hat: Sie bildet den positiven Effekt der zunehmenden Differenzierungen nicht ab. Für die Zwecke dieses Blogeintrags soll es aber erst einmal reichen):

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Im Laufe eines Lebens kann sich das Φ-Maß völlig unterschiedlich entwickeln, so dass die Kurven für das Φ-Maß völlig unterschiedlich aussehen können:

  • Zu Beginn eines Lebens gibt es keine Differenzierung, noch nicht einmal zwischen „Ich“ und „Du“. Daher ist initial alles im Bewusstsein eines Neugeborenen integriert. Jeder Mensch beginnt sein Leben also mit Φ = 100%, allerdings mit einer minimalen Anzahl von Kompetenzen und Differenzierungen.
  • Im Laufe eines Lebens werden viele Kompetenzen und Differenzierungen in schnellerer Folge gelernt, als dass sie miteinander integriert werden könnten. Es ist zunächst wichtiger, das Neue zu lernen als zu integrieren. Das Vermögen der Integration aller gelernten Differenzierungen kann mit dem Tempo des Lernens nicht Schritt halten. Daher sinkt der Φ-Wert.
  • Je nach Lebensverlauf und dem Ausmaß der Integration der gelernten Differenzierungen können die Kurven für das Φ-Maß völlig unterschiedlich aussehen, wie das folgende Diagramm an den beiden Fällen A und B zeigt:
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Dabei unterscheiden wir grob zwei Fälle:

  • Im Fall A werden viele Kompetenzen und viel Wissen gelernt, dann irgendwann (in unserer Kurve ab dem 20. Lebensjahr) auch zunehmend zueinander in Beziehung gesetzt und zu einem Ganzen integriert. Daher steigt das Φ-Maß wieder. Es kommt zu mehr Bewusstsein auf einem höheren Niveau mit mehr Wissen und mehr Kompetenzen als jemals zuvor.
  • Im Fall B werden nur Wissen oder Kompetenzen hinzu gefügt, aber nicht zu einem Ganzen integriert. Daher sinkt das Bewusstsein, obwohl lebenslang gelernt wurde. Lebenslanges Lernen ist kein Wert an sich, wenn Wissen und Kompetenzen nur gesammelt werden.

Die heute oftmals beklagte Fragmentierung hat ihre Wurzeln nicht nur im Smartphone-Konsum, sondern auch in der Bildungspolitik. Die Ergebnisse eines Bildungssystems mit (A) Integration oder (B) Fragmentierung sind wesentlich verschieden, wie das folgende Diagramm veranschaulicht. Werden Spezialwissen und Einzelkompetenzen nur gesammelt, ohne zu integrieren, bleibt es bei einer Art Flachland. Mit Integration entwickelt sich jedoch eine dritte Dimension:

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Welche Konsequenzen hat die Bewusstseinsforschung für die Hochschulpolitik?

  • Im Zuge der Bologna-Reform wurde die Differenzierung extrem voran getrieben: Wir haben mittlerweile 16.826 Studienangebote in Deutschland. Die Maßnahmen zur Integration konnten nicht im gleichen Tempo Schritt halten.
  • Als Ziele wurden Modularisierung, Internationalisierung, Outcome- und Kompetenzorientierung, Lebenslanges Lernen, Diversität, usw. genannt. Diese Ziele können positiv, aber auch negativ zur Bewusstseinsbildung beitragen. Daher muss die Hochschulpolitik die Ziele besser in Beziehung setzen und zu einem geordneten Zielegeflecht integrieren. Zielkonflikte sind zu erkennen und Lösungen aktiv zu integrieren.
  • Modularisierung hat das Ziel, jedes Modul getrennt lehren und studieren zu können. Die Austauschbarkeit soll zur höheren Flexibilität beitragen. Reihenfolge und Ort der Bildung sollen austauschbar werden. Damit wird die Differenzierung weiter voran getrieben, ohne Wege der Integration aufzuzeigen. Das Φ-Maß kann dadurch sinken. Die Bildungsqualität in Europa kann darunter leiden.
  • Zwischen Modularisierung und Integration der Bildungseinheiten kann es einen Zielkonflikt geben.
  • Lebenslanges Lernen kann auch bedeuten, dass lebenslang nur Kompetenzen hinzu gefügt, aber nicht zu einem Ganzen integriert werden. Das Φ-Maß kann dadurch sinken. Die individuelle Bildungsqualität kann darunter leiden.
  • Das Ziel der Kompetenzorientierung kann nicht sein, möglichst viele Kompetenzen zu sammeln. Diese müssen auch in Beziehung gesetzt, miteinander abgeglichen und integriert werden. Der Gefahr der Produktion von Fachidioten muss entgegen gesteuert werden durch Studium Generale, Ringvorlesungen, Interdisziplinarität, Transdisziplinarität, Internationalisierung und allen weiteren Maßnahmen, die zur Integration der Kompetenzen zu einem Ganzen beitragen können.
  • Der Lehrkörper kann die Aufgabe der Integration des vielen Fachwissens zu einem Ganzen nicht den einzelnen Studierendenköpfen unkoordiniert überlassen, sondern muss auch eigene Lehrformate für diesen Zweck entwickeln.
  • Der Einzelwissenschaft kann man die Aufgabe der Integration mit anderen Wissenschaften nicht unkoordiniert überlassen. Vielleicht muss eine eigene Integrationswissenschaft zu diesem Zweck entwickelt werden.
  • Praxisorientierung ohne Einordnung und Integration des gewonnenen Erfahrungswissens in das Wissensrepertoire reicht nicht. Mit der Integration von Erfahrungswissen in ihren Wissensschatz sind Anfänger überfordert und benötigen entsprechende Anleitung.
  • Erfahrungen in der Lehre führen nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Lehre. Hinzu kommen muss eine aktive Reflexion über die gewonnenen Erfahrungen und eine Integration in das Lehrmodell, Curriculumdesign und die Lehrziele.
  • Diversität ohne aktive Integration schafft noch kein Bewusstsein.

Die Toleranz-Gesellschaft mit dem Leitgedanken des alten Preußenkönigs „Jeder soll nach seiner Facon selig werden!“ bekommt tatsächlich eine wichtige Aufgabe: die Aufgabe der Integration.

Bewusstseinswissenschaft

Die moderne Bewusstseinsforschung erhebt den Anspruch, empirisch durch Experimente und klinische Studien zu zeigen, was sich über Bewusstsein wirklich sagen lässt. Eine Tausende Jahre alte metaphysische Diskussion wird verwissenschaftlicht. Bewusstseinswissenschaft etabliert sich als neuer Wissenschaftszweig. Mittlerweile arbeiten 50.000 Wissenschaftler weltweit auf diesem Gebiet und produzieren wissenschaftliche Erkenntnisse in einer historisch neuartigen Geschwindigkeit. Auch die Lernforschung, Schul- und Hochschulpolitik kann daran nicht mehr vorbei sehen.

In seinem neuen Buch „Bewusstsein“ fasst Prof. Christof Koch, Caltech, Pasadena, Kalifornien, den Stand der Forschung gemischt mit seiner eigenen Geschichte gut lesbar zusammen:

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Bewusstseinsforschung ist bei folgendem kognitiven Modell der Gehirntätigkeit angelangt:
        Das Selbstbild des Menschen, als Krönung der Schöpfung ein rational bewusst entscheidendes Wesen (Descartes „Cogito ergo sum“) zu sein, ist eine kognitive Täuschung. Geben wir ihr daher den Namen „Cogito-ergo-sum-Täuschung“.
        In Wirklichkeit sind die meisten Gehirntätigkeiten unkontrollierte, unbewusste Automatismen. Koch nennt sie die Zombie-Armee, die in jedem Menschen vorkommt. Jeder Zombie zeigt adaptive, aber stereotypische, berechenbare Verhaltensweisen. Zombies arbeiten feste Verfahren unflexibel ab ohne eigenes Bewusstsein. Zombies entstehen durch Wiederholung, Konditionierung, stupides Lernen, stures Training und sind für Routinehandlungen unterhalb des Radars des Bewusstseins als Handlungsbeschleuniger sehr willkommen: Daher kann Handeln schneller sein als Bewusstsein: Der Unterschied beträgt ca. 250 msec. In dieser Zeit ist Usain Bolt bereits 2,5 m weiter gesprintet …
        Koch: „Ständiges Wiederholen schafft eine Armee von Zombies“. Zombies sind nicht auf primitive Tätigkeiten oder auf das „Muskelgedächtnis“ beschränkt, sondern es gibt sie auch bis zu den höchsten, anspruchsvollen geistigen Tätigkeiten.
        Zombies behalten ihre Informationen für sich. Dadurch sind sie autonomer, schneller und effizienter.
        Einen Zombie unterhalb des Radars des Bewusstseins wieder in das Licht des Bewusstseins zu heben, kostet einen hohen Preis: Die Handlungen verlangsamen sich, werden instabil und fehleranfälliger.
        Viele Zombies werden sozial gelernt, sind gesellschaftlich akzeptiert und sichern die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Viele dieser sozialen Zombies sind schädlicher als bewusste Vorurteile.
        In der Bewusstseinsforschung nennt man in einem Gedankenexperiment Wesen ohne Bewusstsein „Philosophische Zombies„: In dem Gedankenexperiment stellen sich Philosophen die Frage, ob und wie sie von außen betrachtet bewusste Wesen von unbewussten Wesen, den Zombies, unterscheiden könnten.
        
        Neben den vielen modularen, wenig vernetzten Automatismen, den Zombies, haben komplexe Systeme (wie das menschliche Gehirn) auch die Chance zur Bewusstseinsbildung durch Vernetzung, Differenzierung und gleichzeitig zunehmender Integration (auch weit auseinander liegender Module, Strukturen, Prozesse und Ebenen). Der Grad an Synergie und der Präsenz (= Verfügbarkeit = Abrufbarkeit) des Gesamtsystems ist entscheidend.
        Bewusstsein zeigt sich in der Bewältigung von unerwarteten und neuartigen Situationen („Schwarzer Schwan„-Ereignissen). Damit kommen bewusste Systeme besser zurecht als Automatismen. Das ist der evolutionstechnische Vorteil bewusster Systeme.

Bei der Diskussion, ob der Mensch einen freien Willen habe, plädiert Koch für die Unterscheidung von drei Schritten in der Sequenz zur Ausführung einer Handlung „aus freiem Willen“:

  • Gefühl der Absicht
    • bewusst oder unbewusst
    • fokussiert oder defokussiert
  • Gefühl der Inhaberschaft
  • Gefühl der Handlungskompetenz

Zombies fehlt das Gefühl der Absicht, der Inhaberschaft, der Verantwortung und des freien Willens. Konfabulieren ist das nachträgliche Erfinden einer Geschichte, um seine Entscheidungen und Handlungen im Nachhinein zu rechtfertigen, auch wenn diese unbewusst erfolgt waren. Der Konfabulierende spricht nicht die Wahrheit, empfindet es aber anders. Das Libet-Experiment zeigt, dass das Gefühl der Absicht nachträglich eintritt, nachdem das Gehirn schon aktiv geworden ist, um eine Handlung auszuführen. Konfabulieren daher alle Menschen?

Was ist Bewusstsein?

  • Bewusstsein ist eine emergente Eigenschaft von Netzwerken hinreichender Komplexität.
  • Die Aktivität in dem Netzwerk muss eine bestimmte Schwelle überschreiten um vom unkontrollierten Abspulen der Automatismen über zu gehen zu Bewusstsein.
  • Während die Automatismen ihre Informationen für sich behalten (was sie autonomer und effizienter macht), lebt Bewusstsein vom Austausch und Hineinnehmen von Informationen.
  • Bewusstsein ist sowohl lokal als auch global: Neurophysiologisch hat das Bewusstseinsphänomen sowohl mit lokalen als auch mit globalen Hirnstrukturen und -prozessen zu tun. Das „Bewusstsein-Neuron“ gibt es nicht, wohl aber Konzept-Neuronen. (Seit 2005 gibt es aber auch schon die Theorie des Konnektum, die Koch leider nicht erwähnt: Nicht die lokalen Einheiten [Neuronen, Synapsen, Areale und Kerne] prägen uns, sondern die synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen.)
  • Wissenschaftlich wird Bewusstsein letztendlich durch Informationstheorie erklärt. Informationstheorie wird als die geeignete Sprache für eine wissenschaftliche Theorie des Bewusstseins gesehen. (Nicht-wissenschaftliche Theorie-Versuche gibt es seit Jahrtausenden. Christof Koch bekommt wöchentlich dicke Abhandlungen zugesandt, die er aber wegen Unwissenschaftlichkeit ablehnt. Jeder glaubt bei der Theorie des Bewusstseins mitreden zu können, nur wenige können jedoch wissenschaftliche Experimente und klinische Doppelblind-Studien vorweisen.) Die mathematische Theorie der integrierten Information von Giulio Tononi ist ein wissenschaftlicher Theorie-Versuch:
  • Diese Theorie besagt, dass Bewusstsein mit Differenzierung und gleichzeitiger Integration wächst. Differenzierung und Integration sind gegenläufige Ziele. Der Zielkonflikt wird erst durch Bewusstsein erkannt und bewältigbar. Wie gut dies gelingt, wie viel mehr das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, zeigt sich in der Synergie der Teile und wird in dem informationstheoretischen Maß Φ gemessen. Φ ist ein Maß für Bewusstsein. Koch: „Je stärker integriert und höher differenziert ein System ist, desto bewusster ist es.“ Damit wird die mathematische Grundlage für einen „Bewusstseinsmesser“ gelegt. (Allerdings fehlt für meinen Geschmack noch Synergie und Präsenz.)
  • Im traumlosen Tiefschlaf sind die Neuronen noch aktiv, leisten jedoch keine Integration mehr. Die neuronale Verarbeitung von Reizen bleibt lokal begrenzt.
  • Bewusstsein ist verschieden von Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit erfüllt eine klare funktionale Aufgabe der Selektion und Filterung von Informationen, Bewusstsein hingegen nicht. Es gibt Bewusstsein ohne Aufmerksamkeit (ohne auf bestimmte Objekte zu fokussieren) und Aufmerksamkeit ohne Bewusstsein (bei automatisierter Behandlung der fokussierten Objekte).

                
Christof Koch hat aus seiner wissenschaftlichen Arbeit auch ein paar praktische Lebensregeln im Umgang mit Bewusstsein für sich selbst gezogen:
Koch versucht

  • sich von inneren und äußeren Zwängen so frei wie möglich zu halten
  • den Planeten in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als er ihn vorgefunden hat
  • seine unbewussten Motive, Wünsche und Ängste besser zu verstehen.

Ein Strudel von Emotionen kann Bewusstsein beeinträchtigen, täuschen oder gar verhindern. (Daher ist John Erpenbecks Zielsetzung, generell mehr Emotionen in die Lernprozesse einfließen zu lassen, in dieser Generalität nicht haltbar.)        Die „küchenpsychologische“ Vorstellung, mit „Redekuren“ sich selbst auf die Schliche kommen zu können, wie es Sigmund Freud noch empfohlen hat, ist Fiktion und beruht auf der Cogito-ergo-sum-Täuschung. Reden dient manchmal der Vermeidung von Erkenntnis. (Daher ist der Coaching-Ansatz auch fragwürdig. Christof Koch schreibt: „Diese Freudianischen Konzepte sind in den Sprachgebrauch eingegangen und werden erst allmählich durch stärker auf das Gehirn konzentrierte Konzepte ersetzt.“)

        Bewusstsein ist auch in Maschinen möglich. Künstliche Intelligenz (KI) als Teilgebiet der Informatik hatte ihren Hype vor ca. 25 Jahren. Damals hat sie die übertriebenen Erwartungen nicht erfüllt und die Forschung hat sich enttäuscht von dem Thema abgewandt. Daher ist man bei der künstlichen Nachbildung der Intelligenz eines Kindes von ca. 6 Jahren stecken geblieben. Die neurowissenschaftlichen Befunde sprechen jedoch nicht dagegen, dass mit dem technologischen Fortschritt und komplexeren künstlichen Gehirnen auch hier Fortschritt möglich sein müsste. Es spricht auch nichts dagegen, dass das Φ-Maß von künstlichen Gehirnen das des menschlichen Gehirns bald überflügeln wird. Ray Kurzweil spricht von der technologischen Singularität als dem Punkt in der Geschichte der Bewusstseinsentwicklung, bei dem künstliche die menschliche Intelligenz überholen wird. Dieser Punkt wird Mitte dieses Jahrhunderts erwartet. Damit bezieht er sich aber nur auf die Komplexität der Gehirne. Ungelöst bleibt die Frage, wie die Differenzierung und Integration geleistet werden soll. Hier bleibt die KI noch viele Antworten schuldig.
        
        Wir sind außerdem Zeitzeugen der Entstehung einer neuen Art von Bewusstsein im Internet: Menschheitsbewusstsein entsteht vor unseren Augen im Internet, wir haben es nur noch nicht richtig verstanden, d.h. es fehlt noch eine gute Theorie. Dabei stecken Vernetzung, Differenzierung, Integration und Synergie und damit das Φ-Maß des Internet-Bewusstseins in den Kinderschuhen, wachsen jedoch stetig. Man könnte dem Fachgebiet „Web Engineering“ die Zielsetzung geben, Menschheitsbewusstsein zu ermöglichen und zu fördern, indem neue Mechanismen zur Vernetzung, Differenzierung, Integration und Synergie im Web erfunden, entwickelt und implementiert werden.

        Wer oder was hat eigentlich Bewusstsein? Der Mensch ist nicht alleine. Auch bei Tieren gibt es Bewusstsein, je nach Größe und Komplexität des Gehirns in unterschiedlichem Φ-Maße. Aus der Erklärung führender Neurowissenschaftler in der „Cambridge Declaration On Consciousness“ von 2012 geht klar hervor, dass klinische Belege eindeutig dafür sprechen, dass auch Tiere Bewusstsein haben, das menschlichem gar nicht so unähnlich ist. An dieser Erkenntnis geht kein Weg mehr vorbei und dies müsste eigentlich gewaltige gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen: Tiere sind keine Bäume, auf denen Fleisch wächst.

        Ist Sprache und Kultur etwa das letzte Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier? Wohl kaum. Uns fehlt lediglich noch der „Universal Translator“, um Sprache und Kultur über Spezies-Grenzen hinweg verständlich zu machen. Der Miterfinder des Internets, Vint Cerf, arbeitet bereits am Interspezies-Internet, siehe TED-Video 2013.

Wie werden wir lernen?

Die Gesellschaft ändert sich Technologie- und Demographie-getrieben immer schneller und so stellt sich die Frage, wie wir in Zukunft lernen werden. Dazu ist jetzt von Prof. Dr. John Erpenbeck und Prof. Dr. Werner Sauter ein neues Buch erschienen mit dem Titel „So werden wir lernen!“, also nicht mehr als Frage, sondern klipp und klar als Antwort!
wpid-978-3-642-37180-6.tif-2013-08-13-11-16.jpgLink zum Buch

Der volle Titel lautet „So werden wir lernen!: Kompetenzentwicklung in einer Welt fühlender Computer, kluger Wolken und sinnsuchender Netze“.

Real-time Neuro-Feedback

In seinem TEDx-Talk berichtet Judson Brewer MD PhD, ein Psychiater und Neurowissenschaftler, von seiner Forschung an der Yale Universität.

Er arbeitet mit bildgebenden Verfahren wie fMRI (functional Magnetic Resonance Imaging, ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung der Gewebestrukturen im Körperinneren, siehe auch Magnetresonanztomographie) und kann den Unterschied zwischen „alles gelingt mühelos im Flow“ und „sich selber im Wege stehen“ als unterschiedliche Gehirnzustände farblich darstellen. Entscheidend scheint der Zustand des „posterior cingulate cortex“ zu sein, eine Gehirnregion, die er mit fMRI beobachtet.

Real-time fMRI (rtfMRI) erlaubt die Beobachtung der Gehirnfunktionen in Echtzeit. Neuro-Feedback geschieht, wenn der Beobachter sein eigenes Gehirn über rtfMRI beobachten kann. Lernen der eigenen neuronalen Selbstregulation wird über Neuro-Feedback-Geräte wie rtfMRI möglich. Nun kann man nicht jeden Menschen in die Röhre schieben, aber mit neuer Hardware wie Emotiv EEG Headsets zeichnet sich eine Lösung ab, die Headset mit Smartphone über Bluetooth kombiniert und Neuro-Feedbacks immer und überall für jedermann und -frau ermöglicht.

Judson Brewer berichtet aus seinem Labor: Ein Novize kann in 9 Minuten den Unterschied lernen zwischen „an seinen Atem denken“ und „seinen Atem spüren“ mithilfe von Real-time Neuro-Feedback mittels rtfMRI.

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Für das Lernen dieses Unterschiedes benötigen manche Menschen Jahre, wenn sie es überhaupt jemals lernen, weil subjektives Perzeptionsverhalten und Gehirnzustände schwer kommunizierbar sind und kognitive Gewohnheiten sich häufig der bewussten Reflexion entziehen, weil man nichts anderes kennt oder zu kennen glaubt. Realität und Denken von Konzepten über Realität liegen eng beieinander und sind doch so grundsätzlich verschieden. Aber rot und blau unterscheiden und sich merken, wie verschieden sich das anfühlt, ist wesentlich leichter und eine große Hilfe für das Lernen.

Akademisches Studium war zum großen Teil einseitig auf den rationalen Verstand und das Lernen riesiger Netzwerke von Konzepten gerichtet. Dies wurde einseitig extrem trainiert: Das war die Phase der einseitigen Wissensorientierung, die sich im rtfMRI rot zeigt. Spüren, Fühlen und Intuition blieben Privatsache. In der heutigen Zeit mit der Wende zur Kompetenzorientierung besteht die Chance, diese Schieflage endlich gerade zu rücken.

Auf eine einfache Formel gebracht könnte man sagen: Wissensorientierung ist rot, Kompetenzorientierung ist blau im rtfMRI. Die Gehirnzustände unterscheiden sich deutlich.

Prof. Dr. John Erpenbeck hat in seinem Kompetenzmodell Wissen als eine von vielen Kompetenzen eingemeindet. Dies kann man nun getrost als rhetorischen Trick entlarven: Der Kompetenzpapst wollte alles zu einer Kompetenz erklären. Die Kompetenzlandkarte sollte vollständig sein. Das wäre auch legitim, wenn es die Unterschiede nicht verwaschen würde. Mit dem rtfMRI wird der Unterschied so deutlich wie der Unterschied zwischen rot und blau.

Judson Brewer sagt zum Schluss: Realität ist so viel köstlicher als unsere Konzepte von ihr. („Reality is so much more delicious than our concepts of it.“ ) Es geht also auch um Lebensqualität und Wohlfühlen.

Linke und rechte Gehirnhälfte

Eine schöne Zusammenfassung neuer Erkenntnisse über die Wirkungen der Zweiteilung des Gehirns in linke und rechte Gehirnhälfte findet man bei RSA Animate: Es stimmt nicht, dass die linke Gehirnhälfte nur für rationales Denken und die rechte nur für Emotionen zuständig sei. Der Zusammenhang ist komplexer und sehr schön im Youtube-Video erklärt.

Das Video endet mit der alten Weisheit von Einstein:

„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein gutgläubiger Diener. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, die den Diener verheiligt und das Geschenk vergessen hat. “

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Das ganze Video auf Youtube: