Post-Bologna-Diskurs

Bologna war 1999 als 10-Jahresprogramm angelegt.
Die 10 Jahre sind jetzt lange vorbei.
Es wird Zeit für einen Post-Bologna-Diskurs:
Welche Art von Bildung wollen wir eigentlich
in unserem europäischen Hochschulraum?

Als Bologna 1999 mit einer völkerrechtlich nicht bindenden Erklärung
von 29 europäischen Bildungsministern die Hochschul-Reform eingeleitet hat,
hatte das Internet noch nicht die dominierende Rolle, die es heute hat.
Daher liegt die neue Frage auf dem Tisch, welche Konsequenzen das für die Bildung hat.
Im Bologna-Diskurs spielte das Internet noch keine Rolle.

Ein anderer Aspekt, warum wir einen neuen Bildungsdiskurs einleiten müssen:
2030 erwartet man „die Singularität“,
d.h. technische Intelligenz wird dann zum ersten Mal menschliche Intelligenz
in Kapazität und Leistungsfähigkeit überflügeln.
Spätestens dann kann man das Automatisierbare getrost den Automaten überlassen.
Wie bereiten wir uns darauf vor?

1. Wissensgesellschaft

Ja, wir leben in einer Wissensgesellschaft.
Wissen ist Macht.
Wissen entscheidet über unsere Zukunft.
Und gleichzeitig gilt: Alles Wissen, das heute in Schulen beigebracht wird,
steht bereits im Internet, in Wikipedia oder ist mit Google leicht auffindbar.

Die alte Weisheit „Man muss nicht alles wissen,
man muss nur wissen, wo es steht.“
deutet der moderne Schüler so, dass die Sinnhaftigkeit des Lernens verloren geht.
Warum sollte man sich etwas merken, was nur einen Knopfdruck weit entfernt ist?
Und kann die Festplatte das „sich-merken“
nicht viel besser leisten als das menschliche Gehirn?

2. Kompetenzorientierung

Es reicht nicht, zu wissen, man muss es auch können.
Zwischen theoretischem Wissen und praktischem Können
hat das Leben noch ein paar Hürden eingebaut.
Die Fachhochschulen sind diese Hürden schon immer
mit ihrer Anwendungsorientierung angegangen.
Die Universitäten hatten mit ihrer Theorielastigkeit damit mehr Probleme.

Im Bologna-Diskurs werden diese Hürden mit der Kompetenzorientierung angegangen.
Das ist gut so und einen wichtigen Schritt weiter.

Und gleichzeitig gilt die alte Weisheit: „Man muss nicht alles können,
man muss sich nur zu helfen wissen.“
Grundkompetenzen reichen.
Man muss nicht alles im Unterricht vermitteln.
Im Gegenteil: Wann würde man je lernen, sich selber zu helfen,
wenn man für jede Kompetenz einen Weiterbildungskurs,
einen guten Lehrer und einen geschulten Berater bräuchte?

3. Post-Bologna-Diskurs: Was fehlt?

Unbewusste Intelligenz neigt eher zu Destruktivität als zur Konstruktivität.
Wenn wir nur auf Wissen und Kompetenzen abzielen,
züchten wir eine kalte Intelligenz heran.
Der alte Schlachtruf der Pauker „Üben, üben, üben, bis es sitzt“
festigt Automatismen, ruft jedoch keine mündigen Bürger,
keine kreativen Wissenschaftler, Künstler und Macher,
auch nicht geniale Mathematiker hervor.

Wer schon mal selbst „Mathematik gemacht“ hat,
also selbst Abstraktionen, Begriffe, Theorien, Modelle, Beweise
konstruktiv aus dem Nichts erschaffen hat, weiß,
dass dieser kreative Prozess unglaublich viel Freude macht,
und himmelweit von „Mathe-Formeln pauken und rechnen“
entfernt ist. Nur: Soweit kommen wir in unserem Mathe-Unterricht selten.
Der Funke dieser Freude kann daher selten überspringen.
Wir sollten unseren Mathe-Unterricht darauf hin überdenken
und neu gestalten.

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Die Zeit ist reif für einen Post-Bologna-Diskurs.

4. Post-Bologna-Diskurs: Welche Bildung wollen wir?

Neben Wissen und Können, das man auch Automaten beibringen kann,
fehlen die anderen Bewusstseinsformen,
die verkümmern würden,
wenn wir uns in der Post-Bologna-Phase nicht aktiv darum kümmern würden:

  • Diskursfähigkeit: Innerhalb eines Diskurses, des Post-Bologna-Diskurses, nach Diskursfähigkeit zu rufen, ist natürlich (alle Informatiker haben das bereits erkannt, weil sie darin geschult sind) eine Rekursion: Sind die Bildungsentscheider diskursfähig genug, um einen Post-Bologna-Diskurs zu führen? Oder sind sie zu stark in oder vor oder gegen Bologna fixiert?
  • Offenheit
  • Toleranz
  • Diversität, Integration, Inklusion
  • Ganzheitlichkeit
  • Verantwortung
  • Unkonditionierte, echte Kreativität (womit ich nicht „Kreativitätstechniken“ meine. Diese haben etwas von Beliebigkeit. Unkonditionierte, echte Kreativität ist eher untechnisch und hat weniger feste Methoden und Standards. Echte Kreativität hat mehr mit Liebe als mit Technik zu tun. Man wendet sich den Dingen voll und ganz, mit Haut und Haaren, mit vollem Herzen zu. Aus dieser uneingeschränkten Zuwendung entsteht die kreative Lösung, nicht aus der Kombinatorik der Zufallskombinationen, wie uns die Kreativitätstechniker weiß machen wollen.)
  • Lösung von Fixierungen mit einem gehörigen Anteil an Dekonstruktion, Desidentifikation, Desillusionierung, „Ent-Lernen“ (de-learning and re-learning)
  • Reflexivität, Selbsterkenntnis (individuell ebenso wie kollektiv)
  • Kontexterkennung
  • Bewusstheit der Bewusstseinsarchitektur und -mechanismen: Bewusstsein ist nicht nur Wissen. Wissen bildet sich ab in Gedankenstrukturen. Bewusstheit ist auch die direkte unmittelbare Wahrnehmung 50 msec vor den Gedanken. Man könnte es auch „die Realität“ nennen. Das Sensorium zur Erfassung der Realität kann auch vor-gedanklich und vor-automatisiert sein. Diese Art von Sensorium will auch benutzt und die Benutzung geschult werden.

Am hohen Bedarf nach Psychologie-Studiengängen (NC steht bei 1,2) sieht man, dass es in der jungen Generation der Studienanfänger intuitiv durchaus eine Sensibilität für dieses Thema gibt: Die Einser-Abiturienten haben erkannt, hier ist der Hase begraben, hier will ich mehr verstehen, hier will ich aktiv werden. Hier ist ein Dreh- und Angelpunkt für die Probleme der Menschen. Ob die Psychologie-Studiengänge diese Erwartungen erfüllen können, ist eine andere Frage. Und ob die Gesellschaft so viele Psychologen auch bezahlen will, ist ebenfalls zu hinterfragen. Die Intuition der jungen Generation ist der gesellschaftlichen Entwicklung Jahrzehnte voraus.

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