Abstumpfendes und sensibilisierendes Lernen

Die Zeitung „Die Welt“ fasst online als „HD Welt“ in ihrem Artikel „Mit diesen Tricks lernen Studenten effektiver“ unter der Rubrik „Wissen“ ein paar lesenswerte Tricks zusammen, wie man als Studierende den inneren Schweinehund bekämpfen und sich dann doch aufraffen kann, um für die Klausur zu lernen und sich durchzubeißen.

Jörn Löviscach sagte dazu so schön: „Wenn ich das schon höre, dass Studierende der Vorlesung fernbleiben, weil sie für die Klausur lernen müssen, dann weiß ich: Das ist Bulimielernen.“ Wozu dienen die vorgeschlagenen Tipps und Tricks? Geht es um wirkliches Lernen und noch zielorientierter in die Bulimie hinein?

Statt Bulimielernen könnte man auch sagen „Maschinenlernen“, „Roboterlernen„, Auswändiglernen, herzloses Lernen, Pauken. Dabei kann der Roboter das Roboterhafte besser als wir Menschen. Uns mit Robotern zu messen ist der falsche Weg. In einer Zeit, in der immer mehr Arbeit vom Menschen auf Maschinen übertragen wird, darf der Mensch nicht zur Maschine gemacht werden, auch nicht zur „Lernmaschine„. In einer Zeit, in der die Chinesen als Weltmeister des Auswändiglernens nun Problem Based Learning (PBL) für sich entdecken und es breitflächig im eigenen Lande implementieren, um Weltmeister bei den Erfindungen und Patenten zu werden, darf Europa durch das Auswändiglernen nicht in das stupide Kopieren und Nachmachen zurück fallen.

Diese Art von Pauken ist Flachlernen, das Gegenteil von Tiefenlernen, wie es z.B. die ehemalige HRK-Präsidentin Frau Wintermantel von ihren Unis immer gefordert hat, deren gewählte Leitung sie war. Flachlernen ist eine Folge von Zwangslernen, egal ob der Zwang extern durch Dozenten, Regeln, Systemvorgaben oder intern durch Tricks zur Bekämpfung des eigenen inneren Schweinehundes induziert war.

André Kless meint dazu: Wenn man eine Lernsituation hat, in der sich nichts mehr daran ändern lässt, dass man etwas lernen muss, für das man kein Interesse und keine Motivation hat, also es ums „Durchbeißen“ geht. Dann sind die Tipps der „HD Welt“ gute Tipps. Typisch deutsch ist der Lösungsansatz, dass alles eine Frage der Planung/Strukturierung der eigenen verfügbaren Zeit ist (Spickzettel, feste Arbeitszeiten, Pausen machen, Abwechslung schaffen, Zehn-Minuten-Trick). Dass es auch anders geht, über intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Liebe zum Fach, Begeisterung und Neugier, wird im „HD Welt“-Artikel mit keinem Wort erwähnt.

Es gibt sowohl abstumpfendes als auch sensibilisierendes Lernen, Fremdlernen und Selbstlernen, fremdbestimmtes Lernen und intrinsisch motiviertes Lernen, Klarlernen und Entfremdungslernen, Flexibilisierungslernen und Erstarrungslernen, Konditionierung, Mechanisierung.

Psychologen haben Menschen ein Holzstück gegeben und sie gefragt, was man damit machen könne. Kindern fiel ein Vielfaches an Möglichkeiten ein als Erwachsenen (konvergierendes und divergierendes Denken). Engt uns Schullernen ein? Bekommt unsere Phantasie durch die Schule einen Tunnelblick verpasst? Dient Lernen der Öffnung oder der Installation von Scheuklappen?

Ordnung und Disziplin sind wichtig. Das soll hier nicht verteufelt werden. Lernen ist keine Spazierfahrt oder Unterhaltung. Die Gegner des „Edutainment„-Ansatzes legen auf dieses Argument großen Wert. Studieren jedoch auf Maximierung von abrufbarem Wissen, Ordnung und Disziplin zu reduzieren, ist Irreführung, in Deutschland auch Irreführung gesellschaftlichen Ausmaßes mit fatalen Folgen. Es wird höchste Zeit, dass typisch deutsche Tugenden durch das noch Fehlende ergänzt werden, durch Sinn, intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Zukunftsgestaltung, Eroberung der neuen Welt (heute ist das die digitale Welt, die neu ist), Liebe zum Fach, Begeisterung für Forschung und Neugier an der Erkundung unserer Lebenswelt und dieses zutiefst menschliche „es wissen wollen“.

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