Leben in Begriffsgebäuden

Beim Bulimielernen oder Klausurlernen hat man das Gefühl,
man müsse die Powerpoints des Dozenten auswendig lernen,
um sie in der Klausur möglichst originalgetreu wieder zu geben
– und dann auch umgehend zu vergessen.

Ein solches Lernen ist wertloses Lernen.
Schon die alten Lateiner versuchten dagegen zu halten mit
„Non scholae sed vitae discimus!“
– „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“
Auch vor 2000 Jahren gab es schon Bulimielernen.

In der Vorlesung führt der Dozent in ein Begriffsgebäude ein,
in dem ganze Berufsgruppen denken, arbeiten,
leben, genießen, leiden und begeistern.
Alles hat seine Struktur.
Es gibt viele Querbeziehungen
und immer wieder Neues zu entdecken.
Jeder einzelne Begriff ist wichtig und
von Generationen immer wieder auf die Goldwaage gelegt worden.
Begriffe sind Errungenschaften,
die Erfahrungen und Ergebnisse in eine Form gießen.
Sie bekommen dadurch Festigkeit und werden be-greifbar.
Auch Mathematik ist eine Sprache,
die sich über Jahrhunderte erst mühsam bilden musste.

Manchmal werden die Begriffsgebäude zu fest und unflexibel,
so dass das Gebäude eingerissen werden
und ein neues gebaut werden muss,
z.B. Newtonsche vs. Einsteinsche Physik.
Einreißen ist wichtig und bringt die Wissenschaft weiter,
jedoch nicht bei Anfängern.
Es ist eine Prä-Trans-Verwechslung,
gleich am Anfang alles einreißen zu wollen.

Im Bulimielernen ist das alles kein Begriffsgebäude,
sondern eher ein loser Steinhaufen,
lieblos dahin geschüttet,
ohne Bezug zur eigenen Realität.
Oder ein Schutthaufen der Wissenschaftsgeschichte
mit allen ihren Reduktionismen und Irrtümern.

Die Vorlesung ist als erste Führung durch ein Begriffsgebäude gemeint,
wird im Bulimielernen jedoch als sinnloser Schutthaufen begriffen.
Was gelehrt wird ist nicht das, was gelernt wird.
Gelernt wird die Pseudorealität eines Klausurpunktesystems,
das nur Korrektheit und Gleichheit misst.
Moderne pädagogische Ansätze wie Constructive Alignment
fordern noch engere Engführung auf die Prüfung hin
und machen die Bulimie noch bulimischer.

Der Unterschied liegt dabei lediglich in der subjektiven Haltung,
mit der die Führung durch das Begriffsgebäude wahrgenommen wird,
nämlich als Einladung, in diesem Begriffsgebäude zu
denken, arbeiten, leben, genießen, leiden und zu begeistern
oder als lästige Pflicht, noch mehr totes Material zu schlucken,
auf der inneren Festplatte zu speichern,
auf Kommando auszuspucken und zu löschen.

Subjektivität macht auch hier wieder den Unterschied.
Daran kann Objektives (auch Wissenschaft) nichts ändern.

Und gleichzeitig ist festzustellen,
dass nicht nur das Individuum die alleinige Schuld trägt,
sondern auch die Gesellschaft,
wenn sie das Maschinenhafte zu sehr anhimmelt:
dass man seine Leistung auf Knopfdruck abrufen könne,
dass man fehlerlos kopieren könne,
dass man ein fehlerloses Gedächtnis habe,
dass man fehlerlos arbeiten könne.

Das Maschinenhafte wird zunehmend auf die Maschinen verlagert
und der Mensch wird den Wettkampf mit der Maschine verlieren,
solange er sich im Maschinenhaften zu messen wähnt.

Daher muss sich Bildung zunehmend fragen,
was dem Menschen übrig bleibt.

Da sind vor Allem die Fragen:

  • Was ist global für uns alle wichtig?
  • Was ist hier mit uns los? / Was ist hier und jetzt die Realität?
  • Wie wollen wir alle leben?

Fragen, die Maschinen nicht stellen können und auf denen Algorithmen keine Antwort haben.

Abstumpfendes und sensibilisierendes Lernen

Die Zeitung „Die Welt“ fasst online als „HD Welt“ in ihrem Artikel „Mit diesen Tricks lernen Studenten effektiver“ unter der Rubrik „Wissen“ ein paar lesenswerte Tricks zusammen, wie man als Studierende den inneren Schweinehund bekämpfen und sich dann doch aufraffen kann, um für die Klausur zu lernen und sich durchzubeißen.

Jörn Löviscach sagte dazu so schön: „Wenn ich das schon höre, dass Studierende der Vorlesung fernbleiben, weil sie für die Klausur lernen müssen, dann weiß ich: Das ist Bulimielernen.“ Wozu dienen die vorgeschlagenen Tipps und Tricks? Geht es um wirkliches Lernen und noch zielorientierter in die Bulimie hinein?

Statt Bulimielernen könnte man auch sagen „Maschinenlernen“, „Roboterlernen„, Auswändiglernen, herzloses Lernen, Pauken. Dabei kann der Roboter das Roboterhafte besser als wir Menschen. Uns mit Robotern zu messen ist der falsche Weg. In einer Zeit, in der immer mehr Arbeit vom Menschen auf Maschinen übertragen wird, darf der Mensch nicht zur Maschine gemacht werden, auch nicht zur „Lernmaschine„. In einer Zeit, in der die Chinesen als Weltmeister des Auswändiglernens nun Problem Based Learning (PBL) für sich entdecken und es breitflächig im eigenen Lande implementieren, um Weltmeister bei den Erfindungen und Patenten zu werden, darf Europa durch das Auswändiglernen nicht in das stupide Kopieren und Nachmachen zurück fallen.

Diese Art von Pauken ist Flachlernen, das Gegenteil von Tiefenlernen, wie es z.B. die ehemalige HRK-Präsidentin Frau Wintermantel von ihren Unis immer gefordert hat, deren gewählte Leitung sie war. Flachlernen ist eine Folge von Zwangslernen, egal ob der Zwang extern durch Dozenten, Regeln, Systemvorgaben oder intern durch Tricks zur Bekämpfung des eigenen inneren Schweinehundes induziert war.

André Kless meint dazu: Wenn man eine Lernsituation hat, in der sich nichts mehr daran ändern lässt, dass man etwas lernen muss, für das man kein Interesse und keine Motivation hat, also es ums „Durchbeißen“ geht. Dann sind die Tipps der „HD Welt“ gute Tipps. Typisch deutsch ist der Lösungsansatz, dass alles eine Frage der Planung/Strukturierung der eigenen verfügbaren Zeit ist (Spickzettel, feste Arbeitszeiten, Pausen machen, Abwechslung schaffen, Zehn-Minuten-Trick). Dass es auch anders geht, über intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Liebe zum Fach, Begeisterung und Neugier, wird im „HD Welt“-Artikel mit keinem Wort erwähnt.

Es gibt sowohl abstumpfendes als auch sensibilisierendes Lernen, Fremdlernen und Selbstlernen, fremdbestimmtes Lernen und intrinsisch motiviertes Lernen, Klarlernen und Entfremdungslernen, Flexibilisierungslernen und Erstarrungslernen, Konditionierung, Mechanisierung.

Psychologen haben Menschen ein Holzstück gegeben und sie gefragt, was man damit machen könne. Kindern fiel ein Vielfaches an Möglichkeiten ein als Erwachsenen (konvergierendes und divergierendes Denken). Engt uns Schullernen ein? Bekommt unsere Phantasie durch die Schule einen Tunnelblick verpasst? Dient Lernen der Öffnung oder der Installation von Scheuklappen?

Ordnung und Disziplin sind wichtig. Das soll hier nicht verteufelt werden. Lernen ist keine Spazierfahrt oder Unterhaltung. Die Gegner des „Edutainment„-Ansatzes legen auf dieses Argument großen Wert. Studieren jedoch auf Maximierung von abrufbarem Wissen, Ordnung und Disziplin zu reduzieren, ist Irreführung, in Deutschland auch Irreführung gesellschaftlichen Ausmaßes mit fatalen Folgen. Es wird höchste Zeit, dass typisch deutsche Tugenden durch das noch Fehlende ergänzt werden, durch Sinn, intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Zukunftsgestaltung, Eroberung der neuen Welt (heute ist das die digitale Welt, die neu ist), Liebe zum Fach, Begeisterung für Forschung und Neugier an der Erkundung unserer Lebenswelt und dieses zutiefst menschliche „es wissen wollen“.

Lernst du noch oder verstehst du schon?

Vortrag von Jörn Loviscach am 26.6.2015 zum Thema Digitalisierung in der Bildung:

Der Videotext auf Youtube dazu: „Externe Referenten sowie Dozenten und Mitarbeiter der Hochschule Fresenius diskutierten am 26. Juni zentrale Fragen zum digitalen Wandel im Sinne einer Ergänzung der Lehre sowie deren Möglichkeiten und Grenzen. Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik sowie Themenpate im Hochschulforum Digitalisierung für Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien, leitete den 1. Tag der digitalen Lehre mit einer Frage ein: „Lernst du noch oder verstehst du schon?“ Bei ihm schrillten immer die Alarmglocken, wenn er höre, dass jemand noch lernen müsse. „Wer sich hinsetzt und „lernt“, will wahrscheinlich eher Lösungsrezepte pauken und weniger Hintergründe und Zusammenhänge verstehen“.“

Sehr schön das Fazit auf der letzten Folie: Digitalisierung macht Bildung nicht per se besser: Etwas wird nicht dadurch gut, dass es digitalisiert wird.

Ein differenzierterer, kenntnisreicherer, weitblickender Dialog wäre angebracht.

Folgende Aspekte der Digitalisierung findet Jörn Loviscach interessant:

Digitalisierung als
– Belehrmaschine
– Entdeckmaschine
– Verstehmaschine
– Schummelmaschine
– Abschöpfmaschine

Was uns dabei fehlt sind folgende Aspekte:

  • Kommunikationsmaschine
  • Kooperationsmaschine
  • Kollaborationsmaschine
    • The future is mass collaboration.
    • Globale Vernetzung
  • Simulationsmaschine
  • Game Engine

Es fehlt auch der Aspekt der „Konstruktion neuer Welten“ ([Frank 2009]):
Geld hat eine neue Welt erschaffen, die Finanzwelt (mit allen Vor- und Nachteilen). Geld dient nicht nur dem Komfort der alten Welt, sondern erschafft ein neues Universum mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es ist nicht nur ein Paralleluniversum, sondern hat teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

Genauso verhält es sich mit dem Digitalen. Das Digitale dient nicht nur der physischen Welt und macht das Leben darin leichter (oder schwerer …), sondern ist eine Art Meta-Infrastruktur zur Erschaffung neuer Universen mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es werden nicht nur Paralleluniversen geschaffen. Diese haben auch teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

F.J. Radermacher sieht in der Dematerialisierung des Wohlstands die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung, siehe meinen alten Blogbeitrag „Dematerialisierung des Wohlstands„. Es geht also nicht um das Ja oder Nein zum Digitalen, sondern um die gesellschaftliche Aufgabe der Eroberung, Nutzbarmachung und Zivilisierung der neuen Universen. So wie vor 100 Jahren die Völker sich einen Wettlauf um die Eroberung der „Neuen Welt“ lieferten, so findet heute ein Wettlauf um die Eroberung des Digitalen statt. An den Internet-Giganten kann man studieren, wie klar dies erkannt wurde und wie strategisch man dort vorgeht.

Wenn man die Welt erorbern will, oder eine neue Welt erschaffen will, kann man nicht im Sandkasten (oder im Klassenzimmer) sitzen bleiben.

Gunter Dueck sagte einmal in einem Vortrag: Nun haben wir das Internet schon über 20 Jahre und sie diskutieren hier in Deutschland immer noch darüber, ob wir es haben wollen.

Zur These von der „Dematerialisierung des Wohlstands“ ist hinzuzufügen, dass es auch um die Demateralisierung des Denkens geht. Die Anhaftung ans Konkrete, an Greifbares, an handfeste Lösungsrezepte ist Kennzeichen eines materiellen Denkens. Wenn man eine Klausur bestehen will, scheint das beste Rezept zu sein, alle Lösungen darin bereits auswendig zu kennen. Klausuren, die solche Erfolgsstrategien zulassen, fördern die Anhaftung und verhindern Reifung.

Die Loslösung davon, also Abstraktion, erfordert        

  • den Mut zu Fehlern
  • den geschützten Raum für Fehler
  • Erfahrung
  • Reflexion
  • Erfahrungswissen
  • Vernetzung
  • Anwendung
  • selber denken
  • selber ausprobieren
  • Reife

Das war schon immer so. Schließlich hieß das Abitur ja mal „Reifezeugnis“. Neu ist dass das Digitale den Bedarf an dematerialisiertem Denken massiv steigert.

Literatur: [Frank 2009] Ulrich Frank: „Die Konstruktion möglicher Welten als Chance und Herausforderung der Wirtschaftsinformatik“, in: Wissenschaftstheorie und gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik, Springer-Verlag, 2009, pp. 161-173. Springer-Link: http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-7908-2336-3_8

Der Dreissprung der Digitalen Gestaltung

Technologie alleine reicht nicht: Technologie in den Klassenraum zu pumpen, ohne etwas an der Didaktik zu ändern, hieße alten Wein in neue Schläuche zu gießen:
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Quelle: Vortrag von Jörn Loviscach, Keynote auf dem E-Learning-Tag der TUM, 19. März 2015, Gesamtliste aller Videos, samt Suchfunktion:
http://www.j3L7h.de/videos.html

Technologie alleine bringt es nicht. Z.B. Videos statt Vorlesung: Erste Auswertungen zeigen, dass Flipped Classroom kombiniert mit traditionellen Klausuren im alten Stil noch nichts am Lernerfolg verändert.

Vortrag von Jörn Loviscach auf Youtube:

Technologie ist nur der Ermöglicher für Neues. Was das Neue ist, muss aktiv angegangen, entschieden und konstruiert werden:

Das Digitale muss aktiv gestaltet werden.

An erster Stelle steht schnellere, umfassendere, vielgestaltige [*] Information und sofortige Kontrolle der Lernschritte mit Quizzes. (Anm. [*]: Statt Multimedia sagen wir besser „Vielgestaltigkeit“. Es geht nicht um „Klicki-Bunti„, sondern die bessere Unterstützung, bessere Bedienung, besserer Service für die vielen heterogenen Lernwege, Bildungsbiographien, Lerntypen, Lerngewohnheiten.)

Loviscach hat folgende interessante Definition von „Blended Learning„: Blended Learning heißt in seiner Lesart Arbeitsteilung zwischen Mensch und Computer. Manches kann der Computer besser. Anderes kann der Mensch besser. Also kommt es auch den richtigen Mensch-Computer-Mix an. Hochschule 2.0 gestalten heißt demnach, diesen Mix zu optimieren. Wenn man das Gefühl hat, die Probleme wachsen einem über den Kopf, dann ist man wahrscheinlich in alten Denkmustern stecken geblieben und nutzt die neuen Chancen nicht.

An zweiter Stelle steht bereits intensivere Kollaboration: „Technology in classrooms isn’t the next step; collaborative class culture is.“ see Blog of Justin Chando, the Founder and CEO of Chalkup, a next-generation learning management system. https://chalkup.co

„Gemeinschaftliches Lernen, also das gemeinsame und zielgerichtete Lernen, Denken und Arbeiten in einer Gruppe, ist Kollaboration. Und Kollaboration ist gemeinschaftliches Lernen, da die beteiligten Personen sich in einem Prozess des Austausches und der Reflexion befinden.“ Eisfeld-Reschke, J., Kretschmer, L. M. M., & Narr, K. [2013].
Digitale Kollaboration im Kontext des Lernen – Voraussetzungen, Herausforderungen und Nutzen. Lernen in der digitalen Gesellschaft – offen, vernetzt, integrativ. Abschlussbericht, 60-66.)

Ohne Einbettung in eine gerichtete Weiterentwicklung werden die Effekte der Einzelschritte verpuffen wie bei der Braunschen Molekularbewegung: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, hin und her. Zusätzlich ist Orientierung gefragt. Die Einbettung in Innovationsprozesse und Wertschöpfungsstrukturen ist erforderlich, um den vielen Einzelschritten eine Gesamtrichtung zu geben und aus den Einzelaktivitäten ein Gesamtergebnis zu erzielen, etwas, auf das man hinterher als Gemeinschaft stolz sein kann.

Wertschöpfungsstrukturen sind Orientierungsstrukturen.

Hochschulen müssen also drei Sprünge meistern:

  • (1.) kollaborationsbefähigende digitale Technologie im Unterricht fördern und fordern
  • (2.) Intensivierung der Kollaboration durch Digitalisierung fördern und fordern
  • (3.) Digitalen Staffellauf organisieren: Innovative Wertschöpfungsstrukturen und Wertschöpfungsprozesse entstehen nicht von alleine. Die Teilnehmer sollten mindestens wissen, dass sie an einem Staffellauf teilnehmen.

Damit sind wir beim Dreisprung der Digitalen Gestaltung:

Der Dreisprung der Digitalen Gestaltung:

Mit digitaler Technologie (1)

digital kollaborieren (2)

für digitale Wertschöpfungsprozesse (3)

In den meisten Wertschöpfungsprozessen liegt eine relativ enge Kopplung der Teilnehmer in einem gemeinsamen, getakteten Prozess vor. Die Teilnehmer müssen sich untereinander abstimmen, aufeinander verlassen und vertrauen. Die Einhaltung von Deadlines und das Liefern von Meilensteinen sind dabei erforderlich. Davon machen die getakteten MOOCs (edX, Coursera) Gebrauch.

Das Internet erlaubt aber auch Wertschöpfungsprozesse mit loser Kopplung. Harold Jarche ist der Erfinder des PKM-Dreischritts „Seek – Sense – Share“ für Personal Knowledge Mastery (PKM):
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Quelle: http://jarche.com/2012/03/the-pkm-value-add/

Ein wichtiger Grundsatz von Harold Jauche lautet:

Es ist kein PKM,

wenn kein Mehrwert generiert wird.

Copy-Paste-Verhalten, die Krankheit der Digitalisierung, würde damit geheilt.

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Quelle: http://jarche.com/2012/03/the-pkm-value-add/

Jane Heart wendet diese Methode mit Web 2.0-Werkzeugen wie folgt an:
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Quelle: https://www.pinterest.com/pin/332773859938845809/

Ungetaktete MOOCs sind ebenfalls lose gekoppelt. Beispiel Udacity: Als Lernender in einem Udacity-MOOC arbeitet man mit Leuten aus aller Welt zusammen, ohne sie vorher kennen gelernt und Vertrauen aufgebaut zu haben. Wenn dann ein Mitlernender aus unbekannten Gründen plötzlich weg ist, geht der Wertschöpfungsprozess trotzdem weiter.

Schließlich ist weltweite Forschung ein lose gekoppelter Wertschöpfungsprozess. Und welchen anderen Auftrag haben Universitäten, als zur Teilhabe daran zu befähigen? Das Neue unserer Zeit mit ihrer Explosion an disruptiven Technologien ist, dass man viel früher, viel leichter, in vielen kleinen Zwischenschritten daran teilhaben kann.

Die meisten Studierenden werden jedoch später nicht in der Forschung arbeiten, sondern als hochqualifizierte Wissensarbeiter am weltweiten Wertschöpfungsprozess der digitalen Innovation teilhaben, an der großen digitalen Wende. Damit schließt sich der Kreis: Das Digitale muss nicht nur in den Hochschulen aktiv gestaltet werden, sondern überall in der Gesellschaft.

Der neue Auftrag der Hochschulen lautet daher, seine Absolventen zur Teilhabe an der Gestaltung des Digitalen zu befähigen. Das können die Hochschulen am besten, indem sie im eigenen Hause damit anfangen.

Explain Everything

„Explain Everything“ ist eine App für 2,99 € für MS Windows 8.1 PC wie das neue MS Surface Pro 3, iPhone und iPad, mit dem Sie interaktive Whiteboards erstellen und screencasten können. In der Beschreibung zur App heißt es: „Sie können Inhalte aus praktisch jeder Quelle importieren, kommentieren, in eine Erzählung verpacken und praktisch überall hin exportieren.

Erstellen Sie Folien, zeichnen Sie in jeder beliebigen Farbe, fügen Sie Formen und Text hinzu und nutzen Sie einen Laserpointer. Sie können jedes Objekt auf der Bühne drehen, bewegen, skalieren, kopieren, einfügen, klonen und einfrieren.

Fügen Sie neue oder vorhandene Fotos und Videos ein. Importieren Sie PDF-, PPT-, DOC-, XLS-, Keynote-, Pages-, Numbers- und RTF-Dateien aus GDrive, Evernote, Dropbox, Box, WebDAV, Email, iTunes, und jeder App, mit der Sie diese Dateitypen mittels „Öffnen mit…“ aufmachen können. Exportieren Sie MP4-Filme, PDF-Dokumente, PNG-Bilder oder XPL-Projekt-Dateien direkt aus Ihrem iPad.

Sie brauchen kein Benutzerkonto, um Explain Everything zu nutzen und zu teilen, was Sie erstellt haben. …

Seit seiner Veröffentlichung in Australien, den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Finland ist Explain Everything eine der Top-Kauf-Apps im Ausbildungsbereich.“ Es wird bereits von 1,8 Mio. Studierenden und Lehrenden eingesetzt.

Den Unterschied zwischen den verschiedenen Versionen und Plattformen entnimmt man der Herstellerseite „Feature comparison on iOS, Android, and Windows„.

Ausführliche Video-Tutorials auf Vimeo:

Mehr auf der Herstellerseite:

Durchhalteparolen im Ökonomismus

Prof. Dr. Jörn Loviscach hat auf der Konferenz „Campus Innovation 2014“ im Track „eLearning“ den hörenswerten Vortrag mit dem Titel gehalten „Skills, Bildung und das Internet: auf der Suche nach einem (zahlenden?) Publikum“. Lecture2Go sei dank, dass die Vorträge nun im Internet verfügbar sind. Wäre sie es nicht, gingen diese wertvollen Gedankengänge verloren. Früher hieß es: „Was nicht aufgeschrieben wird, geht verloren!“ Heute muss es wohl heißen: „Was nicht ins Internet hochgeladen wird, geht verloren!“

Loviscach ist einer der Vordenker der deutschen eLearning-Szene und hat bereits viel Wertvolles beigetragen. In diesem Vortrag ist es das neue Konzept der „Lernchancen“. „Lernchance“ ist ein durchaus beachtenswertes Querdenkerkonzept. Warum nehmen wir immer so naiv an, dass die besten Vorlesungen und die besten Folien auch die besten Lernergebnisse bedingen? Nehmen wir mit der perfekten, auf Hochglanz polierten wissenschaftlichen Begründung den Studierenden nicht die Lernchance, selbst auf eine bessere Erklärung zu kommen? Sind die vielen Probleme, Hindernisse, Unstrukturiertheiten, Chaos der Uni nicht Lernchancen für Studierende, selbst die Initiative zu ergreifen und es besser zu machen?

In dem Vortrag kamen jedoch auch problematische Stellen/Aspekte vor:

  • (1.) Durchhalteparolen: Lernziel Nr. 1 sei das Durchhaltevermögen. Frustrationstoleranz sei zu trainieren.
  • (2.) Kapitulation vor dem Ökonomismus

ad 1. Wenn man Durchhaltevermögen und Training von Frustrationstoleranz als Lernziel Nr. 1 deklariert, kann das natürlich als Begründung für jeden Mist herhalten oder gar missbraucht werden.

Durchhalteparolen machen nur dann Sinn, wenn man kurz vor dem Ziel ist und nur noch wenige Schritte notwendig sind, um sein Ziel zu erreichen. Wenn aber etwas grundfalsch ist, dann ist Durchhaltevermögen das Schlimmste, was passieren kann. Es gibt sogar zu viele Menschen, die zu viel Durchhaltevermögen trainiert haben, zu lange auf dem Holzweg waren und nicht mehr umkehren. Ihre Frustrationstoleranz ist grenzenlos. Man kann auch sagen, ihre Lebenskraft ist eingeschlafen. In solchen Situationen ist eine Krise besser, der eine Klärung und Neubesinnung folgt. Wenn ein System einer Gesellschaft grundverkehrt ist, muss sich die ganze Gesellschaft zusammen tun, um es zu verändern. Innovation und Change Management kommen ohne solche klärenden Phasen nicht aus.

ad 2. Ökonomismus: Sowohl Gesellschaft als auch Hochschule als auch Studierende haben das ökonomische Prinzip auf die höchste Stufe gehoben und alles andere dem unterworfen: Studierende betrachten ihr studentische Leistung als Investition, die sich in Credit Points, Zertifikaten und Zeugnissen bezahlt machen müsse. Der Return of Investment (RoI) müsse optimiert werden. (Durch meine geschlossene Bürotür habe ich mal zufällig das Gespräch von Studierenden mitbekommen, die sich im Schaukasten ihre Noten angeschaut haben. „Für meine 2 habe ich 3 Wochen gelernt.“ Darauf übertrumpfte ihn ein anderer: „Aber für meine 2,3 habe ich nur 2 Wochen gelernt.“) Studierende wollen zielgerichtete, klausurgenaue Prüfungsvorbereitung statt umständlicher Erklärung von Hintergrundinformationen („Alter, labere nicht so rum …“). Nicht Tiefenverstehen ist gefragt, sondern das Flachland der fertigen Rezepte, die man nur noch nachkochen muss. Wenn man den Markt fragt, dann sind „Nürnberger Trichter“ und „Spoonfeeding“ eben doch gefragt. Klassische Bildung wird als spröde empfunden und passt nicht mehr zum ökonomistischen Diktat. Hochschulen müssen sich heute dem Wettbewerb stellen und solche Angebote liefern, die auf dem Markt gefragt sind. Selbstverständlich gibt es auch dafür Pädagogen, die das zu rechtfertigen verstehen: „Constructive Alignment“ ist das passende Wortungetüm für die klausurgenaue Prüfungsvorbereitung als Maxime für die Unterrichtsgestaltung.

Das Bildungssystem steht mit seinem Ökonomismus nicht allein und kann dieses Problem nicht alleine lösen. Die westliche Gesellschaft hat schon lange vor der Leere ihrer eigenen Wertesysteme kapituliert und sich auf den ökonomistischen Standpunkt zurück gezogen: Was am Ende zählt, ist dann doch immer das Geld. Geld wird zur ultimativen Realität erklärt. Und Zeit ist Geld. Für die Zeit die ich investiere habe ich hohe Gewinnerwartungen.

Was mich stört ist diese Kapitulation vor dem Ökonomismus. Ich wünsche mir weiter begeisterte Wissenschaftler, die das Feuer der Neugier und des Interesses bei ihren Studierenden entfachen, Studierende, die aus Interesse und Neigung ihr Studienfach gewählt haben und Hochschulen, die genügend Freiraum für echte Bildungschancen bieten.

Im Software Engineering gibt es die Methode „Fehler zuerst“: Man beginnt mit einem Test, der einen Fehler anzeigt und schreibt dann erst die Softwareteile, die notwendig sind, um den Fehler zu beheben. Vielleicht sollte man in der Didaktik mal die Methode „Krise zuerst“ ausprobieren. Das ist zwar nicht ökonomisch, aber eine Lernchance.

Wie wichtig sind Talking Heads in Video-Lectures?

wpid-PastedGraphic2-2014-11-20-06-54.pngCoursera
Coursera-Kurs „Arts & Culture Strategy“

Wie wichtig sind Talking Heads in Video-Lectures?
Darüber gibt es unterschiedliche Aussagen:
Eine Gruppe (A) sagt, das sei das Wichtigste.
Eine andere Gruppe (B) sagt, Talking Heads sind so unwichtig,
dass man sie neben den Folien und den Erklärvideos
weglassen könne. Der technische Aufwand für Talking Heads
ist enorm und sie bringen nicht den Informationsgewinn,
den man für guten Lernfortschritt benötigt.

Was ist nun richtig? (A) oder (B)?
Ein objektives „Richtig“ oder „Falsch“ gibt es offensichtlich nicht bei der Frage nach Talking Heads.
Es hängt von der Zielgruppe ab oder von persönlichen Präferenzen,
ob man sich auf den Menschen einlassen will oder eher auf die Sache.
Was soll im Vordergrund stehen, der Mensch oder die Sache?

zu (A): Die ideale Lehrperson verkörpert das was sie lehren will.
Sie bringt ihre Sichtweisen authentisch zum Ausdruck.
Begreift man die Ideen- und Gefühlswelt als eine Art Parallelwelt,
in die es einzutauchen gilt,
so helfen Talking Heads Studierenden, in die Parallelwelt der Lehrperson einzutauchen.
Wichtigster Faktor ist dabei die Authentizität.
Viele Menschen lernen über Spiegelneuronen.
Sie assimilieren sehr schnell Standpunkte, Sichtweisen, Ideen- und Gefühlswelten
mittels Empathie.
Erste Probleme tauchen dann bei den Übungen auf.
Wenn die Studierenden dann ohne die Hilfe der Lehrperson selbstständig eine Aufgabe lösen sollen,
fühlen sie sich aus der Parallelwelt heraus gerissen,
zurück geworfen in die eigene Ideen- und Gefühlswelt,
in der sich die zu erlernenden Problemlösekompetenzen zunächst noch nicht befinden.
Resultat sind Nachfragen.
In der Übungsphase haben die Studierenden plötzlich einen großen Bedarf,
sich bei der Lehrperson zu vergewissern.
Der Betreuungsbedarf ist entsprechend hoch.
Daher stellt sich die Frage,
ob das Spiegelneuronen-Lernen hier zweckmäßig ist.
Vielleicht erzeugte das Eintauchen in die Parallelwelt nur die Illusion,
etwas verstanden zu haben.
In der Übung zeigt sich dann, dass die Illusion einer harten Überprüfung nicht standhält.

Den Rückfrage-Bedarf kann man mit bewährten Mitteln in Grenzen halten,
z.B. mit „Frequently Asked Questions“ (FAQs).
Man beantwortet als Lehrperson nur Fragen,
die nicht bereits in den FAQs stehen.
Den Studierenden geht es aber gefühlsmäßig gar nicht um die Fragen,
sondern um die Rückverbindung zu der Parallelwelt und vertrauensvoll zur Lehrperson.
Wenn diese die Rückverbindungsgesuche ablehnt,
damit das Vertrauensverhältnis in Frage stellt,
fühlen sich manche brüskiert und abgelehnt.
Das erzeugt eine erste Frustration, die auch schon
einer erster Schritt zum Abbruch sein kann.

Grob gesprochen lernt man bei (A) mehr den Menschen als die Sache,
was ein erster Schritt sein kann, um sich der Sache zu nähern,
aber auch mit den geschilderten Fallstricken verbunden ist.

Das eLearning-Format „Talking Heads“ gibt es in verschiedenen Varianten:

  • Gesicht
  • Oberkörper
  • Nachrichtensprecher
  • 2 Nachrichtensprecher mit Rollenkonzept
  • Dialog in verschiedenen Varianten
    • Frage-Antwort-Wechsel
    • Gegensätzliche Positionen vertreten
    • Ideenaustausch und gemeinsame Exploration
  • Gruppendiskurs bis hin zum Seminar

(A) und (B) muss man nicht als Gegensatz behandeln. Viele eLearning-Formate behandeln beides als Ergänzung.
Das ist dann die Alternative (C), z.B. Lecturnity:

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Portale für die Informatik-Lehre

In [Sanders 2013] beschreiben Kate Sanders, Marzieh Ahmadzadeh, Tony Clear, Stephen H. Edwards, Mikey Goldweber, Chris Johnson, Raymond Lister, Robert McCartney, Elizabeth Patitsas, und Jaime Spacco die vielen Portale, die es mittlerweile zur Unterstützung für die Informatik-Lehre gibt:

Außerdem beschreiben Sie Ihre eigene Datenbank an Informatik-Prüfungsfragen, die „Canterbury QuestionBank„. Sie besteht aus Multiple Choice-Prüfungsfragen (MC) für die beiden grundlegenden Informatik-Einführungsveranstaltungen, in den USA genannt CS1 und CS2. Die Bloomsche Taxonomie wird unterstützt, d.h. die Fragen werden nach Schwierigkeitsgrad klassifiziert. Die Klassifikationen sind „Knowledge, Comprehension, Analysis, Application, Synthesis, and Evaluation“, siehe Kap. 3.2.8 auf S. 37. Dabei verteilt sich die Häufigkeit der gesammelten Aufgaben auf die verschieden Stufen der Bloomschen Taxonomie wie folgt:

Bloom Level Anzahl Prozent
Erinnern 116 23%
Verstehen 185 36%
Anwenden 18 4%
Analysieren 165 32%
Synthese 21 4%
Evaluation 5 1%

Offenbar sind Anwenden, Synthese und Evaluation am schwierigsten in MC-Fragen zu verpacken. Alle Informatik-Dozentinnen und -Dozenten sind eingeladen, zu der Datenbank weitere interessante Aufgaben beizutragen. Dadurch erreicht man einerseits Arbeitsteilung und andererseits Konsens im grundlegenden Wissens- und Kompetenzkanon eines Fachgebietes. Bei der Nutzung des Internets für diesen Zweck sollte die Informatik mit gutem Beispiel voran gehen.

Literatur

[Sanders 2013] Kate Sanders, Marzieh Ahmadzadeh, Tony Clear, Stephen H. Edwards, Mikey Goldweber, Chris Johnson, Raymond Lister, Robert McCartney, Elizabeth Patitsas, and Jaime Spacco. 2013. The Canterbury QuestionBank: building a repository of multiple-choice CS1 and CS2 questions. In Proceedings of the ITiCSE working group reports conference on Innovation and technology in computer science education-working group reports (ITiCSE -WGR ’13). ACM, New York, NY, USA, 33-52. DOI=10.1145/2543882.2543885 http://doi.acm.org/10.1145/2543882.2543885, http://dl.acm.org/citation.cfm?id=2543882

GML²-Tagungsband 2014 erschienen

Die Tagung „Grundfragen Multimedialen Lehrens und Lernens 2014“ (GML² 2014) in Berlin hatte dazu eingeladen, aus den Projekten der Hochschulen im Qualitätspaktes Lehre über den Aspekt „eLearning“ zu berichten. Nun ist der Tagungsband zur GML² 2014 unter http://www.gml-2014.de/Tagungsband-GML-2014/index.html erschienen. Die Druckversion (Waxmann Verlag) ist demnächst erhältlich.

Der Tagungsband gibt eine gute Übersicht über den Aspekt „eLearning“ im Qualitätspakt Lehre in Deutschland.

Unser eigener Beitrag ist auf S. 355 zu finden. Im letzten Abschnitt habe ich mir erlaubt, auch einmal in die Zukunft zu schauen:

Trotz aller Erfolge ist uns klar, dass wir auf dem jetzigen Stand der eLearning-Implementation nicht stehen bleiben dürfen. Das Internet durchläuft zurzeit neue Revolutionen auf allen Ebenen von der tiefsten Technik (Real-Time Web, SPA, SPDY, …) bis hoch zu neuen Nutzungsszenarien (Mobile First, Response Design, Mobile Games, Mobile Learning, Peer Learning, Action Learning…). Meines Erachtens gibt es zuwenig Investition in die Informatik in diesem Bereich. Was wir brauchen ist ein Lern-Ökosystem auf dem neuesten Stand der Technik, über das gemeinsame Anstrengungen gebündelt werden können und Ergebnisse leichter ihren Nutzen entfalten können. Die Quoten von Sharing und Reuse sind noch viel zu schlecht, das Festhalten an alten Strukturen noch zu stark, vgl. The Post-LMS LMS.

Weiterhin: Die Sicherheitsdiskussionen, die durch die NSA-Affäre angestoßen wurden, sind noch erschreckend lückenhaft. Politische Konsequenzen wurden fast keine gezogen. Ob es sich die europäische Wissenschaftslandschaft jedoch erlauben kann, dass NSA und Facebook mehr über jeden einzelnen Studierenden wissen als die eigenen Dozenten, Freunde, Eltern und mit welchen eLearning-Szenarien wir in Zukunft arbeiten wollen, bleiben wichtige Fragen. Europa braucht ein eigenes, vertrauenswürdiges Lern-Ökosystem auf dem neuesten Stand der Technik. Diese politische Konsequenz sollte der europäischen Politik zur Kernsicherung von Zivilisation (vgl. Chomsky) und Wohlstand (innerer ebenso wie äußerer) am Herzen liegen.

Projekte des Qualitätspaktes Lehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg:

Fachkräftemangel ist ein Mangel an Persönlichkeitsbildung

In seiner DUECK-β-INSIDE-Kolumne schreibt Gunter Dueck in der
neuesten Ausgabe des Informatik Spektrums über das Thema
„Nur Absagen – da soll Fachkräftemangel herrschen?“
siehe [June 2014, Volume 37, Issue 3, pp 250-254] 
und kommt zu dem Schluss, dass Fachkräftemangel in Wirklichkeit
ein Mangel an Persönlichkeitsbildung ist:

Unser Bildungssystem ist nicht auf Persönlichkeitsbildung ausgerichtet,
sondern auf gehorsame, ordentliche und fleißige Mitarbeit,
egal um welche Aufgabe und welche Problemlösung es sich handelt.

Solange man nur wie eine Maschine das tut,
was einem einprogrammiert wurde,
lernt man sich nicht wirklich selber kennen.

Eine Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit ist,
dass diese gewollt wird, vom Individuum ebenso wie vom System:

Einem Individuum, das nur Geld oder Credits Points verdienen will,
interessiert sich nicht wirklich für Persönlichkeitsbildung.

Ein System, das austauschbare Fachkräfte braucht,
die über standardisierte Kompetenzen verfügen
und Leistungen gegen Geld oder Credit Points abrufen will,
interessiert sich nicht wirklich für Persönlichkeitsbildung.

Wenn also gehorsame, ordentliche und fleißige Mitarbeiter
Probleme in ihrer Persönlichkeit haben,
werden diese nicht gesehen, nicht beachtet, nicht gelöst,
weil nicht gewollt,
sondern verschleppt und weitergereicht,
von Projekt zu Projekt,
von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz.

Nach der Industrialisierungsphase kommt die Gesellschaft
in eine neue Phase, in der eine neue Art von Bildung erforderlich wird.

Die Antwort des Bildungssystems, in alle Studiengänge
„2 CP-Soft Skills“-Kurse einzubauen,
kann nur eine Alibi-Funktion haben.

Es geht um Persönlichkeits- als eine Art Bewusstseinsbildung vor Ort
im Projekt am Arbeitsplatz direkt im Studien- oder Berufsalltag,
die den materiellen Reduktionismus hinter sich lässt.

Gunter Dueck schließt seine Kolumne mit den Worten:
Wer Absagen bekommt, muss sich kennenlernen.
Wer sich kennengelernt hat, bekommt keine Absagen.