Fremdlernen und Eigenlernen

In der Vergangenheit war der Auftrag des Bildungssystems, möglichst passgenaue menschliche Ersatzteile für das Gesellschaftsgetriebe zu produzieren. Zu erlernen (meistens kopieren) waren fremde Wissensstrukturen und bewährte methodische Kompetenzen des jeweiligen Fachgebietes. Das wird sehr gut dargestellt in http://www.youtube.com/watch?v=zDZFcDGpL4U. Fremdlernen war der Schwerpunkt: Fremdes Wissen und fremde Kompetenzen.

Heute befindet sich das Gesellschaftsgetriebe im Umbruch und ist ständig immer schnelleren technologischen, fachlichen und gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Daher kann das Ziel der passgenauen Produktion nicht mehr erreicht werden („moving target„). Also gilt es, ein neues Ziel zu definieren.

Das neue Bildungsziel könnte eine Art „Eigenlernen“ sein, d.h. die grundlegende Kompetenz, sich Wissen und Kompetenzen zu eigen zu machen, den eigenen Einfällen und Begabungen zu folgen und das eigene Potenzial bestmöglich zu entdecken, zu entwickeln und zu nutzen.

Eigenlernen verhält sich zu Fremdlernen wie Subjekt zu Objekt. Bei meinen Studierenden beobachte ich oft, dass sie das ganze Studium hindurch nur fremdlernen und nie zum Eigenlernen kommen. Erst bei der Abschlussarbeit passiert ein Umschalten von Fremdlernen auf Eigenlernen. Plötzlich entdecken die Studierenden, wie viel in ihnen selber steckt und dass sie gar nicht da draußen suchen müssen. Dann sprudeln die Einfälle und Ideen schneller, als sie diese strukturieren und wissenschaftlich aufarbeiten können.

Das Umschlagen von einem Extrem ins andere ist dabei eine Gefahr. Wenn man nur noch die Einfälle sprudeln lässt, keine Qualitätsselektion und Fokussierung mehr vornimmt, alles Äußere und Fremde missachtet und glaubt, alles selber besser zu wissen als jeder andere Mensch zuvor, dann kann keine gute wissenschaftliche Abschlussarbeit mehr daraus entstehen. Aus dem Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber so vielen klugen Köpfen der Wissenschaft ist Arroganz geworden.

Zu einer guten wiss. Arbeit gehört natürlich die Recherche, was andere Wissenschaftler schon geleistet und erarbeitet haben, nicht mit zu viel Respekt, aber auch nicht mit Verachtung, sondern mit einem gesunden Maß an Wertschätzung und kritischer Prüfung.

Wenn sich Fremdlernen und Eigenlernen die Waage halten, kann Klarlernen, natürliche Reifung und Wachstum entstehen.

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