Von der digitalen Krise zur digitalen Ethik

Das Digitale hält rasend schnell Einzug in die Welt und auch in uns selbst, unsere Gehirne, unser Denken, letzteres eher unbemerkt, weil zu nah, zu unbeobachtet. Mit welcher Theorie kann man die vielfältigen subjektiven, kognitiven Phänomene und Wirkungen verstehen und einordnen? Gibt es bereits so etwas wie eine „digitale Ethik„, mit der man bewerten und beurteilen kann? Was ist zu tun?

Was sagt die moderne Subjekt-Theorie dazu? Neben den optischen Täuschungen gibt es auch kognitive Täuschungen, die wir mit unseren Alltagsbegriffen nicht zu erfassen vermögen, da sie innerhalb der Täuschung operieren und die Täuschung selbst nicht adressieren können. Unsere Alltagssprache reicht nicht dazu. Dieser Umstand wird seit 2400 Jahren anhand von Platons Höhlengleichnis in der Philosophie diskutiert. Ein moderner Beitrag im heutigen Vokabular stammt von Prof. Dr. Thomas Metzinger, Uni Mainz: In seiner Selbstmodell-Theorie (siehe Wikipedia und Scholarpedia) werden drei Gehirn-Programme unterschieden:

  • Meinigkeit ist die bloße Unterscheidung: Was gehört zu mir und was nicht? (Die Erweiterung auf das soziale „uns“ müsste man dann „Unsigkeit“ nennen.) Wikipedia: „Mit „Meinigkeit“ bezeichnet Metzinger den Umstand, dass einzelne erlebte Phänomene im Bewusstseinsraum als die eigenen empfunden werden. Dies ist die Zugehörigkeit von Körper, Gefühlen und Gedanken zum Selbst.“
  • Selbstheit ist das Gefühl: Was ist meine Komfortzone, meine gefühlte körperliche, gedankliche und soziale Heimat und was lehne ich als fremd ab? Wikipedia: „Die „Selbstheit“ kennzeichnet eine präreflexive Selbstvertrautheit. Das „Ich-Gefühl“ wird als immer schon vorhanden und unhintergehbar erlebt.“
  • Perspektivität ist das eigene Erleben von einem Standpunkt aus als Zentrum des Erlebens: Von wo aus wird geschaut? Von welchem Zentrum aus wird wahrgenommen? Wikipedia: „Das Erleben hat immer eine Perspektivität, die von einem zentrierten Ich ausgeht und sich auf ein etwas außerhalb dieses Ich richtet. Zum Selbstbewusstsein gehört die intentionale Relation zwischen dem Ich und der als außen empfundenen Welt, die das Ich als Mittelpunkt hat.“

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(Grafik aus Wikipedia)

Alle drei Gehirn-Programme Meinigkeit, Selbstheit und Perspektivität sind ihrer Natur nach das gleiche Neuronengewitter. Durch unseren „naiven Realismus im Alltagsleben“, wie Metzinger es nennt, halten wir unseren Eindruck (Sinneseindruck+unreflektierte Deutung) für die Realität und nicht für das Ergebnis der drei Gehirn-Programme. So wird eine Art „Ego-Kanal“ oder „Ego-Tunnel“ induziert und aufrecht erhalten (siehe auch Metzingers Buch „Der Ego-Tunnel“: Der Ego-Tunnel ist die Wand aus Platons Höhlengleichnis.) Wir haben im Alltag quasi ständig einen Virtual Reality-(VR)- oder Augmented Reality-(AR)-Helm auf, der mit unserer Kognition so eng verwachsen ist und an den wir uns so sehr gewöhnt haben, dass uns das nicht mehr auffällt. Anders formuliert: Wir müssen uns nicht extra einen AR-Helm überstülpen, wir haben bereits einen auf, mit dem wir eng verwachsen sind. Die erlebte AR muss nicht von einem Computer gerechnet werden, sondern entsteht bereits andauernd im Ego-Tunnel.

Metzinger schlägt dieses Selbstmodell als Begrifflichkeit und Referenzrahmen vor, um eine wissenschaftliche Diskussion über die subjektiven, kognitiven Phänomene führen zu können. Es ist ein wissenschaftliches Modell, der den naiven „Ich“-Begriff in seine Bestandteile zerlegt. Während der „Ich“-Begriff atomar ist, ist dieses Selbstmodell subatomar: Es zerlegt die kognitiven Mechanismen in seine Bestandteile, macht sie dadurch explizit begreifbar, so wie sich die Quantenphysik mit subatomaren Modellen der Atome beschäftigt. Das ist neu und der Beginn der Mind Sciences, die Metzinger auch schon als Nachfolger der Life Sciences in den nächsten Jahrzehnten sieht.

Die drei Gehirn-Programme sind in jungen Jahren antrainiert (d.h. im Neugeborenen noch nicht enthalten) und können auch im Laufe des Lebens umtrainiert werden. Neu kommt in der heutigen Zeit unser pervasiver Umgang mit immersiven Technologien, vor allem Internet und Mobile Devices hinzu. Das Digitale hinterlässt auch im Mind seine Spuren. Diese sollen anhand des vorgeschlagenen Begriffsrahmens diskutiert und reflektiert werden.

  • Die Rubber-Hand-Illusion zeigt, dass sich die Meinigkeit innerhalb weniger Minuten umtrainieren lässt. Virtual Realitity (VR) nutzt dieses Phänomen auch ganzkörperlich. Second Life kennt ein vollständiges Eintauchen in eine andere, virtuelle Persona.
  • Meinigkeit des Wissens: Unter „Mein Wissen“ wurde früher verstanden „was ich selbst im Kopf habe“. Heute verschwimmt diese Definition zusehends. Über die Erkenntnis, (1.) dass man nicht alles im Kopf haben kann, (2.) dass es oft reicht, zu wissen, wo es steht, (3.) dass ich mit einer Google-Abfrage direkt dorthin springen und daher auch dieses Wissen outsourcen kann und (4.) dass mein Smartphone als ständiger Begleiter mir auch immer und überall die Möglichkeit dazu gibt, gelangt man zu einem Verschwimmen der vorgestellten Meinigkeit des Wissens.
  • Selbstheit: Die präreflexive Selbstvertrautheit wird solange nicht reflektiert, solange sie als angenehm oder zumindest erträglich empfunden wird. Erst in Lebenskrisen geschah bisher ein Hinterfragen, Reflektieren mit dem möglichen Ausgang, als „ganz neuer Mensch“ sein Leben fortzusetzen, z.B. nach der Midlife-Crisis. Durch VR wird der Wechsel der Persona selbstverständlicher, alltäglicher und steht früher zur Verfügung. Dozenten, die im Unterricht Second Life einsetzen, berichten davon, dass Studierende tatsächlich völlig andere Persönlichkeiten sein wollen als im physischen Leben. Da scheint es einen Bedarf zu geben.
  • Multi-Perspektivität lässt die Fixierung auf eine einzelne, feste Perspektivität verschwimmen und langfristig auflösen. Pluralistische Gesellschaftsformen feiern Multi-Perspektivität als höchste Errungenschaft und fördern damit Perspektivwechsel oder zumindest Respekt vor dem anderen Standpunkt. Einstein ging noch einen Schritt weiter: „Ein Standpunkt hat einen Horizont mit dem Radius Null.“ In der digitalen Welt sind alle digitalisierten Perspektiven nur noch ein, zwei Klicks weit entfernt. Dadurch entsteht das Phänomen „Perspektive on demand„: In einer immer komplexer werdenden Welt kann ich nicht alles verstehen. Daher kann ich auch nicht alles fundiert beurteilen. Zu den meisten Fragen kann ich daher keine fundierte Meinung, keinen Standpunkt haben. Aber mittels Internet-Recherche kann ich mir jederzeit Informationen heran ziehen, um mir mein Urteil zu bilden. Im Bedarfsfall kann ich also eine Perspektive bilden. Das ist „Perspektive on demand„.
  • Der Architekt des WWW und Erfinder des HTTP-Protokolls, Roy Fielding, hat seine Vision vom Internet so formuliert: „Life is a distributed object system. However, communication among humans is a distributed hypermedia system, where the mind’s intellect, voice+gestures, eyes+ears, and imagination are all components.“ Mit dem Internet bildet sich ein neuer, globaler Kognitionsapparat. Welche Änderungen in Meinigkeit, Selbstheit und Perspektivität werden durch seinen Gebrauch induziert? Was bedeutet das für die global verfügbare Intelligenz?

Das Umtrainieren von Meinigkeit, Selbstheit und Perspektivität ist in der modernen Welt mit ihren technologischen Fortschritten bei Computer, Internet, WWW, Web 2.0, Smartphones, Tablets bereits in vollem Gange. Dies wird jedoch nur ansatzweise reflektiert. Die Menschheit befindet sich gewissermaßen in einem unkontrollierten Großversuch und hat das noch nicht wirklich erkannt. Ideologien behindern den wissenschaftlichen Diskurs.

Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Manfred Spitzer, Universitätsklinikum Ulm, hat in seinem Bestseller „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen.“ den Zustand der Digital Natives und der Digital Immigrants als „digital dement“ oder zumindest demenzgefährdet diagnostiziert, d.h. dass die kognitive Leistungsfähigkeit gemindert oder gar zerstört wird. Durch die digitale Welt befindet sich der Teil der Menschheit in einer Krise, der zur digitalen Welt Zugang hat, so seine These. Die kollektive präreflexive Selbstvertrautheit (kollektive Selbstheit) wird angekratzt und das Buch von Manfred Spitzer ist ein Ausdruck davon. Ob diese „digitale Krise“ ihre Ursache in einer Demenz hat, wird zwar von Spitzer postuliert, muss jedoch weiter wissenschaftlich untersucht werden. Zumindest ändert sich unsere Perzeptions-, Kommunikations- und Lebenspraxis durch den pervasiven Einzug des Digitalen in unsere Welt und unsere Selbstwahrnehmung gewaltig. Das hat nicht nur äußerliche Auswirkungen auf unsere Welt, sondern auch innere auf uns selbst. Da ist etwas überaus Wichtiges im Gange, was unterhalb des Radars unserer Alltags-Wahrnehmung fliegt. Ob der Flug in Richtung Demenz geht, ist auch unter den neurowissenschaftlichen Kollegen des Autoren Spitzer heftig umstritten. Auch behindern Ideologien den wissenschaftlichen Diskurs.

Spitzers Diagnose ist vielleicht zu pauschal und populistisch. Zur Differenzierung muss genauer untersucht werden, was genau verändert oder gar zerstört wird, ob die Zerstörungen nur Risiken oder auch Chancen enthalten und ob die Demenz wirklich durch das Digitale induziert wird oder eher andere Wurzeln hat:

  • Der Bildspeicher wird vielleicht durch die digitale Bilderflut verändert oder gar zerstört. Das photografische Gedächtnis lässt in seiner Leistungsfähigkeit nach, einzelne Details weniger Bilder kognitiv rekonstruieren zu können. Bei der analogen Bilderflut im physischen Leben läuft ein ständiger kognitiver Verstehensprozess durch aktives Konstruieren der Bedeutung nebenher, der in der Beliebigkeit der digitalen Bilderflut verloren gehen kann. Die Konstruktion der Bedeutung kann verloren gehen. Lernen fällt schwerer, wenn die Bedeutung fehlt.
  • Die Handlungskompetenz wird vielleicht durch die digitale Handlungsflut verändert oder gar zerstört. Jeder Mausklick ist eine Handlung, der eine Entscheidung voraus geht. Durch das Fluten mit digitalen Handlungen geschieht eine Ablösung von alten analogen Handlungsmechanismen, die auf Emotionen beruhten: Vertraute Emotionen innerhalb der Komfortzone unserer Selbstheit brachten uns zum verantwortlichen Handeln. Die Komfortzone unserer Selbstheit hat den Radius verantwortbarer Handlungen mitbestimmt. Die Einfachheit des Mausklicks führt zur Beliebigkeit und Verantwortungslosigkeit.
  • Meinigkeit ist häufig auch mit physischem Eigentum verknüpft. Die Fixierung auf eine einzige lebenslange, an Physisches gebundene Meinigkeit wird vielleicht verändert oder gar aufgelöst. Die Erfahrung digital induzierter, wechselnder Meinigkeiten oder Auflösungstendenzen (Alles Meinige löst sich quasi in Luft auf, in die „Cloud“, „Air…“) führen zu einer Vereinfachung der Ablösung von einer unreifen, an Physisches gebundene Meinigkeit. Darin liegen Chancen (z.B. zur Dematerialisierung des Wohlstands) und Risiken (Destabilisierung, Virtualisierung, neue Abhängigkeiten).
  • Die Fixierung auf eine einzige lebenslange Selbstheit wird vielleicht verändert oder gar zerstört. Die Erfahrung digital induzierter, wechselnder Selbstheiten führt zu einer Vereinfachung der Ablösung von der unreifen Selbstheit. Darin liegen Chancen und Risiken. Das Verlassen der alten Komfortzone und der Wechsel in neue Komfortzonen wird selbstverständlicher.
  • Die Fixierung auf eine einzige lebenslange Perspektivität wird vielleicht verändert oder gar zerstört. Pluralismus und die Selbstverständlichkeit der Multi-Perspektivität bewirken langfristig eine Auflösung. Auch darin liegen Chancen und Risiken.
  • Die Ich-Illusion wird trotz des digitalen Bombardements jedoch nicht so leicht zerstört, solange die körperliche Existenz unsere Wahrnehmung dominiert. Offen bleibt, ob sich an dieser Dominanz etwas ändert, wenn durch VR und Augmented Reality (AR), z.B. mit der Google-Brille, der Schwerpunkt in die Virtualität verschoben wird.
  • Digitaler Angriff: Digitale Bewusstseinsräuber sind (1.) häufige Unterbrechungen durch digitale Helferlein, (2.) ständige Verfügbarkeit und Abrufbereitschaft, (3.) Multitasking, (4.) „nie ganz bei der Sache, bei einer Sache sein“ (kein Monotasking), (5.) „mit einem Ohr immer woanders sein“ (Aufmerksamkeitsspaltung). Metzinger schreibt in seinem Vorschlag zu einer neuen „Bewusstseinskultur“ zum Thema Aufmerksamkeitsräuber: „… Auf der anderen Seite gibt es heute eine hochprofessionalisierte Industrie, die nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern uns alle aus dem Mediendschungel heraus angreift, um uns unsere knappe Ressource Aufmerksamkeit zu rauben. Nicht nur Drogenkonsum ist hier ein kritischer Faktor, sondern insbesondere die Werbe- und Unterhaltungsindustrie attackieren unsere Erlebnisfähigkeit, unsere „attentionale Sensibilität“ permanent und immer intensiver – und natürlich machen auch sie sich neue Erkenntnisse aus der Kognitionswissenschaft und der Hirnforschung zunehmend zu Nutze. Viele Schüler leiden heute bereits unter schweren Aufmerksamkeitsstörungen, die psychologischen Folgen der Gesamtentwicklung sind in den letzten Jahren an vielen anderen Stellen mehr als deutlich geworden.“
  • Digitaler Sog ist der Sog unserer Aufmerksamkeit ins Digitale hinein. Die digitalen Medien werden immer immersiver durch den technologischen Fortschritt in Usability, Einfachheit, HD, HD+, 3D, Holografie, VR, AR, Interaktivität, Kollaboration und Kooperation. Das Eintauchen in digitale Welten wird dadurch immer einfacher und verlockender. Der andere Gründer von Apple, Steve Wozniak, berichtet in seinen Memoiren „iWoz„, dass er vorausschauend als Erfinder, Hardwarebastler und Programmierer bereits in das erste Computerspiel „Pong“ (Tennissimulation) absichtlich einen Betrugs- und einen Sucht-Faktor eingebaut hatte: Der Spieler wird systematisch dadurch betrogen, dass Treffer und Fehlschläge nicht objektiv und neutral bewertet werden, sondern schlechte Spieler einen Bonus bekommen, damit sie weiter spielen, während gute Spieler sich mehr anstrengen müssen. Das Spiel ist so programmiert, dass es nicht zu schwer und nicht zu leicht ist und adaptiert sich an das Können des jeweiligen Spielers so, dass dieser weiter spielen will (Digitaler Sog). Diese Adaption hält ihn im Flow-Kanal (nach der Glücksforschung von Mihaly Csikszentmihalyi: Ausschüttung der Glückshormone Dopamin etc. bei bewältigbaren Herausforderungen, nicht zu schwer und nicht zu leicht), macht ihn glücklich und süchtig nach dem Spiel. Heute ist in jedes Computerspiel der Suchtfaktor eingebaut. Ohne Suchtfaktor hat kein Spiel mehr Marktchancen. Die sozialen Komponenten in Browser-Spielen erweitern dies um soziale Sucht-Faktoren. Während Flow früher Ergebnis lebenslanger Suche, hartem Training und auf wenige Glücksmomente reduziert war, findet man die tägliche Flow-Erfahrung heute in jedem Kinderzimmer. Das Ergebnis sind Dopamin-Junkies bereits im Kindergarten, die jeden Montag morgen wieder eine Phase des kalten Entzugs durchlaufen und neu geerdet werden müssen. An der Universität Stanford versucht man bereits, dieser neuartigen, digitalen Sucht, die auch bei Erwachsenen zu einem Massen-Phänomen geworden ist, mit speziellen Psychologie-Programmen zu begegnen, siehe „Kelly McGonigal argues we’re becoming addicted to our devices. Here’s how to unplug.„. Flow ist heute nicht mehr das Ergebnis einer Meisterschaft in einem hochwertigen Können, sondern das Ergebnis von Gamification und Social Media. Damit ist das Problem der zu frühen Fixierung auf die zu kleine und zu leichte Meisterschaft entstanden. Der digitale Sog kann diese Fixierung zu lange stabilisieren und die Motivation zu höherwertigerem Können sabotieren.

Wenn Spitzers These von der digitalen Demenz stimmen würde, hätte der Teil der Menschheit ohne Zugang zur digitalen Welt deutliche Überlebensvorteile. Das Darwinsche Prinzip „Survival of the Fittest“, das Überleben der kognitiv Leistungsfähigsten und -stärksten, würde diesen Teil auf der Gewinnerseite und die digital Dementen auf der Verliererseite sehen.

Das griechische Wort „Krisis“ bedeutet Zuspitzung, Entscheidung. In der digitalen Krise geht es um das Erkennen dieser Zuspitzung und der Entscheidung für Hilfreiches und Förderliches, was durchaus ein Verlassen der alten individuellen und kollektiven Komfortzone, eine Phase des Übergangs und der Ungewissheit und das Erreichen einer neuen Komfortzone bedeuten kann.

Wir brauchen einen offenen Diskurs über digitale Chancen und die digitale Krise. Ist das Digitale vielleicht nur der Buhmann in der Diskussion, weil es neu ist und die anderen Faktoren zu stark gesellschaftlich etabliert sind, so dass sie keiner in Frage stellen will? Was ist die epistemologische Grundlage dieses wissenschaftlichen Diskurses? Mind Sciences, Neurowissenschaften, Informatik, Kognitionsforschung, Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Theorie der Selbstmodelle, … Es gibt eine ganze Reihe von Wissenschaften, die etwas dazu beitragen können. Der Diskurs ist interdisziplinär und es kann durchaus sein, dass verschiedene Wissenschaften zu verschiedenen Ergebnissen kommen.

Offen ist der Ausgang: Demenz oder Exzellenz (oder etwas dazwischen)? Welche Parameter entscheiden über Demenz versus Exzellenz? Konkret: Sollen wir die iPads, Smartphones, Google-Brillen, VR, AR, … in den Unterricht integrieren oder besser komplett verbieten? Die Spaltung in dieser Frage geht quer durch die Nationen, Schulen und Hochschulen. Die einen sind konsequent dafür, die anderen konsequent dagegen. Südkorea hat die Schulbücher komplett abgeschafft und arbeitet nur noch mit Tablets. Deutschland hält an Papierbüchern fest. Verschaffen wir unseren Kindern dadurch eher einen Vorsprung oder werden sie in der modernen Welt hoffnungslos hinterher hinken?

Was sind die großen Weichenstellungen? Auf welche Parameter kommt es an? Man kann nicht 20 ungeklärte Parameter offen halten und dabei noch hoffen, zu gewinnen. Newell (1973): „You can’t play 20 questions with nature and win.“
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Dematerialisierung des Wohlstands

Interview des Stifterverbandes mit Franz Josef Radermacher zur Chance der Gesellschaft:
Wir sind ein System mit einem gigantischen Antrieb, ein System ohne Bremse.
Das Individuum kann nicht viel ausrichten.
In unserer Zeit ist Global Governance entscheidend für das kollektive Überleben.

Faktor 10: 10-fachen Wohlstand bei gleichzeitiger 10-facher Ressourcenverbrauchsreduktion. D.h. Dematerialisierung des Wohlstands.

Franz Josef Radermacher: Die kommenden Tage
(II)
von Stifterverband

Dematerialisierung heißt, immer mehr wandert ins Internet, in die Cloud, ins Smart Grid, ins Web 3.0. Wir werden alles haben, alles besitzen, was zu unserem Wohlstand gehört, zumindest immateriell: Warum sollte man eine materielle Kopie in seinem persönlichen Besitz sein Eigen nennen wollen? Es reicht doch, wenn es in der Cloud liegt und jederzeit abrufbar ist. Das gilt für viele Güter wie Literatur, Wissen, Bildung, Musik, Information, Kommunikation, Interaktion, Vernetzung, Austausch, Organisation, Agenda-Setting, Selbsthilfe, Nachbarschaftshilfe, Projektarbeit, Gemeinschaft, Interessenvertretung, Partizipation, politisches Engagement, usw., alles, was ein reiches Leben ausmacht. Das Klammern an materielle Kopien gehört zu den gestrigen Gewohnheiten. Materielle Ressourcen zu verbrauchen, um immaterielle Güter genießen zu können, ist unnötig und umweltfeindlich.

Eine Dematerialisierungsstrategie ist offenbar notwendig, um aus dem unnötigen Ressourcenverbrauch und der Umweltfeindlichkeit heraus zu kommen. Ein Web, das dies leistet, könnte man Web 3.0 nennen. Web 3.0 wird eine Dematerialisierung implementieren und materiellen Besitz immaterieller Güter überflüssig machen. Während Web 2.0 das soziale Leben ins Internet gebracht hat, wird Web 3.0 dies mit dem materiellen Besitz immaterieller Güter tun, und das mit Faktor 10.

Einen großen Beitrag zur Dematerialisierungsstrategie wird das Teilen, Wiederverwenden, Weitergeben von Konsumgütern liefern (Reuse, Sharing, Second Hand, Second Use, …). Rachel Botsman spricht dies unter dem Stichwort „Kollaborativer Konsum“ an:

Lt. Time Magazin gehört diese Idee zu den 10 wichtigsten Ideen, die die Welt verändern werden, siehe „10 Ideas That Will Change the World“.

Lesenswert auch das Interview-Buch des Stifterverbandes „Die kommenden Tage“: Risiken und Chancen der Wissensgesellschaft. Das Interview-Buch vereint Bestandsaufnahmen und Experten-Meinungen zu den großen Themen des Stifterverbandes.

Siehe auch Schwerpunktthema des Hefts 4/2012 der Zeitschrift „Wirtschaft & Wissenschaft“: „Mehr als nur ein Nothelfer: Labor Zivilgesellschaft“

Bloomsche Taxonomie

Die Bloomsche Taxonomie ist eine Klassifikation von Lernzielen, 1956 erfunden von einem Komitee von Erziehungswissenschaftlern unter Leitung von Benjamin Bloom. Die Publikation war der Endpunkt einer Serie von Konferenzen 1949 bis 1953, die die Kommunikation zwischen den Erziehungswissenschaftlern zum Thema Curricula und Prüfungen verbessern sollte. Im Jahre 2000 wurde eine überarbeitete Version publiziert.

Die Bloomsche Taxonomie postuliert eine Hierarchie von Kompetenzen, die aufeinander aufbauen und der Reihe nach erworben werden müssen (der Einfachheit halber beschränke ich mich hier auf die kognitiven Kompetenzen):

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D.h. Kreativität ist die höchste Stufe, die man erklimmen kann.

2001 haben Anderson & Krathwohl erkannt, dass das mit der Reihenfolge wohl nicht so ganz stimmt. Zumindest die oberen drei Kompetenzen bauen nicht wirklich aufeinander auf. Sie sind eher parallel. Daher haben sie die Hierarchie wie folgt modifiziert:

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D.h. Kreativität ist neben Analyse und Evaluation die höchste Stufe der Bildungsleiter.

In Berlin auf der Konferenz „Charta guter Lehre“ des Stifterverbandes hatte die amerikanische Keynote-Speaker sein Auditorium gefragt, wie Kompetenzorientierung heute in der Bildungslandschaft umgesetzt werde und welche Referenzrahmen es dafür gebe. Er hat die versammelte Professoren-Gemeinde die Antwort „Bloomsche Taxonomie“ im Chor sprechen lassen. Das ist das moderne Glaubensbekenntnis der Kompetenzorientierung, das jeder kennt, der in diesem Geschäft unterwegs ist. Die „Bloomsche Taxonomie“ ist der Standard.

Dabei braucht jeder bloß in einen Kindergarten zu gehen, um festzustellen, dass Kreativität keine höchste Stufe einer Bildungshierarchie ist, sondern dem Menschen in die Wiege gelegt wurde. Es gibt wunderschöne Videos von Montessori-Kindergärten, die analysieren, wie die Kinder sich freiwillig aus eigenem Antrieb als kleine Forscher betätigen, wenn man sie nur lässt. Sie analysieren ihr Umfeld genau, evaluieren und erschaffen Neues mit einer verblüffenden Systematik, die ihnen niemand beigebracht hat. Menschen sind geborene Forscher.

Was ist bloß los mit unserer Gesellschaft, die etwas offensichtlich Falsifizierbares zum Standard erklärt?

Die Bloomsche Taxonomie enthält offenbar einen Kategorienfehler. Während „erinnern“, „verstehen“, usw. von der Kategorie „Lernbares im Sinnes von Konditionierbares, Automatisierbares, Trainierbares, Speicher- und Reproduzierbares“ ist, ist Kreativität, Erschaffen in einem Schöpfungsprozess, von einer völlig anderen Kategorie. Kreativität kann man nicht reproduzieren, sonst wäre es keine Kreativität. Bei echter Kreativität geht es eher um Befreiung von alten Gleisen, Konditionierungen, Antrainiertem, sonst wäre es nicht wirklich kreativ. Und man muss nicht erst viele Sprossen einer Bildungsleiter erklommen haben, um dorthin zu kommen. Kreativität steht uns immer zur Verfügung. Von Anfang an:

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Post-Bologna-Diskurs

Bologna war 1999 als 10-Jahresprogramm angelegt.
Die 10 Jahre sind jetzt lange vorbei.
Es wird Zeit für einen Post-Bologna-Diskurs:
Welche Art von Bildung wollen wir eigentlich
in unserem europäischen Hochschulraum?

Als Bologna 1999 mit einer völkerrechtlich nicht bindenden Erklärung
von 29 europäischen Bildungsministern die Hochschul-Reform eingeleitet hat,
hatte das Internet noch nicht die dominierende Rolle, die es heute hat.
Daher liegt die neue Frage auf dem Tisch, welche Konsequenzen das für die Bildung hat.
Im Bologna-Diskurs spielte das Internet noch keine Rolle.

Ein anderer Aspekt, warum wir einen neuen Bildungsdiskurs einleiten müssen:
2030 erwartet man „die Singularität“,
d.h. technische Intelligenz wird dann zum ersten Mal menschliche Intelligenz
in Kapazität und Leistungsfähigkeit überflügeln.
Spätestens dann kann man das Automatisierbare getrost den Automaten überlassen.
Wie bereiten wir uns darauf vor?

1. Wissensgesellschaft

Ja, wir leben in einer Wissensgesellschaft.
Wissen ist Macht.
Wissen entscheidet über unsere Zukunft.
Und gleichzeitig gilt: Alles Wissen, das heute in Schulen beigebracht wird,
steht bereits im Internet, in Wikipedia oder ist mit Google leicht auffindbar.

Die alte Weisheit „Man muss nicht alles wissen,
man muss nur wissen, wo es steht.“
deutet der moderne Schüler so, dass die Sinnhaftigkeit des Lernens verloren geht.
Warum sollte man sich etwas merken, was nur einen Knopfdruck weit entfernt ist?
Und kann die Festplatte das „sich-merken“
nicht viel besser leisten als das menschliche Gehirn?

2. Kompetenzorientierung

Es reicht nicht, zu wissen, man muss es auch können.
Zwischen theoretischem Wissen und praktischem Können
hat das Leben noch ein paar Hürden eingebaut.
Die Fachhochschulen sind diese Hürden schon immer
mit ihrer Anwendungsorientierung angegangen.
Die Universitäten hatten mit ihrer Theorielastigkeit damit mehr Probleme.

Im Bologna-Diskurs werden diese Hürden mit der Kompetenzorientierung angegangen.
Das ist gut so und einen wichtigen Schritt weiter.

Und gleichzeitig gilt die alte Weisheit: „Man muss nicht alles können,
man muss sich nur zu helfen wissen.“
Grundkompetenzen reichen.
Man muss nicht alles im Unterricht vermitteln.
Im Gegenteil: Wann würde man je lernen, sich selber zu helfen,
wenn man für jede Kompetenz einen Weiterbildungskurs,
einen guten Lehrer und einen geschulten Berater bräuchte?

3. Post-Bologna-Diskurs: Was fehlt?

Unbewusste Intelligenz neigt eher zu Destruktivität als zur Konstruktivität.
Wenn wir nur auf Wissen und Kompetenzen abzielen,
züchten wir eine kalte Intelligenz heran.
Der alte Schlachtruf der Pauker „Üben, üben, üben, bis es sitzt“
festigt Automatismen, ruft jedoch keine mündigen Bürger,
keine kreativen Wissenschaftler, Künstler und Macher,
auch nicht geniale Mathematiker hervor.

Wer schon mal selbst „Mathematik gemacht“ hat,
also selbst Abstraktionen, Begriffe, Theorien, Modelle, Beweise
konstruktiv aus dem Nichts erschaffen hat, weiß,
dass dieser kreative Prozess unglaublich viel Freude macht,
und himmelweit von „Mathe-Formeln pauken und rechnen“
entfernt ist. Nur: Soweit kommen wir in unserem Mathe-Unterricht selten.
Der Funke dieser Freude kann daher selten überspringen.
Wir sollten unseren Mathe-Unterricht darauf hin überdenken
und neu gestalten.

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Die Zeit ist reif für einen Post-Bologna-Diskurs.

4. Post-Bologna-Diskurs: Welche Bildung wollen wir?

Neben Wissen und Können, das man auch Automaten beibringen kann,
fehlen die anderen Bewusstseinsformen,
die verkümmern würden,
wenn wir uns in der Post-Bologna-Phase nicht aktiv darum kümmern würden:

  • Diskursfähigkeit: Innerhalb eines Diskurses, des Post-Bologna-Diskurses, nach Diskursfähigkeit zu rufen, ist natürlich (alle Informatiker haben das bereits erkannt, weil sie darin geschult sind) eine Rekursion: Sind die Bildungsentscheider diskursfähig genug, um einen Post-Bologna-Diskurs zu führen? Oder sind sie zu stark in oder vor oder gegen Bologna fixiert?
  • Offenheit
  • Toleranz
  • Diversität, Integration, Inklusion
  • Ganzheitlichkeit
  • Verantwortung
  • Unkonditionierte, echte Kreativität (womit ich nicht „Kreativitätstechniken“ meine. Diese haben etwas von Beliebigkeit. Unkonditionierte, echte Kreativität ist eher untechnisch und hat weniger feste Methoden und Standards. Echte Kreativität hat mehr mit Liebe als mit Technik zu tun. Man wendet sich den Dingen voll und ganz, mit Haut und Haaren, mit vollem Herzen zu. Aus dieser uneingeschränkten Zuwendung entsteht die kreative Lösung, nicht aus der Kombinatorik der Zufallskombinationen, wie uns die Kreativitätstechniker weiß machen wollen.)
  • Lösung von Fixierungen mit einem gehörigen Anteil an Dekonstruktion, Desidentifikation, Desillusionierung, „Ent-Lernen“ (de-learning and re-learning)
  • Reflexivität, Selbsterkenntnis (individuell ebenso wie kollektiv)
  • Kontexterkennung
  • Bewusstheit der Bewusstseinsarchitektur und -mechanismen: Bewusstsein ist nicht nur Wissen. Wissen bildet sich ab in Gedankenstrukturen. Bewusstheit ist auch die direkte unmittelbare Wahrnehmung 50 msec vor den Gedanken. Man könnte es auch „die Realität“ nennen. Das Sensorium zur Erfassung der Realität kann auch vor-gedanklich und vor-automatisiert sein. Diese Art von Sensorium will auch benutzt und die Benutzung geschult werden.

Am hohen Bedarf nach Psychologie-Studiengängen (NC steht bei 1,2) sieht man, dass es in der jungen Generation der Studienanfänger intuitiv durchaus eine Sensibilität für dieses Thema gibt: Die Einser-Abiturienten haben erkannt, hier ist der Hase begraben, hier will ich mehr verstehen, hier will ich aktiv werden. Hier ist ein Dreh- und Angelpunkt für die Probleme der Menschen. Ob die Psychologie-Studiengänge diese Erwartungen erfüllen können, ist eine andere Frage. Und ob die Gesellschaft so viele Psychologen auch bezahlen will, ist ebenfalls zu hinterfragen. Die Intuition der jungen Generation ist der gesellschaftlichen Entwicklung Jahrzehnte voraus.

Öffnungen und Fixierungen

Man hält eine Vortrag,
viele Zuhörer sind mit ihrer Aufmerksamkeit voll dabei,
eifriges Kopfnicken.
Als Redner spürt man die Resonanz im Publikum.
Das ist ein gutes Gefühl,
das Gefühl, verstanden zu werden.

Dann ist die Rede vorbei und man geht zum Alltagsgeschäft über.
In den Diskussionen anschließend merkt man,
dass das Vorgetragene doch noch nicht so ganz und vollkommen angekommen ist.
Unvollständigkeiten und Unvollkommenheiten trüben das Bild
oder das Gesagte ist vollkommen weg.

Da war Resonanz, aber offenbar ohne Konsequenzen.

Woran liegt das?

Wir können immer Beides beobachten:
Öffnungen und Fixierungen.
Öffnungen waren in der Resonanz zu spüren.
Fixierungen zeigen sich dann anschließend im Alltagsgeschäft.

Der Kampf der Fixierungen ist so laut und so spektakulär.
Deswegen schauen alle dorthin.
Manche spüren sich nur, wenn sie kämpfen.
Das Laute und Kraftvolle wird als das Überlegene gedeutet.

Öffnungen hingegen sind häufig so leise und so unscheinbar,
so unspektakulär.
Deshalb werden sie so schnell vergessen
und haben keine Nachhaltigkeit in ihrer Wirkung.
Oder die Stille wird als das Unterlegene gedeutet.
Der große Wert der Öffnung verflüchtigt sich.

Dabei sind Öffnungen die einzige Chance, die wir haben.
Fixierungen rufen nur neue Fixierungen hervor.

Kollaboration und Kooperation

In seinem Blog „work is learning & learning is the work“ beschreibt Harold Jarche unter dem Titel „Principles of Networked Unmanagement“ den Unterschied zwischen Kollaboration und Kooperation:
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  • Kollaboration bedeutet Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Projekt, in dem man gemeinsam mit unterschiedlichen Rollen und Beiträgen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet. Charakteristisch ist das gemeinsame Projekt und das gemeinsame Ziel, dem sich die verschiedenen Funktionen und Rollen unterordnen müssen. Die Motivation ist extrinsisch, nämlich das gemeinsame Projektziel.
  • Kooperation bedeutet Zusammenarbeit, auch wenn man in verschiedenen Projekten an verschiedenen Zielen arbeiten und man dennoch etwas gemeinsam hat, das man miteinander teilen kann, jedoch in einem lockereren Verbund und nicht so starr aufeinander angewiesen wie bei der Kollaboration. Jeder macht sein Ding. Und gleichzeitig können wir miteinander Erfahrungen, Wissen, Kompetenzen miteinander teilen und damit gegenseitig helfen. Jeder schreibt seinen Blog und arbeitet an seinem individuellen Erkenntnisfortschritt weiter. Die Motivation ist intrinsisch. Es gibt keine extrinsische Motivation.

Beides sind Formen der Vernetzung. Kollaboration muss gemanagt werden, Kooperation hingegen nicht.

In diesem Sinne kann man auch verschiedene Formen des eLearning unterscheiden:

  • Kollaboratives eLearning (Wikis, CSCL) ist das gemeinsame Lernen im (realen oder virtuellen) Klassenraum an einer gemeinsamen Aufgabe mit einem gemeinsamen Ziel und einer Aufgaben- und Rollenverteilung zwischen den Lernpartnern. Kollaboratives eLearning ist gemanagt. Die Motivation ist extrinsisch.
  • In kooperativem eLearning (ePortfolio, Blogs, Web 2.0) macht jeder sein Ding, dokumentiert seine eigenen Interessen und Lernfortschritte, ist ungemanagt und intrinsich motiviert.

In „„Age of first interest“ – Bringt bei, was interessiert, nützt oder fesselt!“ fragt Gunter Dueck: „Wenn Kinder etwas interessiert, fragen sie uns Löcher in den Bauch. Warum nutzen wir das nicht aus? Sie lernen dann zehn Mal schneller und viel, viel mehr.“ Das spricht für die intrinsische Variante, also kooperatives Lernen. Dueck: „Unsere Erziehungssysteme tendieren aber immer mehr dazu, den Erziehungsprozess zu systematisieren und letztlich zu industrialisieren.“ D.h. die Systeme rufen nach Managebarkeit, Effizienz, Optimierung. Das hat schon in Teilen seine Berechtigung, solange es die Freiheit des Einzelnen, seine intrinsische Motivation neben sich duldet und leben lässt. Es ist die Ausschließlichkeit der Optimierung, die lern- und lebensfeindlich wirkt.

In unserem Gehirn wird die Denkleistung nicht von dem einzelnen Neuron geleistet, sondern vom Netzwerk aller Neuronen. Ohne das einzelne Neuron findet die Denkleistung nicht statt. Und gleichzeitig ist es das Netzwerk und nicht das einzelne Neuron, das die Denkleistung erbringt. In diesem Netzwerk gibt es kein Superneuron, das alle anderen Neuronen managt. Das Gehirn ist in diesem Sinne ungemanagt. Auch wenn die Vorstellung von einem „Ich“ die Illusion eines Managements erzeugt.

Das Netzwerk ist die Intelligenz!

(Das erinnert mich so an den Werbespruch von SUN Microsystems Inc., heute von Oracle gekauft, in den 90-ern führender Unix-Rechner-Hersteller: „The Network is the computer!“)

Das Internet ist vernetzt, aber kaum gemanagt, jedenfalls (noch) nicht in vielen wichtigen Fragen. Es handelt sich eher um einen losen Verbund. Die Frage der Einführung von Management-Hebeln ins Internet ist direkt gekoppelt mit der Frage des Intelligenzpotenzials dieses globalen Gehirns. Daher ist Netzpolitik heute so wichtig und zukunftsentscheidend. Die Überlebenswichtigkeit dieser Frage können wir auch mit folgender Brille sehen: Solange der Klimawandel ungebremst weiter geht, ist das globale Intelligenzniveau nicht ausreichend entwickelt. Denn welche Gesellschaft sägt schon den Ast ab, auf dem sie sitzt? Es kann keine intelligente sein.

In der Gesellschaft gilt: Der Mensch wird erst durch den Menschen zum Mensch. D.h. die Vernetzung und das soziale Miteinander spielen eine wesentliche Rolle. Und gleichzeitig wird Freiheit des Einzelnen als höchstes Gut in die Verfassungen vieler Staaten hinein geschrieben. Jeder soll nach seiner Facon selig werden. Jeder macht sein Ding. Und gleichzeitig gibt es einen fröhlichen Austausch untereinander, ein Voneinander-Lernen. Wir haben etwas miteinander zu teilen (sharen). Dieses Teilen ist kein „Zer-teilen“ in verschiedene Bruchstücke, sondern eher ein Zusammenführen, Zusammenwachsen und ein Miteinander, an dem man mit Freude teilhaben möchte. Deswegen blogge ich. Das fordert und fördert Offenheit, Transparenz und eine Vielfalt (diversity) an Ideen. Diversität beginnt in den Köpfen:

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eduVote

Interaktion ist wichtig für aktivierendes Lernen. Nur wie erreicht man das in mittleren und großen Lehrveranstaltungen? Und zwar so, dass sich ALLE beteiligen, nicht immer nur die 10 Aktivsten?

Lernstandsabfragen schon während des Semesters (und nicht erst am Ende in Form einer Klausur) helfen sowohl den Dozierenden als auch den Studierenden, um Lehr- und Studienbetrieb besser auf die Lernergebnisse (learning outcomes) auszurichten. Lernstandsabfragen während des Semesters sind ein Qualitätsmerkmal.

Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg hat eine Campus-Lizenz von eduVote erworben. Das eduVote-System bietet allen Dozentinnen und Dozenten der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg die Möglichkeit, spontan oder auch im Voraus geplant Umfragen in Ihren Veranstaltungen durchzuführen, an denen sich die Studierenden mit ihren eigenen Smartphones oder Notebooks anonym beteiligen können. Das Ergebnis wird sofort angezeigt.
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Das eduVote-System an der TU Braunschweig
Über eine Software auf dem Dozenten-Notebook kann man Umfrageserien vorbereiten und sie in Ihrer Lehrveranstaltung durchführen. Man kann aber auch spontan, z.B. als Reaktion auf eine Zwischenfrage, eine Umfrage initialisieren. Die Studierenden können die gestellten Multiple-Choice-Frage mithilfe einer App auf ihrem Smartphone oder Notebook beantworten:
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Sobald man die Umfrage schließt, bekommt man das Ergebnis angezeigt und kann darauf reagieren:
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Verschiedene Fragetypen stehen zur Auswahl. Hier ist nur der einfachste zu sehen, die Sofort-Umfrage. Weitere Infos unter eduVote.

Jetzt gibt es auch ein PowerPoint Add-In von eduVote. Damit können Sie Umfragen direkt in PowerPoint-Folien einfügen.

Das PowerPoint Add-In können Sie von der eduVote-Seite herunterladen: http://www.eduvote.de/Downloads_dozent.html

Wenn Sie die heruntergeladene Datei ausführen, steht Ihnen danach ein neuer eduVote-Menüpunkt in PowerPoint zur Verfügung. Das Einfügen einer Umfrage zeigt Ihnen folgende Anleitung: http://www.eduvote.de/PPT-AddIn_Hilfe.pdf

Automatismus und Konstruktivismus

Lernen bedeutet häufig, Wissensabruf und Methoden zu automatisieren,
so dass sie in der Praxis auf Knopfdruck zur Verfügung stehen.
Dazu muss man lernen, bis es sitzt.
Das ist Automatismus-Lernen.

Der Konstruktivismus setzt da eher auf aktives Selber-Konstruieren.
Man lernt wenige, sehr wenige Basis-Bausteine, isolierte Prinzipien und einfache Regeln
und kann alles andere daraus selber konstruieren.
Das ist wie bei Lego die Konstruktion aus wenigen Grundbausteinen.
Konstruktivismus ist kognitives Lego.

Beide Lernformen haben ihre Vor- und Nachteile.

Automatismus-Lernen geht häufig schneller und lässt sich kürzer abrufen.
Wenn man sich die Lösung jedesmal langwierig konstruieren muss,
kann das wertvolle Zeit in der Praxis kosten.
Wenn jedoch etwas schief geht, steht man hilflos vor einem Problem,
wenn man nicht gelernt hat, sich die Lösung selber zu konstruieren.

„Man muss nicht alles wissen,
man muss sich nur zu helfen wissen“
ist das Motto des Konstruktivismus,
der bei manchen Prüfungsmethoden jedoch benachteiligt wird.
Wenn man die Schnelligkeit des Wissensabrufs mit in die Wertung einbezieht,
wird die Automatismen-Fraktion bevorzugt.

Wenn man sich die kognitive Architektur mehrschichtig vorstellt,
so bedeutet der Übergang vom sturen Automatismen-Lernen
hin zum Konstruktivismus einen wesentlichen Fortschritt:

Der Fortschritt besteht in mehr Nachvollziehbarkeit, mehr Rationalität,
mehr bewusst Gewolltem und auch einem höheren Grad an Differenzierung
und Bewusstheit.
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Beispiel: Beim Reiten bedeutet
1. Waden mit leichtem Druck am Pferdebauch = Signal zum Vorwärtsgehen.
2. Waden nach hinten verlagern (ohne Druck) = Signal zum Rückwärtsgehen.

Wenn man nun beides macht, Waden nach hinten MIT leichtem Druck,
so vermischt man beide Signale und das Pferd weiß nicht mehr was es tun soll,
schlägt mit dem Schweif und tritt unruhig hin und her.

Beim Lernen von Automatismen kann es vorkommen,
dass man nur das vermischte Signal (hinten + Druck) verautomatisiert hat
und nie auf die Idee gekommen ist, beides voneinander zu trennen.
Es erscheint wie eins und es erscheint richtig.
Für den Reiter besteht Klarheit über seine Absicht, nicht jedoch für das Pferd.

Es erfordert eines hohes Maß an Differenzierung und feiner Aufmerksamkeit,
um aus der Gleichzeitigkeit wieder etwas Getrenntes zurück zu gewinnen.

Isolierte Bausteine und einfache Regeln lassen sich im Vorhinein leichter lernen
als komplexe Automatismen im Nachhinein zu dekonstruieren und zu entlernen.