Klarlernen und die Kostbarkeit von Klarheit

Es geht um die Erkenntnis der Kostbarkeit von

  • Klarheit
  • Ordnung
  • Liebe
  • Leben

Klarheit ist kostbar. In der Klarheit geht vieles einfacher: Entscheiden, Planen, Erkennen, Verstehen, Analysieren, … bis hin zum Programmieren. Klarheit zu schaffen kostet manchmal auch Aufwand: Klarlernen ist das Lernen, bis es klar wird, sonnenklar, glasklar, eindeutig und präzise. Nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv: Ich habe das Gefühl, dass es mir klar ist und ich kann es anwenden und merke an dem Testfall in der Praxis, dass es mir wirklich klar ist und dem Praxistest standhält. Im Verbund mit der Praxis entwickele ich mich in der Klarheit weiter. Oder ich habe das Gefühl, dass es mir klar ist und ich kann es in Worten ausdrücken, formulieren und merke an der Resonanz meiner Mitmenschen, ob ich bereits meine innere Klarheit in die Welt bringen kann. Im Diskurs entwickele ich mich in der Klarheit weiter.

Die Erkenntnis der Kostbarkeit der Klarheit ist selbst eine Kostbarkeit.

Wenn uns Klarheit nicht kostbar ist, dann gibt es keine Hemmungen, sich an Alkohol oder Arbeit („Arbeitoholiker„), Aktionismus, Informationen, Medien, Games, Chats, Geschwätz bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen. Wir gehen unter im Flow der Informationsflut und tragen selbst dazu bei. Weil es jeder macht, ist es sozial akzeptiert, kein Einzelding, sondern ein Phänomen der Gesellschaft. Der Preis ist die Besinnungslosigkeit.

Wer mit Sedierung arbeitet, legt den Schleier eines Nebels über die Erkenntnis. Das führt nicht zur Klarheit, sondern schafft neue Verwirrung. In der Sedierung kann nicht das getan werden, was getan werden muss. Statt den Weg zur Klarheit zu gehen, verlieren wir uns im Nebel oder bleiben einfach stehen. Das kann auch ein inneres Stehenbleiben sein, das dem äußeren Bild des hektischen Aktionismus widerspricht.

Ordnung ist kostbar. In der Ordnung geht vieles wie von selbst. Gegen die Ordnung zu arbeiten ist mühselig und kostet viel Kraft. Daher ist es so wichtig, die Ordnung zu erkennen. Ordnung und Klarheit gehen oft Hand in Hand. Die Erkenntnis der Kostbarkeit der Ordnung ist selbst eine Kostbarkeit.

Liebe ist kostbar. Ohne Liebe geht gar nichts. Liebe ist der Motor. Liebe ist der tiefste Grund, warum wir etwas tun, egal wie schräg ist was am Ende dabei heraus kommt. Das ist keine Entschuldigung für die Schrägkeit, sondern nur die Erkenntnis der tiefsten Quelle. Die Erkenntnis der Kostbarkeit der Liebe ist selbst eine Kostbarkeit.

Leben ist kostbar. Jeder Augenblick ist eine Kostbarkeit, ein Geschenk, das man achtet und für das man dankbar ist. Das ist eine Lebenshaltung. Die Erkenntnis der Kostbarkeit des Lebens ist selbst eine Kostbarkeit.

Zwischen den genannten Kostbarkeiten kann man bereits auf abstrakter Ebene Spannungen erkennen: Aus der Ordnung entwickelt der Mensch Regeln, die nach Einhaltung rufen, bis das Leben sich darüber hinweg setzt, weil die menschengemachten Regeln doch nicht die absolute Ordnung abbilden konnten, wie sollten sie auch. Das geschieht immer wieder, solange die menschengemachte Ordnung nicht der absoluten Ordnung entspricht, also ewig.

Es geht um die Erkenntnis der Kostbarkeit, nicht um die Idealisierung von Prinzipien oder die Romantisierung von Gefühlen. Keine Moral, kein Gebot kann einem diese Erkenntnis abnehmen.

Auf diesen vier Säulen kann man eine neue Pädagogik aufbauen, die der Menschwerdung vollständiger gerecht wird.

Bildung als Bewusstseinsgestaltung

Bildung war schon immer auch Bewusstseinsgestaltung.
Die kognitiven Strukturen, die in Schule und Hochschule geformt werden,
prägen die Lebenshaltung und -einstellung.
Neurowissenschaftlich verändern sich die Gehirnstrukturen.
Subjektiv ändert sich Empfinden, Denkmuster und Perzeptionsverhalten,
die Haltung zu Leben und Tod, zu Umwelt, Gesellschaft und zu sich selbst.

Durch alles was wir tun, verändert sich auch unsere Bewusstseinsgestalt.
Durch unser alltägliches Tun gestalten wir unser Bewusstsein.
„Wähle Deine Gewohnheiten!“ ist eine Empfehlung
sogar bei der Ausbildung von Software-Ingenieuren
(siehe „Practices of an Agile Developer“
by Venkat Subramaniam and Andy Hunt).
Manche Gewohnheiten senken die Produktivität,
die Offenheit und Lernfähigkeit,
andere Gewohnheiten steigern sie.
Unbewusste Bewusstseinsgestaltung kann einen in den Burnout treiben,
bewusste Bewusstseinsgestaltung kann zu einer immer leichteren Arbeitsweise führen.

Global-gesellschaftlich finden in unserer Zeit massive Veränderungen statt,
die meisten davon unterhalb des Radars der kollektiven Wahrnehmung:
Sie sind in keinen Nachrichten eine Zeile wert und dennoch bestimmen sie
das globale Gesamtgeschehen mehr als die kurzfristigen Einzelereignisse.
Peter Senge („Lernende Organisation“) wies bereits darauf hin,
dass Langzeit-Lernen kaum bewusst ist,
dazu globales und so etwas wie Bewusstseinsgestalt schwer fassbares
noch weniger.

Literatur:

http://pragprog.com/book/pad/practices-of-an-agile-developer

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Practices of an Agile Developer

Helfen 2.0

Der Unterschied zwischen dem Hochwasser 2002 und 2013 ist in erster Linie die Organisation der Hilfe über Twitter, Google und in erster Linie Facebook: „Lisa Müller gefällt „Das Hochwasser 2013““ meldet die FAZ. „Die Flut-Engel von Facebook“ schreibt der Berliner Kurier. „Hochwasser: Fluthelfer über Facebook gesucht“ liest man im Spiegel online (SPON). Die Hilfsbereitschaft war schon immer da. Jetzt kann sie dank der sozialen Netze an den Ort des Bedarfs gelangen.

„Helfen 2.0“ ist in Deutschland angekommen.

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Das neue Helfen ist so neu, dass es auch zu Überreaktionen kommen kann: Vor lauter Hilfsbereitschaft kommt es manchmal zum „Chaos nach Facebook-Aufruf“ (Mitteldeutsche Zeitung).

Wie man das professioneller organisiert, macht uns Österreich vor: Dort hat das österreichische Rote Kreuz die Koordination übernommen mit der App „Team Österreich“, siehe http://apps.teamoesterreich.at/. Man kann sich als Helfer registrieren und bekommt eine Anforderung per Alarm-SMS oder email bei Bedarf, der man zustimmt oder nicht. So kann der Einsatz gebündelt und genauer koordiniert werden. Die Gefahr von zu viel Helfern wird gemindert. Praktischer Nebeneffekt der Registrierung: Die Helfer bekommen Versicherungsschutz.

Geht doch.

Die Praxis des Helfens entwickelt sich schneller als die Theorie. Soziologen stehen noch rätselnd vor dem neuen Phänomen. Nur wenige Informatiker haben die Logik dahinter verstanden und verstehen es, mit ihren neuen Systemen die Gesellschaft zu verändern. Informatik und Soziologie alleine reichen nicht. Marc Zuckerberg hat neben Informatik auch Psychologie studiert.

Shareconomy – Die neue Wirtschaft des Teilhabens

Erfahrungsbericht aus San Francisco:

  • Pervasives, mobiles Internet ermöglicht völlig neue Wirtschaftsformen.
  • Mit einer App auf dem Smartphone und dem passenden Cloud-Dienst wird plötzlich möglich, was bisher unmöglich schien.
  • Beispiel mit 7000 Dollar Monatseinkommen.
  • Gesetzgeber kommt den faktischen Veränderungen nicht hinterher.
  • Steuer-Ungerechtigkeiten entstehen.
  • Vertrauensproblem lösen mit Rating und Facebook: Private Transparenz schafft Vertrauen.
  • Wechselseitiges Rating: Anbieter und Gäste bewerten sich gegenseitig.

http://www.tagesschau.de/videoblog/usa/videoblog-washington126.html

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Universitäre und anwendungsorientierte Wissenschaft

Grob unterteilt gibt es zwei Sorten von Wissenschaft:

  • Universitär: Die kognitive Substanz wird völlig frei und unbelastet eingesetzt zur Modellierung der Welt, des Menschen, der Gesellschaft, des Geistes und schließlich der Modellierung selbst. „Universitas“ ist lateinisch und bedeutet [1] allgemein: das Ganze, die Gesamtheit, der Inbegriff aller Dinge eines Ganzen, [2] physisch/materiell: die Welt, das Weltall, die Gesamtheit der Dinge, [3] sozial: das Kollegium, die Gilde, die Kommune, die gesellschaftliche Gesamtheit, siehe Wiktionary.
  • Anwendungsorientiert: Wissenschaft muss anwendbar sein und einen Nutzen in einer Anwendung haben. Die Anwendung spendet Nutzen, Sinn, Inhalt. Mathematik und Informatik als abstrakte Wissenschaften sind per se inhalts-leer, sinn-leer, und können durch Anwendung in diesem Punkt gewinnen. Für Studienanfänger ist dies ein wichtiger Punkt: Wenn sie in den ersten Semestern allzu sehr mit formalen Theorien und Prozeduren gequält werden, verlieren sie schnell den Gefallen an dieser so wichtigen Disziplin.

In beiden Bereichen von Wissenschaft kann sich gute und schlechte Wissenschaft bilden.

Zunächst die gute Seite:

  • Universitäre Wissenschaft ist gut, wenn sie ihre Freiheit nutzt, um neue Grundlagen zu legen und um zum Erkenntnisgewinn beizutragen. Die Freiheit ist ein Privileg, den in Anwendungen eingebundene Mechanismen und Rollen nicht haben, und die von guter Wissenschaft meisterlich genutzt wird, um völlig neue kognitive Räume zu erschließen und Breschen zu schlagen durch das Dickicht von überkommenen Annahmen, Vorstellungen und Vorurteilen. Grundlagenforschung legt neue Grundlagen. Dazu ordnet sich Theorie nichts und niemandem unter. Alles ist erlaubt. Galileo Galilei hat mit seinem Leben und Wirken davon Zeugnis abgelegt.
  • Anwendungsorientierte Wissenschaft ist gut, wenn sie etwas für die Anwendung bringt. Das wilde Theoretisieren wird gebündelt und kanalisiert in die Richtung der Anwendbarkeit. Theoriebildung muss sich an der Anwendbarkeit messen lassen. Es gibt einen höheren Zweck, dem die Theorie untergeordnet wird.

Dann ist auch die schlechte Seite zu beachten:

  • Universitäre Wissenschaft im Elfenbeinturm ist schlecht, wenn die Theorie nur noch der Theorie willen gebildet wird, wenn sie um ihren eigenen Bauchnabel kreist, wenn sie der Rechtfertigung falscher Strukturen dient, wenn sie in arroganter Besserwisserei ausartet. Der alte Spruch „Wissen ist Macht“ hat hier seine negative Konnotation. Über sich selbst duldet die Theorie nichts Höheres. Diese Art von Theoriebildung will sich an keinem Maßstab messen lassen.
  • Anwendungsorientierte Wissenschaft ist schlecht, wenn sie sich zum Sklaven der Anwendung macht, wenn sie die geistige Freiheit zugunsten der Anwendbarkeit oder der gerade herrschenden Ideologie verkauft, wenn sie in der einen oder anderen Weise korrupt wird. Damit schneidet sich die anwendungsorientierte Wissenschaft ins eigene Fleisch, weil sie die volle Kapazität des Geistes einschränkt zugunsten einer Konformität oder eines Zwangs. Nur Beispielprobleme zu lösen, ist zu klein gedacht.

Diese Gegenüberstellung von universitärer und anwendungsorientierter Wissenschaft ist natürlich nur eine theoretische Verschärfung und Dualisierung aus didaktischen Gründen, um Dinge und Verhältnisse sichtbar zu machen, die sonst verschwimmen würden. In der Praxis kann man eine solche Schärfe der Trennung selbstverständlich nicht aufrecht erhalten:

Einstein: Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.

Einstein kann man daher auch als anwendungsorientierten Wissenschaftler begreifen.

Das was hier systemisch für „die Wissenschaft“ dargestellt wurde, gilt in übertragener Form auch für den einzelnen Wissenschaftler. Der Umgang mit Theorie und Anwendung ist viel komplexer, als dass er sich mit SMART-Kriterien betriebswirtschaftlich managen und optimieren ließe – und gleichzeitig gibt es unternehmerische Dinge im Hochschulbetrieb, die man durchaus betriebswirtschaftlich managen und optimieren sollte.

Die zwei Arten des Verstehens

Akademische Lernprozesse sind auf Verstehen ausgerichtet. Wissen und Kompetenzen sollen nicht einfach kopiert werden, sondern es soll sich ein tieferes Verständnis aufbauen. In diesem Zusammenhang spricht man auch von Tiefenstrukturen. Was sind diese Tiefenstrukturen und wie entstehen sie?

Es gibt zwei Arten des Verstehens:

  • 1. Aufbauendes Verstehen: Man knüpft an Altes an und baut sein Verständnis darauf auf. Abstraktes wird durch Konkretes verdeutlicht. Mathe wird durch Zahlen verstanden. Anwendungsorientierte Lehre bringt immer wieder Beispiele aus bekannten Anwendungen.
  • 2. Innovatives Verstehen: Man lässt sich völlig unvoreingenommen und unbelastet auf das Neue ein, macht mit, interagiert, sammelt völlig neue Erfahrungen und gewinnt daraus ein tieferes Verständnis.

Im ersten Fall knüpft man an vorhandene Tiefenstrukturen an und baut diese weiter aus. Im zweiten Fall entsteht eine neue Tiefenstruktur unabhängig von der alten.

Der Umgang mit der kognitive Substanz ist in beiden Fällen völlig unterschiedlich. Im ersten Fall muss man das Neue immer mit dem alten vergleichen, abgleichen und in Beziehung setzen. Das alte Weltbild wird ergänzt und verfeinert. Das alte Selbstbild bekommt zusätzliche Facetten.

Im zweiten Fall lässt man jede vorhandene Tiefenstruktur weg und beschränkt sich auf die kognitive Substanz in ihrer ursprünglichen Klarheit an sich, völlig leer und unstrukturiert. Altes Wissen und Kompetenzen spielen keine Rolle. Weltbild und Selbstbild bleiben außen vor. Freiheit von Vorurteilen ist der Gewinn.

Bei Kleinkindern kann man diese Unterschiedlichkeit wie folgt beobachten:

  • 1. Die primäre Sensorik liegt im Mund. Daher nehmen Kleinkinder alles in den Mund, tasten, schmecken, riechen. Die Welt der frühkindlichen Erfahrungen ist die Menge der in den Mund genommenen Objekte. Gibt man einem solchen Kleinkind nun Legobausteine, so will es diese zunächst in sein bekanntes Schema einordnen und nimmt diese ebenfalls in den Mund.
  • 2. Irgendwann ist für das Kleinkind die olfaktorische, gustatorische und kinästhetische Beurteilung nicht mehr wichtig. Es fängt an, mit den Legobausteinen Personen, Häuser, Brücken und Burgen zu bauen. Eine neue Welt wird erschlossen, die mit der alten nichts zu tun hat. Gleichzeitig ist die alte Welt immer noch da. Sie spielt bloß keine Rolle mehr.

Eine alte Geschichte handelt von einem Schüler, der sich mithilfe eines Lehrers auf ein völlig neues Gebiet wagen will. Lehrer und Schüler treffen sich zu einem Vorgespräch bei einer Tasse Tee. Der Lehrer merkt schnell, dass der Schüler im Denkmodus des aufbauenden Verstehens gefangen ist und sich auf das Neue nicht wirklich vorurteilsfrei einlassen will. Nun schenkt der Lehrer dem Schüler eine Tasse Tee ein: Die Tasse läuft voll. Der Lehrer hört absichtlich nicht auf zu gießen. Der Schüler ist entsetzt: „Der Tee läuft über.“ Darauf der Lehrer: „Man muss die Tasse zuerst leeren, bevor wieder etwas hinein passt. Wie willst Du Dich auf das Neue einlassen, wenn Du mit alten Konzepten noch gefüllt bist?“

Im Laufe eines Lebens gibt es immer wieder Innovationssprünge im eigenen Denken. Dabei lernt man, die Welt mit anderen Augen zu sehen, andere Aspekte wahrzunehmen und die eigene kognitive Substanz anders als bisher zu verwenden. Kann ich mich auf das Abenteuer einer neuen kognitiven Welt einlassen? Oder muss ich mich immer wieder in der alten Welt mit alten Erklärungsmustern vergewissern?

Gesellschaftlich geschieht dies ebenfalls. Die Innovationssprünge kommen immer häufiger und führen zu immer grundlegenderen gesellschaftlichen Veränderungen. Diese mit den altbekannten Erklärungsmustern verstehen zu wollen, wird der Natur der Innovation nicht gerecht. Können wir uns auf das Abenteuer einer neuen Gesellschaft einlassen?

Aktivierende Lehre

Aktivierende Lehre wird immer wichtiger, damit Studierende die eher passive Konsumhaltung verlassen.

Das Credit-Belohnungssystem der Bologna-Reform scheint zu einer einseitig wirtschaftlichen Optimierung des Studiums geführt zu haben. Es wird der Weg des geringsten Widerstandes, der minimalen Investition und des höchsten Ertrags gewählt. Das ist wirtschaftliches Denken an einer Stelle, an die es nicht hin gehört. Intrinsische Motivation, Neugier, Begabungen und Wahl nach Interessenlage und Fähigkeiten sollten stattdessen dominieren.

Motivation geht über (1.) Autonomie: Die Freiheit, in Selbstbestimmtheit seinen eigenen Weg zu gehen. (2.) Herausforderungen und der Wille zur Meisterschaft. (3.) Sinn. Incentives, Credits, Anreizsysteme, Möhrchenmethode funktionieren nur für mechanische Arbeiten und primitive kognitive Leistungen. Ab einem bestimmten Niveau sind Credits sogar kontraproduktiv. siehe http://www.youtube.com/watch?v=u6XAPnuFjJc

Die steigende Dominanz der Konsumhaltung ist auch eine Ursache für Fachkräftemangel, siehe http://hd.welt.de/ausgabe_a/article116777297/Wir-muessen-anders-denken-als-unsere-Vaeter.html

Zitat aus einem Interview mit „Die Welt“ online: „Die Welt: Die Deutschen kaufen gern modernste Technik. Das Interesse, .. selbst entsprechende Berufe zu ergreifen, nimmt immer mehr ab. Was läuft hier falsch?

Yogeshwar: Meinen ersten Computer baute ich etwa 1979. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der man noch selbst lötete, Computerplatinen ätzte oder sein Auto reparierte. Heute sehe ich schon eine Entmündigung des Kunden, wenn beispielsweise Automotoren so gekapselt sind, dass man selbst kaum noch etwas machen kann oder technische Geräte sich kaum noch reparieren lassen. Das führt leider dazu, dass die Konsumhaltung in den Vordergrund rückt und das weitergehende Interesse nebst der damit verbundenen Kreativität verdrängt wird. Der Nachwuchsmangel bei technischen Berufen ist ein Beleg.“

Das volle Interview bei „Die Welt„.

Reaktive und proaktive Qualitätsentwicklung

Es gibt zwei Arten von Qualitätsmanagement (QM):

  • reaktiv: QM wartet auf Beschwerden, Fehlermeldungen und Missstände und reagiert darauf.
  • proaktiv: QM agiert aus einem Grundverständnis von Qualität (Ergebnisqualität, Prozessqualität, Strukturqualität). In der kollektiven Variante kommt gegenüber der individuellen Variante des QM Kommunikationsqualität und der Konsens über Qualität hinzu.

Bei der proaktiven Variante des QM ist das Denken über Qualität eine grundsätzliche Voraussetzung. Denken über Qualität geschieht auf einer Meta-Ebene (reflektiv, „above the flow“). Während das operative Geschäft („in the flow“) normalerweise keine Zeit und keinen Raum, keinen Prozess und keine Strukturen für Reflexion bietet, sind diese für proaktives QM unabdingbar.

Neurowissenschaftlich befindet sich das Gehirn „in the flow“ in einem anderen Zustand als „above the flow“. Der Meta-Sprung ist der Sprung von der operativen Ebene auf die Metaebene. Dieser kognitive Sprung ist nicht angeboren und muss erst erlernt werden. Er lohnt sich individuell ebenso wie für die Gesellschaft. Seine Aneignung fließt allmählich in unser Bildungssystem ein, entweder über Weiterbildung, Reflexion, Wissenschaft oder QM.

Blinde Evolution reicht nicht. Meta-Bewusstsein muss hinzu kommen.

Wirtschaftler behaupten, Meta-Bewusstsein müsse SMART (Specific Measurable Accepted Realistic Timely) sein. Die Forderung nach Messbarkeit kann sich allerdings zu einem Reduktionismus entwickeln: Es wird nur noch beachtet, was messbar ist. Dann wird aus SMART Dummheit: Alles Unmessbare wird missachtet oder schlicht ignoriert und man landet im finstersten Behaviorismus, siehe Gunter Duck: „Mensch kommt von innen„.

Wenn man eine Organisation aus dem Reduktionismus der SMART-Kriterien heraus lenkt, entsteht der bekannte Effekt „overmanaged and underled„, d.h. zu viel verwaltet und zu wenig geführt. Führung kommt nämlich auch von innen.

Fremdlernen und Eigenlernen

In der Vergangenheit war der Auftrag des Bildungssystems, möglichst passgenaue menschliche Ersatzteile für das Gesellschaftsgetriebe zu produzieren. Zu erlernen (meistens kopieren) waren fremde Wissensstrukturen und bewährte methodische Kompetenzen des jeweiligen Fachgebietes. Das wird sehr gut dargestellt in http://www.youtube.com/watch?v=zDZFcDGpL4U. Fremdlernen war der Schwerpunkt: Fremdes Wissen und fremde Kompetenzen.

Heute befindet sich das Gesellschaftsgetriebe im Umbruch und ist ständig immer schnelleren technologischen, fachlichen und gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Daher kann das Ziel der passgenauen Produktion nicht mehr erreicht werden („moving target„). Also gilt es, ein neues Ziel zu definieren.

Das neue Bildungsziel könnte eine Art „Eigenlernen“ sein, d.h. die grundlegende Kompetenz, sich Wissen und Kompetenzen zu eigen zu machen, den eigenen Einfällen und Begabungen zu folgen und das eigene Potenzial bestmöglich zu entdecken, zu entwickeln und zu nutzen.

Eigenlernen verhält sich zu Fremdlernen wie Subjekt zu Objekt. Bei meinen Studierenden beobachte ich oft, dass sie das ganze Studium hindurch nur fremdlernen und nie zum Eigenlernen kommen. Erst bei der Abschlussarbeit passiert ein Umschalten von Fremdlernen auf Eigenlernen. Plötzlich entdecken die Studierenden, wie viel in ihnen selber steckt und dass sie gar nicht da draußen suchen müssen. Dann sprudeln die Einfälle und Ideen schneller, als sie diese strukturieren und wissenschaftlich aufarbeiten können.

Das Umschlagen von einem Extrem ins andere ist dabei eine Gefahr. Wenn man nur noch die Einfälle sprudeln lässt, keine Qualitätsselektion und Fokussierung mehr vornimmt, alles Äußere und Fremde missachtet und glaubt, alles selber besser zu wissen als jeder andere Mensch zuvor, dann kann keine gute wissenschaftliche Abschlussarbeit mehr daraus entstehen. Aus dem Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber so vielen klugen Köpfen der Wissenschaft ist Arroganz geworden.

Zu einer guten wiss. Arbeit gehört natürlich die Recherche, was andere Wissenschaftler schon geleistet und erarbeitet haben, nicht mit zu viel Respekt, aber auch nicht mit Verachtung, sondern mit einem gesunden Maß an Wertschätzung und kritischer Prüfung.

Wenn sich Fremdlernen und Eigenlernen die Waage halten, kann Klarlernen, natürliche Reifung und Wachstum entstehen.