Ausschalten von Bewusstheit durch Methode hat Methode

Methodisches Vorgehen ist das Markenzeichen von Akademikern.
Sie haben für alles eine wiss. anerkannte Methode.
Um alle diese Methoden kennen zu lernen,
muss man erst einmal jahrelang studieren.
Das ist die Eintrittshürde in die akademische Welt.

Es werden immer nur die Vorteile methodischen Vorgehens angepriesen,
nie objektiv sachlich auch die Nachteile,
die Schattenseite der akademischen Sonne.

Akademiker sind dann auch bloß Verkäufer,
weil sie ihren eigenen Denkansatz als den besten verkaufen,
anstatt sich unvoreingenommen mit der Sachlage auseinander zu setzen,
neutral und sachlich, wie es der akademische Ethos verlangt.
Aber wenn es um sie selbst geht,
werden Akademiker höchst unakademisch.
(siehe auch „Homo academicus“ von Pierre Bourdieu, 1984)

Methodisches Vorgehen kann auch Nachteile beherbergen:
Methodisch Vorgehen kann auch bedeuten,
dass man sich nach einer Methode richtet und Bewusstheit ausschaltet,
Empfindsamkeit, Fühlen,
das Gefühl, dass sich die Welt um uns herum massiv verändert,
Gewissen,
denn das ist ja alles subjektiv und daher als unwissenschaftlich verpönt.
Bewusstheit wird ausgeschaltet,
wenn das sklavische Befolgen der Methode wichtiger wird als Bewusstheit.
Ein Computer läuft nach einem Algorithmus,
das Befolgen einer Methode ist ebenfalls algorithmischer Natur.

Ausschalten von Bewusstheit durch Methode hat Methode,
nämlich die akademische Methode des methodischen Vorgehens.

Bewusstheit ist etwas inhärent Subjektives,
Methodisches Vorgehen dagegen scheinbar so viel objektiver.

Dabei war einer der Gründerväter des wiss. Ansatzes,
Galileo Galilei, mit genau dem umgekehrten Vorsatz angetreten:
Glaubenswahrheiten waren damals nicht hinterfragbar,
und wenn das religiöse Dogma vorschrieb,
dass die Erde im Mittelpunkt des Universums stünde,
so setzte er seine eigenen, subjektiven Messungen und Erklärungen dagegen.
„Habe den Mut selber zu denken“ (und zu messen und zu erklären)
war dann der Wahlspruch des Zeitalters der Aufklärung.

Methodisches Vorgehen und frische Bewusstheit, immer wieder neu:
Gerade das Spannungsverhältnis zwischen beiden macht den Reiz aus.
Immer wieder neu aus der subjektiven Wahrnehmung heraus
bestehende Methoden zu hinterfragen und neue Methoden zu entwerfen
ist eine große Herausforderung, die niemals enden wird,
denn es gibt kein „Patentrezept“, keine „Weltformel“,
keinen „Silver Bullet“ und keine „eierlegende Wollmilchsau“.
Das Ringen darum ist legitim und eines der Hauptantriebskräfte der Wissenschaft,
jedoch sollte klar sein, dass dieses Ringen unendlich ist.
Letztendlich ist es eine Art Zielkonflikt zwischen der Subjektivität der Bewusstheit
und dem Streben nach Objektivität und Systemfestigung,
das die Entwicklungsspirale voran treibt.

Informatik ist eine interessante Wissenschaft,
weil sie diese Phänomene aus dem Allgemeinen,
aus dem Philosophischen und Psychologischen,
in die konkrete Zeile Software-Quellcode bringt und dort
ganz konkret als Phänomen erfahrbar und sogar messbar macht:
Ist die Software, die nach einer Methode X erstellt wurde,
oder die Software, die nach einer Methode Y erstellt wurde,
besser?
Oder gar solche Software,
deren Entwicklung sich an keiner bekannten Methode orientierte
und möglicherweise die Geburt einer neuen Methode ankündigt?

Leben in Begriffsgebäuden

Beim Bulimielernen oder Klausurlernen hat man das Gefühl,
man müsse die Powerpoints des Dozenten auswendig lernen,
um sie in der Klausur möglichst originalgetreu wieder zu geben
– und dann auch umgehend zu vergessen.

Ein solches Lernen ist wertloses Lernen.
Schon die alten Lateiner versuchten dagegen zu halten mit
„Non scholae sed vitae discimus!“
– „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“
Auch vor 2000 Jahren gab es schon Bulimielernen.

In der Vorlesung führt der Dozent in ein Begriffsgebäude ein,
in dem ganze Berufsgruppen denken, arbeiten,
leben, genießen, leiden und begeistern.
Alles hat seine Struktur.
Es gibt viele Querbeziehungen
und immer wieder Neues zu entdecken.
Jeder einzelne Begriff ist wichtig und
von Generationen immer wieder auf die Goldwaage gelegt worden.
Begriffe sind Errungenschaften,
die Erfahrungen und Ergebnisse in eine Form gießen.
Sie bekommen dadurch Festigkeit und werden be-greifbar.
Auch Mathematik ist eine Sprache,
die sich über Jahrhunderte erst mühsam bilden musste.

Manchmal werden die Begriffsgebäude zu fest und unflexibel,
so dass das Gebäude eingerissen werden
und ein neues gebaut werden muss,
z.B. Newtonsche vs. Einsteinsche Physik.
Einreißen ist wichtig und bringt die Wissenschaft weiter,
jedoch nicht bei Anfängern.
Es ist eine Prä-Trans-Verwechslung,
gleich am Anfang alles einreißen zu wollen.

Im Bulimielernen ist das alles kein Begriffsgebäude,
sondern eher ein loser Steinhaufen,
lieblos dahin geschüttet,
ohne Bezug zur eigenen Realität.
Oder ein Schutthaufen der Wissenschaftsgeschichte
mit allen ihren Reduktionismen und Irrtümern.

Die Vorlesung ist als erste Führung durch ein Begriffsgebäude gemeint,
wird im Bulimielernen jedoch als sinnloser Schutthaufen begriffen.
Was gelehrt wird ist nicht das, was gelernt wird.
Gelernt wird die Pseudorealität eines Klausurpunktesystems,
das nur Korrektheit und Gleichheit misst.
Moderne pädagogische Ansätze wie Constructive Alignment
fordern noch engere Engführung auf die Prüfung hin
und machen die Bulimie noch bulimischer.

Der Unterschied liegt dabei lediglich in der subjektiven Haltung,
mit der die Führung durch das Begriffsgebäude wahrgenommen wird,
nämlich als Einladung, in diesem Begriffsgebäude zu
denken, arbeiten, leben, genießen, leiden und zu begeistern
oder als lästige Pflicht, noch mehr totes Material zu schlucken,
auf der inneren Festplatte zu speichern,
auf Kommando auszuspucken und zu löschen.

Subjektivität macht auch hier wieder den Unterschied.
Daran kann Objektives (auch Wissenschaft) nichts ändern.

Und gleichzeitig ist festzustellen,
dass nicht nur das Individuum die alleinige Schuld trägt,
sondern auch die Gesellschaft,
wenn sie das Maschinenhafte zu sehr anhimmelt:
dass man seine Leistung auf Knopfdruck abrufen könne,
dass man fehlerlos kopieren könne,
dass man ein fehlerloses Gedächtnis habe,
dass man fehlerlos arbeiten könne.

Das Maschinenhafte wird zunehmend auf die Maschinen verlagert
und der Mensch wird den Wettkampf mit der Maschine verlieren,
solange er sich im Maschinenhaften zu messen wähnt.

Daher muss sich Bildung zunehmend fragen,
was dem Menschen übrig bleibt.

Da sind vor Allem die Fragen:

  • Was ist global für uns alle wichtig?
  • Was ist hier mit uns los? / Was ist hier und jetzt die Realität?
  • Wie wollen wir alle leben?

Fragen, die Maschinen nicht stellen können und auf denen Algorithmen keine Antwort haben.

Lernst du noch oder verstehst du schon?

Vortrag von Jörn Loviscach am 26.6.2015 zum Thema Digitalisierung in der Bildung:

Der Videotext auf Youtube dazu: „Externe Referenten sowie Dozenten und Mitarbeiter der Hochschule Fresenius diskutierten am 26. Juni zentrale Fragen zum digitalen Wandel im Sinne einer Ergänzung der Lehre sowie deren Möglichkeiten und Grenzen. Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik sowie Themenpate im Hochschulforum Digitalisierung für Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien, leitete den 1. Tag der digitalen Lehre mit einer Frage ein: „Lernst du noch oder verstehst du schon?“ Bei ihm schrillten immer die Alarmglocken, wenn er höre, dass jemand noch lernen müsse. „Wer sich hinsetzt und „lernt“, will wahrscheinlich eher Lösungsrezepte pauken und weniger Hintergründe und Zusammenhänge verstehen“.“

Sehr schön das Fazit auf der letzten Folie: Digitalisierung macht Bildung nicht per se besser: Etwas wird nicht dadurch gut, dass es digitalisiert wird.

Ein differenzierterer, kenntnisreicherer, weitblickender Dialog wäre angebracht.

Folgende Aspekte der Digitalisierung findet Jörn Loviscach interessant:

Digitalisierung als
– Belehrmaschine
– Entdeckmaschine
– Verstehmaschine
– Schummelmaschine
– Abschöpfmaschine

Was uns dabei fehlt sind folgende Aspekte:

  • Kommunikationsmaschine
  • Kooperationsmaschine
  • Kollaborationsmaschine
    • The future is mass collaboration.
    • Globale Vernetzung
  • Simulationsmaschine
  • Game Engine

Es fehlt auch der Aspekt der „Konstruktion neuer Welten“ ([Frank 2009]):
Geld hat eine neue Welt erschaffen, die Finanzwelt (mit allen Vor- und Nachteilen). Geld dient nicht nur dem Komfort der alten Welt, sondern erschafft ein neues Universum mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es ist nicht nur ein Paralleluniversum, sondern hat teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

Genauso verhält es sich mit dem Digitalen. Das Digitale dient nicht nur der physischen Welt und macht das Leben darin leichter (oder schwerer …), sondern ist eine Art Meta-Infrastruktur zur Erschaffung neuer Universen mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es werden nicht nur Paralleluniversen geschaffen. Diese haben auch teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

F.J. Radermacher sieht in der Dematerialisierung des Wohlstands die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung, siehe meinen alten Blogbeitrag „Dematerialisierung des Wohlstands„. Es geht also nicht um das Ja oder Nein zum Digitalen, sondern um die gesellschaftliche Aufgabe der Eroberung, Nutzbarmachung und Zivilisierung der neuen Universen. So wie vor 100 Jahren die Völker sich einen Wettlauf um die Eroberung der „Neuen Welt“ lieferten, so findet heute ein Wettlauf um die Eroberung des Digitalen statt. An den Internet-Giganten kann man studieren, wie klar dies erkannt wurde und wie strategisch man dort vorgeht.

Wenn man die Welt erorbern will, oder eine neue Welt erschaffen will, kann man nicht im Sandkasten (oder im Klassenzimmer) sitzen bleiben.

Gunter Dueck sagte einmal in einem Vortrag: Nun haben wir das Internet schon über 20 Jahre und sie diskutieren hier in Deutschland immer noch darüber, ob wir es haben wollen.

Zur These von der „Dematerialisierung des Wohlstands“ ist hinzuzufügen, dass es auch um die Demateralisierung des Denkens geht. Die Anhaftung ans Konkrete, an Greifbares, an handfeste Lösungsrezepte ist Kennzeichen eines materiellen Denkens. Wenn man eine Klausur bestehen will, scheint das beste Rezept zu sein, alle Lösungen darin bereits auswendig zu kennen. Klausuren, die solche Erfolgsstrategien zulassen, fördern die Anhaftung und verhindern Reifung.

Die Loslösung davon, also Abstraktion, erfordert        

  • den Mut zu Fehlern
  • den geschützten Raum für Fehler
  • Erfahrung
  • Reflexion
  • Erfahrungswissen
  • Vernetzung
  • Anwendung
  • selber denken
  • selber ausprobieren
  • Reife

Das war schon immer so. Schließlich hieß das Abitur ja mal „Reifezeugnis“. Neu ist dass das Digitale den Bedarf an dematerialisiertem Denken massiv steigert.

Literatur: [Frank 2009] Ulrich Frank: „Die Konstruktion möglicher Welten als Chance und Herausforderung der Wirtschaftsinformatik“, in: Wissenschaftstheorie und gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik, Springer-Verlag, 2009, pp. 161-173. Springer-Link: http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-7908-2336-3_8

Die Mauer

Beim Marathon-Laufen gibt es ein Phänomen,
das sich „Die Mauer“ nennt:
Bei Kilometer 37 (mehr oder weniger) läuft man gegen
diese Mauer und glaubt, aufgeben zu müssen.
Das Gefühl ist unerträglich.
Man kann nicht mehr.
Nichts scheint mehr zu gehen.

Und dennoch ist es nur ein Gefühl.
Wenn man dann nicht aufgibt,
weitermacht,
dabei bleibt,
nicht flüchtet,
nicht aufgibt,
dann geht es irgendwann doch wieder
und man kann im Rückblick
das Phänomen als rein psychisches Problem erkennen.
Obwohl sich die körperlichen Symptome so echt anfühlten,
waren sie doch nur psychisch und der Körper völlig in Ordnung.

Bildung ist eine enorme Investition
und wird daher auch ökonomisch untersucht:
Bei welchen Menschen lohnt sich Bildung wirklich?
Dazu wurde der Muffin-Test entwickelt,
der sich trotz seiner Schlichtheit
durch jahrelange Tests als signifikant erwiesen hat:
Man gebe den Probanden einen Muffin mit dem Hinweis,
dass sie einen zweiten bekommen,
wenn sie den ersten nicht anrühren.
Diejenigen Probanden, die warten können,
erweisen sich als erfolgreiche Absolventen.
Das Quäntchen Selbstdisziplin scheint den Unterschied auszumachen.

Dieses Phänomen wird oft beschrieben mit
„den inneren Schweinehund bekämpfen“.
Die Menschen, die sich mit diesem Bild identifizieren,
sind jedoch keine friedlichen Menschen,
denn sie sind verstrickt in einen inneren Kampf,
eine innere Zerissenheit
zwischen moralischem Anspruch und dem gewohntem Phlegma,
die keinen grundlegenden Frieden zulässt.
Da ist der ständige innere Dialog zwischen
„ich sollte“, „ich müsste“ auf der einen Seite und „ich will aber nicht“
oder „ich habe keine Lust“
oder einfach „Jetzt nicht“ auf der anderen Seite
Im Erfinden von Ausnahmen sind wir dann sehr erfinderisch.
Dieses Phänomen erlebt gerade unter dem Schlagwort
Prokrastination“ große Aufmerksamkeit.
Dazu Wikipedia: „Aufschieben, auch Prokrastination (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub oder Bummelei (im Volksmund auch Aufschieberei oder Aufschieberitis), ist das Verhalten, als notwendig, aber unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen. Aufschieben gilt als schlechte Arbeitsgewohnheit. Drei Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Verhalten als Prokrastination eingestuft werden kann: Kontraproduktivität, mangelnde Notwendigkeit und Verzögerung.“

Geht das: Selbstdisziplin UND gleichzeitig grundlegenden Frieden?

Beim Lernen von Skilanglauf habe ich
als Anfänger einen Hügel gehabt,
bei dem ich immer wieder gestürzt bin.
Die Schwierigkeit, an der ich immer wieder gescheitert bin,
fühlte sich an wie eine Mauer.
Anstatt mir eine einfachere Strecke zu suchen,
bin ich genau diesen Hügel immer wieder angestiegen
und abgefahren, bis die Abfahrt kein Problem mehr wahr.
Das Lern-Phänomen fühlte sich an wie das Umlegen eines Schalters:
Ich hatte verstanden, was man mit den Skiern machen musste,
wenn eine Spurrille die Skier in die falsche Richtung lenkte
und den Sturz verursachte.
Ohne meine Beharrlichkeit hätte sich diese Erkenntnis nie eingestellt
und ich wäre mein Leben lang immer nur einfachere Loipen gefahren.
Ich hätte mir eingeredet,
dass ich Loipen nur bis zu einem gewissen Schwierigkeitsgrad
fahren könne.

Das zu frühe Begnügen mit der zu kleinen Kompetenz
verhindert Weiterlernen und blockiert den Weg zur Meisterschaft.

Explain Everything

„Explain Everything“ ist eine App für 2,99 € für MS Windows 8.1 PC wie das neue MS Surface Pro 3, iPhone und iPad, mit dem Sie interaktive Whiteboards erstellen und screencasten können. In der Beschreibung zur App heißt es: „Sie können Inhalte aus praktisch jeder Quelle importieren, kommentieren, in eine Erzählung verpacken und praktisch überall hin exportieren.

Erstellen Sie Folien, zeichnen Sie in jeder beliebigen Farbe, fügen Sie Formen und Text hinzu und nutzen Sie einen Laserpointer. Sie können jedes Objekt auf der Bühne drehen, bewegen, skalieren, kopieren, einfügen, klonen und einfrieren.

Fügen Sie neue oder vorhandene Fotos und Videos ein. Importieren Sie PDF-, PPT-, DOC-, XLS-, Keynote-, Pages-, Numbers- und RTF-Dateien aus GDrive, Evernote, Dropbox, Box, WebDAV, Email, iTunes, und jeder App, mit der Sie diese Dateitypen mittels „Öffnen mit…“ aufmachen können. Exportieren Sie MP4-Filme, PDF-Dokumente, PNG-Bilder oder XPL-Projekt-Dateien direkt aus Ihrem iPad.

Sie brauchen kein Benutzerkonto, um Explain Everything zu nutzen und zu teilen, was Sie erstellt haben. …

Seit seiner Veröffentlichung in Australien, den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Finland ist Explain Everything eine der Top-Kauf-Apps im Ausbildungsbereich.“ Es wird bereits von 1,8 Mio. Studierenden und Lehrenden eingesetzt.

Den Unterschied zwischen den verschiedenen Versionen und Plattformen entnimmt man der Herstellerseite „Feature comparison on iOS, Android, and Windows„.

Ausführliche Video-Tutorials auf Vimeo:

Mehr auf der Herstellerseite:

Propädeutik und Wissensmanagement

Wie kann man Wissen managen?
Zuallererst durch saubere Grundbegriffe.
Das ist die Grundlage aller Wissenschaft.
Das Fundament für eine gute Sprache.
Die Methode ist, Grundbegriffe so lange zu klären,
bis sie eindeutig sind und darauf aufgebaut werden kann.
Dafür haben wir heute oft keine Zeit mehr
und nehmen lieber die Anglismen,
als uns selber die Mühe der Klärung zu machen.
Dabei ist der Prozess der Klärung,
„Klarlernen“ schon der halbe Weg.
Wissenschaft sollte auch immer ein Lernprozess sein.
Der Lernprozess, der mit der Begriffsklärung einhergeht,
ist grundlegend wissenschaftsvorbereitend, d.h. propädeutisch.

Wie erhält man saubere Grundbegriffe?
Dazu der Wikipedia-Eintrag zur „Propädeutik“:
„In der Antike wird sie als Vorbereitung auf die Philosophie verstanden.
So will Platon den Heranwachsenden von „falschen Meinungen“ und „Verhaftungen an Erscheinungen“ lösen.

Propädeutik („Vorbildung“, Vorbereitungsunterricht, aus griechisch προ pró ‚vor‘ und παιδεύω paideuō ‚bilden‘) dient der Einführung in die Sprache und Methodik einer Wissenschaft. Als allgemeine Propädeutik wird dabei die Logik angesehen. Davon abgeleitet werden Leistungskurse der gymnasialen Oberstufe als Propädeutik für ein wissenschaftliches Studium verstanden. Ein propädeutisches Seminar an der Universität vermittelt wichtige Grundkenntnisse für weitere Kurse.“

Wissensmanagement ist die Verwaltung der Wissensbasis eines Unternehmens (organisatorisches Wissensmanagement) oder der eigenen Person (Persönliches Wissensmanagement).
Da es im Zeitalter der Informationsflut anscheinend so viel Wissen gibt,
entsteht das Mengenproblem.
Um die riesige Wissensmenge zu beherrschen,
wurden Wissensverwaltungsmethoden und -werkzeuge erfunden.
Von einer Klärungsarbeit zugunsten eines zeitlosen Allgemeingutes,
wie es die Wissenschaft darstellt, ist hier nicht die Rede.

Propädeutik ist also wissenschaftsgrundlegend klärend
und ein selbstloser Beitrag zur Wissenschaft.
Wissensmanagement ist eine eigennützige Lösung des Mengenproblems.

Einführung in das wissenschaftliche Schreiben mit Ludwig Wittgenstein

Die beiden Philosophien von Ludwig Wittgenstein eignen sich gut
zur Einführung ins wissenschaftlichen Schreiben:

(1) Erste Stufe des wissenschaftlichen Schreibens

Nur sagen, was sich objektiv sagen und belegen lässt.
Über alles andere sollte man schweigen, d.h. weglassen.
Subjektive Meinungen und Vorlieben haben in einer wiss. Arbeit nichts zu suchen.
„Ich“ und „Wir“ sind in der wiss. Arbeit verboten.

Vorurteile sind als solche zu erkennen und forschend durch belegbare Urteile zu ersetzen.
Methodisches, reflektiertes Vorgehen ist dabei Pflicht.

Das was sich sagen lässt, lässt sich klar und deutlich,
gut strukturiert und nachvollziehbar sagen.

Formale Kriterien, richtiges Zitieren gehören dazu,
siehe „Regeln für wissenschaftliche Arbeiten
oder „Leitfaden zur Erstellung von wissenschaftlichen Arbeiten
oder [Heesen 2014] Bernd Heesen: „Wissenschaftliches Arbeiten –
Methodenwissen für das Bachelor-, Master- und Promotionsstudium“
http://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-43347-8

(2) Zweite Stufe des wissenschaftlichen Schreibens

Wissenschaftliches Schreiben versucht immer wieder,
die Grenze des Sagbaren zu verschieben.

Zunächst beginnt es subjektiv mit vagen Vorstellungen und
diffus wahrgenommenen Diskrepanzen und Dissonanzen,
deren Spur man systematisch folgt,
um immer klarer objektiv „be-greifen“ zu können,
um was es eigentlich geht.
Forschen und Detektivarbeit haben viel gemein.

Es handelt sich also um einen Prozess aus der Subjektivität heraus
in das Begreifen des Objektiven hinein.

Sabine Knauer beschreibt in [Knauer 2006] diesen Prozess
treffend folgendermaßen:

„Ich versuche […] einen Weg aus der Sprachlosigkeit,
im […] Sinne in einer metasubjektiven Reflexion
‚Begriffe‘ herauszuarbeiten und anzubieten,
mit denen man bisher nicht Gesagtes ‚sagbar‘ machen kann,
womit es nicht nur der sozialen Selbstverständigung zugänglich wird,
sondern ggf. auch in wissenschaftlicher Rede verbreitet
und zur Diskussion gestellt werden kann.“

Die beiden Stufen entsprechen ungefähr den beiden Philosophien Wittgensteins:
(1) Tractatus (die frühe Philosophie Wittgensteins)
(2) Sprachphilosophie (die späte Philosophie Wittgensteins)

ad (1): Die erste Stufe beruht auf dem Weltbild,
dass es eine objektive Wahrheit gäbe
und ich nur meine eigene Subjektivität genügend unterdrücken müsse,
um der Wahrheit näher zu kommen.
Mein Wollen, meine Interessen, Meinungen und Vorlieben muss ich mir also selbst verbieten,
dann würde es mit dem wissenschaftlichen Arbeiten klappen.
Diese Art von wissenschaftlicher Arbeit ähnelt
eher einer kombinatorischen Suche wie beim Puzzeln.
Input ist ein Problem, Output ist eine Lösung.
Computer können diese Art von Arbeit gut unterstützen,
vielleicht eines Tages sogar selbstständig übernehmen?

ad (2): Zur zweiten Stufe kommt man durch die Wiederentdeckung des Subjekthaften.
Das eigene Wollen, meine Interessen, Meinungen und Vorlieben
sind Quelle und Motor des Prozesses.
Ich bleibe authentisch und muss nichts unterdrücken.
Wissenschaftliches Arbeiten wird hier zu einer ganz persönlichen Angelegenheit,
die man mit Leidenschaft verfolgt und die sich an der gefundenen Realität reibt
ohne etwas zu unterdrücken oder zu ignorieren,
weder im Objektiven noch im Subjektiven.

Das Weltbild der zweiten Stufe sieht das Subjekt nicht mehr
als „Störenfried des Objektiven“ oder als „Fehler im wissenschaftlichen System„,
sondern ganz im Gegenteil als willkommene Quelle und Motor.

Erste und zweite Stufe hören sich wie Gegensätze an,
sind es aber nicht, denn es gilt Beides:
In einer wiss. Arbeit sollte man objektive Erkenntnisse erzielen und nachvollziehbar dokumentieren.
Es gibt objektive Kriterien, die zu beachten sind.
Und gleichzeitig gibt es den Prozess des wiss. Arbeitens,
in dem das Subjektive beachtet und reflektiert werden
und nicht aus dem Dunkeln heraus unbewusst steuern sollte.

Eine Parallele liegt darin, dass die beiden Philosophien Ludwig Wittgensteins
zunächst als Gegensatz begriffen wurden und erst in neueren Auslegungen
die Kontinuität und Weiterentwicklung (also der Reifeprozess) verstanden wird,
vgl. Ludwig Wittgenstein.

Mit der zweiten Stufe soll nicht subjektiver Willkür Tür und Tor geöffnet werden.
Der Maßstab ist und bleibt die objektive Realität,
die mit der je eigenen subjektiven Erkenntnismöglichkeit erschlossen wird.
Das Subjektive darf jedoch nicht als Konstante vorgestellt werden,
sondern durchläuft selbst einen Reifeprozess,
mit dem die Erkenntnismöglichkeiten wachsen.

Am besten gehen beide Prozesse Hand in Hand:
Auf der einen Seite die Gewinnung objektiver Erkenntnisse,
auf der anderen Seite der Prozess der Subjektreifung.

Subjekte können nicht „erzogen“ werden, sie können nur reifen.
So etwas wie eine „Erziehungswissenschaft“ gibt es nicht für Subjekte,
obwohl sich ein Teilbereich der Bildungswissenschaften so nennt.

Für die Reifung kann man förderliche oder hinderliche Rahmenbedingungen schaffen.
Das Gesellschaftssystem gibt solche Rahmenbedingungen vor.
Deren Wirkung, nicht deren gute Absicht, ist immer wieder wissenschaftlich zu hinterfragen.

Der technische Anteil dieses Rahmens wird immer größer.
Informatik sollte zu einer Wissenschaft der Systemgestaltung reifen,
anstatt nur das technische Rüstzeug dazu zu liefern.

NSA, Google und Facebook wissen heute schon mehr über jeden Menschen
als die eigenen Freunde, Eltern und Dozenten.
Wer oder was erzieht eigentlich unsere Kinder wirklich?

Bereits jetzt ist das Google-Suchergebnis kein objektives mehr,
sondern angepasst an das fragende Subjekt, das auf diese Weise
in der Google-Filter-Bubble gefangen gehalten wird,
vgl. meinen Blog-Eintrag „Filter Bubble“.
Facebook experimentierte bereits „erfolgreich“ mit Manipulationstechniken,
siehe „Datenschutz-Aktivisten gehen gegen Facebook-Experiment vor„,
Facebook verteidigt umstrittenes Psycho-Experiment„,
Facebooks Psycho-Experiment wurde ’schlecht kommuniziert‘„.
Individuelle ebenso wie nationale oder gar globale Steuerung
und Manipulation sind damit leicht und unbemerkt möglich.
Das ist keine technische Frage von Datenschutz mehr.
Der Gesellschaft ist offensichtlich die Kontrolle entglitten:
Obwohl die Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten ständig wachsen,
ergreift die Gesellschaft keine Schutzmaßnahmen.
Die Gesellschaft hat sich selbst als Subjekt vergessen.
Statt eines reifen, aufgeklärten Umgangs mit diesem Problem
erleben wir ein Wiedererstarken der Subjektextremisten,
die das Problem mit Gewalt zu lösen versuchen.

Die Subjektvergessenheit oder gar -feindlichkeit ist nicht nur ein individuelles Problem,
sondern auch ein gesellschaftliches.
Eine wissenschaftsgläubige Gesellschaft der Stufe (1) bleibt subjektfeindlich,
solange sie das Subjekt als „Störenfried des Objektiven
oder als „Fehler im wissenschaftlichen System“ betrachtet.
Eine Weiterentwicklung zu Stufe (2) wird zu einer dringlichen gesellschaftlichen Aufgabe.
Dazu muss auch das Bildungssystem etwas beitragen.

Wittgenstein hat seine erste Philosophie 1918 geschrieben
im Glauben, dass dies das letzte Wort der Philosophie sei.
Alles was man sagen könne, sei nun gesagt.
Er brauchte immerhin Jahrzehnte, um zu reifen und
auf der neuen Reifestufe begreifen zu können, dass etwas fehlt.
Daher brauchen wir uns nicht zu schämen,
wenn auch „wir“ (individuell oder als Gesellschaft)
etwas Zeit von Stufe (1) zur Stufe (2) benötigen.

Literaturhinweis:
[Knauer 2006] Sabine Knauer: „Zur (Wieder-)Entdeckung der Lehrkräfte als Subjekte – Ein subjektiv-wissenschaftliches Plädoyer für einen Tabubruch“

http://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-531-90221-0_14.pdf

%0 Book Section
%D 2006
%@ 978-3-531-14857-1
%B Schulentwicklung
%E Rihm, Thomas
%R 10.1007/978-3-531-90221-0_14
%T Zur (Wieder-)Entdeckung der Lehrkräfte als Subjekte – Ein subjektiv-wissenschaftliches Plädoyer für einen Tabubruch
%U http://dx.doi.org/10.1007/978-3-531-90221-0_14
%I VS Verlag für Sozialwissenschaften
%8 2006-01-01
%A Knauer, Sabine
%P 241-256
%G German

[Heesen 2014] Bernd Heesen: „Wissenschaftliches Arbeiten –
Methodenwissen für das Bachelor-, Master- und Promotionsstudium“
http://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-43347-8
ISBN: 978-3-662-43346-1 (Print) 978-3-662-43347-8 (Online)

[Kabalak 2007] Alihan Kabalak, Birger P. Priddat: „Wieviel Subjekt braucht die Theorie? Ökonomie/Soziologie/Philosophie“, Springer, 2007, http://link.springer.com/book/10.1007/978-3-531-90413-9.

Fachkräftemangel ist ein Mangel an Persönlichkeitsbildung

In seiner DUECK-β-INSIDE-Kolumne schreibt Gunter Dueck in der
neuesten Ausgabe des Informatik Spektrums über das Thema
„Nur Absagen – da soll Fachkräftemangel herrschen?“
siehe [June 2014, Volume 37, Issue 3, pp 250-254] 
und kommt zu dem Schluss, dass Fachkräftemangel in Wirklichkeit
ein Mangel an Persönlichkeitsbildung ist:

Unser Bildungssystem ist nicht auf Persönlichkeitsbildung ausgerichtet,
sondern auf gehorsame, ordentliche und fleißige Mitarbeit,
egal um welche Aufgabe und welche Problemlösung es sich handelt.

Solange man nur wie eine Maschine das tut,
was einem einprogrammiert wurde,
lernt man sich nicht wirklich selber kennen.

Eine Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit ist,
dass diese gewollt wird, vom Individuum ebenso wie vom System:

Einem Individuum, das nur Geld oder Credits Points verdienen will,
interessiert sich nicht wirklich für Persönlichkeitsbildung.

Ein System, das austauschbare Fachkräfte braucht,
die über standardisierte Kompetenzen verfügen
und Leistungen gegen Geld oder Credit Points abrufen will,
interessiert sich nicht wirklich für Persönlichkeitsbildung.

Wenn also gehorsame, ordentliche und fleißige Mitarbeiter
Probleme in ihrer Persönlichkeit haben,
werden diese nicht gesehen, nicht beachtet, nicht gelöst,
weil nicht gewollt,
sondern verschleppt und weitergereicht,
von Projekt zu Projekt,
von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz.

Nach der Industrialisierungsphase kommt die Gesellschaft
in eine neue Phase, in der eine neue Art von Bildung erforderlich wird.

Die Antwort des Bildungssystems, in alle Studiengänge
„2 CP-Soft Skills“-Kurse einzubauen,
kann nur eine Alibi-Funktion haben.

Es geht um Persönlichkeits- als eine Art Bewusstseinsbildung vor Ort
im Projekt am Arbeitsplatz direkt im Studien- oder Berufsalltag,
die den materiellen Reduktionismus hinter sich lässt.

Gunter Dueck schließt seine Kolumne mit den Worten:
Wer Absagen bekommt, muss sich kennenlernen.
Wer sich kennengelernt hat, bekommt keine Absagen.

Lernen als Fixieren und Lösen

Lernen wird zu häufig als (1.) Fixieren und (2.) zu selten als Lösen verstanden.

(1.) Lernen wird zu häufig als Auftrag zur Fixierung verstanden:
Begriffe und Verstehensstrukturen werden gelernt,
d.h. im eigenen Denkraum reproduzierbar fixiert.
Prüfung ist dann der Test, ob erfolgreich fixiert wurde.
Methoden werden antrainiert und als Gewohnheit fixiert,
um sie in der Prüfung fehlerlos reproduzieren zu können.
Das Lernen wissenschaftlichen Arbeitens ist in dieser Denke
in erster Linie die Disziplin der Einhaltung von fixierten Regeln,
die Fixierung auf richtiges Zitieren und Einhalten von fixierten Formalia.

(2.) Lernen wird zu selten als Lösen verstanden,
d.h. Lösen von alten Verhaltensmustern, Gewohnheiten,
Methoden, Selbstverständnis, Selbstbild, Weltbild und sonstigen Vorurteilen.
Das Lernen wissenschaftlichen Arbeitens
bedeutet auch Lösen von Alltagssprache und -verhalten mit ihrer
Mehrdeutigkeit, Emotionalität, Vorurteile, Voreingenommenheit, Polemik
und Andeutungen zwischen den Zeilen.
Um wissenschaftliche Texte schreiben zu können,
muss man sich davon lösen und lernen,
neutral, ehrlich, vorurteilsfrei, sachlich,
eindeutig und konsistent zu bleiben.
Ferner ist Vollständigkeit anzustreben,
also alles zu explizieren, was ausgesagt werden soll,
alles in Begriffe, Thesen und Sätze zu gießen,
was gesagt werden kann.

Genügend große Systeme haben Fixierungen.
Diese Fixierungen können gewollt
und Grundlage sein für alles was darauf aufbaut.
Sie können aber auch ungewollt, unbewusst existieren
als Haltung, Selbstbild, Weltbild, Gewohnheit, Methode, …

Wissenschaftliche Sozialisation heißt
ein Teil der wissenschaftlichen Community zu werden,
d.h. ihr Wissen und ihre Methoden,
ihr Weltbild und Selbstverständnis zu lernen,
um schließlich selber produktiv zu werden
und eigene Beiträge zu verfassen.

Die wissenschaftliche Community kann
als System aber auch selbst in Fixierungen stecken.
Dann ist es immer wieder die Leistung von Einzelgängern,
die voreingenommene Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen
vom Gegenteil zu überzeugen.
Das ist z.B. Einstein gelungen mit seiner Relativitätstheorie
oder Dan Shechtman, der Entdecker der Quasikristalle.
Beide mussten das Außenseiterdasein und
die Verhöhnung durch ihre Kollegen jahrzehntelang aushalten.
Zitat Wikipedia zu Dan Shechtman:
Diese Entdeckung wurde lange kritisiert: „Es gibt keine Quasikristalle, nur Quasi-Wissenschaftler“ sagte der 1994 verstorbene Chemie-Nobelpreisträger Linus Carl Pauling.[5] Der Leiter von Shechtmans Forschungsgruppe empfahl ihm, noch einmal die Lehrbücher zu lesen, und drängte ihn daraufhin, die Gruppe zu verlassen, um sie nicht zu blamieren.[6] Später wurden Quasikristalle auch von anderen Forschern gefunden.[7][2] Im Jahr 2011 erhielt Shechtman den mit zehn Millionen Schwedische Kronen (ca. 1,1 Millionen Euro) dotierten Chemie-Nobelpreis.[6]
Zum Thema „Verhöhnung von Einstein durch seine Zeitgenossen“
besuche man das virtuelle Museum „Albert Einstein – Ingenieur des Universums„.
In der Wissenschaftstheorie hat Thomas S. Kuhn den Begriff „Paradigmenwechsel“ geprägt.
Bekannt ist auch die „Kopernikanische Wende„,
weg von der Vorstellung, der Mensch stehe im Mittelpunkt des Universums,
die in manchen Köpfen heute immer noch nicht angekommen ist.
Fixierungen können also jede wissenschaftliche Beweisführung überdauern.
Aufklärung und Wissenschaft sind keine Garantie für die Freiheit von Fixierungen.

Auch in der noch jungen Informatik-Geschichte
gab es Paradigmenwechsel, z.B. von der Codierung zur Modellierung:
So erzählt John Guttag, der Erfinder abstrakter Datentypen (ADTs),
von seinem Promotionskolloquium, in dem sein Doktorvater ihn fragte,
wozu man ADTs denn brauchen würde: Es gäbe doch FORTRAN
mit seinen Datentypen INTEGER, FLOAT, STRING und ARRAY.
Damit könnte man doch alles machen und daher seien zusätzliche
Datentypen überflüssig.
Die Argumentation ist pseudo-korrekt,
weil es einerseits stimmt, dass sich in den primitiven Datentypen
alles codieren lässt.
(Mit der Methode der Gödelisierung wird ALLES in Integer codiert.
Dann braucht man nicht einmal String, Float oder Array…)
Andererseits hatte der Doktorvater
die Notwendigkeit höherer Abstraktionsformen
völlig unterschätzt.
Noch heute spricht man von „Codieren“ statt „Entwickeln“
für die Tätigkeit der Implementierung,
was den vollzogenen Paradigmenwechsel ignoriert,
als ob er nie stattgefunden hätte.

Um den Paradigmenwechsel gesellschaftlich zu verankern,
sollte man vielleicht die Berufsbezeichnung wechseln
von „Programmierer“ zu „Systemgestalter“.
Der wissenschaftliche Diskurs ist in vollem Gange,
siehe z.B. Methodendiskussion bei Springer.

Die Fixierungen der Informatik als recht junge Wissenschaft
sind noch nicht erforscht.
Teilbereiche der Informatik haben die Paradigmen der Mathematik übernommen,
andere die des Ingenieurwesens.
Was wissenschaftlich publiziert wird, ist nicht immer ein Gewinn für Praktiker.
Inwieweit sich Wissenschaft und Realität entfremden,
ist immer wieder auf den Prüfstand der Anwendbarkeit zu stellen
nach Einstein: „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.“

Was die Informatik als Wissenschaft ausmacht, ist noch nicht klar.
Neuere Versuche der Präzisierung sind „Design Science„, „Web Science„, „Science 2.0„…

Was machen Informatiker eigentlich? Sie automatisieren, entwerfen, bauen, implementieren, erforschen, messen, analysieren, kommunizieren, …

  • Automaten
  • Werkzeuge
  • Gebrauch von Werkzeugen
  • Systeme
  • Strukturen
  • Prozesse
  • Organisation
  • Gesellschaft
  • Technik
  • Digitalisierung

Immer wenn man glaubt, die Informatik als Wissenschaft erfasst zu haben, entwischt sie einem wieder, weil sie auch das Erfasste wieder automatisieren, entwerfen, bauen, erforschen, messen, analysieren, kommunizieren, … kann: Informatiker bauen nicht nur Automaten, sondern automatisieren auch den Automatenbau. Das wäre dann der Automatenbauautomat.

Leider bleibt die Informatik aber auch dabei nicht stehen. Denn sie automatisiert auch wiederum den Bau von Automatenbauautomaten. D.h. aufgrund der Selbstbezüglichkeit besteht das Potenzial, unendlich weiter zu machen. Es gibt keine Grenze.

Diese Art der Unendlichkeit macht Informatik als Wissenschaft besonders. Sie hat das Zeug, ALLES, auch Wissenschaft, auch Gesellschaft, auch Fixieren und Lösen selbst zu thematisieren und zu revolutionieren, zu verwissenschaftlichen und gesellschaftlich mit neuer Technologie und Begrifflichkeit umzusetzen.

Aus einer Fixierung kann man niemanden herausholen.
Da Fixierungen „selbstverschuldet“ sind, kann sich jeder nur selbst daraus lösen.
Das gilt für Menschen ebenso wie für Organisationen und für Gesellschaft.

(Dabei ist „selbstverschuldet“ in dem gleichen Sinne zu verstehen
wie beim Ball, der die Hand nicht verlässt, solange man sie nicht öffnet.)
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Niklas Luhmann: „Was ist Gesellschaft?
Gesellschaft ist ein Codex von Regeln zur Wahrnehmungsreduktion.“
Gesellschaft, Organisationen und Systeme sind nicht nur Reduktionen,
sondern auch Handlungsplattformen,
gewissermaßen Leitplanken für Lern-, Entwicklungs- und Lebenswege,
Ermöglicher ebenso wie Verhinderer.
Sie können die Chancen für Erkenntnis, Löseprozesse und Lösungen erhöhen,
aber leider auch verringern.

Lernende da abzuholen, wo sie gerade fixiert sind,
kann auch ein Fehler sein:
Man bestätigt und verstärkt die vorhandene Fixierung
und verhindert, dass Lernende selbst aktiv werden,
sich auf den Weg machen und sich vom alten Standpunkt lösen.

Menschen, die auf Materialismus fixiert sind,
benötigen für alle Verstehensprozesse handfeste, konkrete Beispiele.
Sie werden nicht lernen, sich davon zu lösen,
wenn man sie weiter mit Materialismus füttert.

Es gilt beides zu sehen:

  • Fixieren und Lösen
  • Lernen und Verlernen
  • Festhalten und Loslassen
  • Aufbauen und weitergehen

Erfolgsfaktor Nr. 1 für MOOC-Erfolg

MOOCs haben eine geringe Erfolgsquote. D.h. die Abbrecherquote ist sehr hoch. In seinem ACM Blog „Moocs need more Work; So Do CS Graduates“ berichtet Mark Guzdial, dass die Erfolgsquote häufig nur bei 10% liege.

Darauf gibt es zwei typische Reaktionsmuster:

  • Das amerikanische Reaktionsmuster ist sehr dynamisch: Nun werden Ursachenanalyse und Forschung betrieben, um intensiv Neuentwicklungen gezielt voran treiben zu können. Tenor: MOOCs sind im Prinzip richtig, nur wird z.Zt. noch irgendetwas falsch gemacht. Was das ist, wissen wir noch nicht genau. Aber wir werden es heraus finden. Der amerikanische Pragmatismus krempelt die Ärmel hoch und arbeitet so lange, bis es klappt.
  • Das europäische Reaktionsmuster dagegen ist recht statisch und rechtfertigend: „Seht Ihr, habe ich doch schon immer gewusst. Nichts geht über Präsenz-Lehre. Menschen müssen sich direkt begegnen, um Wissen weiter zu geben.“ Die von Geisteswissenschaften und dem deutschen Idealismus geprägte Kultur macht sich mit einer bestimmten Voreingenommenheit bemerkbar.

Die Ursachenforschung hat bereits folgende Stolpersteine ausgemacht:

  • Kampf mit Technologie: Viele Leute können eben doch nicht so richtig mit ihrem Computer, dem Betriebssystem, dem Editor, dem Web-Browser, usw. umgehen und scheitern deswegen am MOOC.
  • Kulturelle Unterschiede: Wenn man z.B. von allen Studierenden ein Video verlangt, in dem sie sich selbst zeigen, so stößt man bei manchen Kulturen auf erhebliche Vorbehalte.
  • Die Analytik für MOOC-Betrieb ist noch nicht so gut ausgebaut, dass wir genug Daten bekommen, anhand derer wir Ursachenforschung betreiben können. Wie kann man Lernfortschritt messen? Teilnehmer, die vor dem MOOC schon alles wussten, bestehen sicher die Tests am Ende. Dies besagt jedoch nichts über die Qualität des Online Lernens. Aussagekräftige Vorher/Nachher-Vergleiche sind erforderlich.
  • Je fortgeschrittener der MOOC ist, desto höher ist die Erfolgsquote. Grundkurse in MOOCs haben also schlechte Chancen. MOOCs scheinen sich für Weiterbildung besser zu eignen als für Anfängerkurse. Bei den Anfängerkursen ist das Lernziel vielleicht auch nicht so sehr inhaltlich als vielmehr kulturell: Es geht zuerst um die akademische Sozialisation. Anfänger müssen erst studieren lernen. Die Studierfähigkeit ist das erste Lernziel.
  • Erfolgsfaktor Nr. 1 ist ganz klar die Arbeit, Mühe und das Engagement, das Studierende in die Kurs-Teilnahme investieren, also wie hart sie arbeiten. Ohne Fleiß kein Preis. Ohne Investition kein Gewinn. Dieser Faktor übertrifft in seiner Wirkung auf die Erfolgschancen alle anderen Faktoren, auch die demographischen Faktoren, Herkunft, Geschlecht, Kursthema und Nutzungsrate der Unterstützungsdienste.
  • Nach der Psychologie-Professorin Carol S. Dweck an der Stanford-Universität liegt die Ursache für die unterschiedlichen Verhaltensmuster, ob sich jemand Mühe gibt oder nicht, im eigenen Selbstbild: Ein statisches Selbstbild ist der Glaube, Begabung sei angeboren, vererbt und lasse sich nicht ändern. Bei einem Misserfolg macht man seine Gene, Herkunft oder Eltern dafür verantwortlich. Ein Mensch mit dynamischem Selbstbild dagegen sagt bei einem Misserfolg: „Da habe ich offensichtlich nicht hart genug gearbeitet.“ (siehe ihr Buch „Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“, Campus Verlag, 2007).

Interessanterweise gelangen wir bei der Ursachenforschung des MOOC-Erfolgs also letzten Endes beim Menschenbild. Ein statisches Selbstbild ist das größte Lernhindernis. Wenn die statische Prädisposition kulturell verkörpert ist, bedeutet dies Nachteile für die Menschen, die sich von einer solchen Kultur haben prägen lassen.

Es gibt nach Dweck zwei typische Grundhaltungen: (1.) statisch, fixiert: In einer fixierten Haltung gibt es ein festes Welt- und Selbst-Bild. Die Fähigkeiten und Charakter-Eigenschaften scheinen in in diesem Welt- und Selbst-Bild genetisch vererbt und unveränderbar. Es gibt wahr und falsch, gut und böse und für alles gibt es feste Regeln. Wenn man diese einmal gelernt hat, braucht man nicht mehr weiter zu lernen. In dieser Geisteshaltung wird immer nach Perfektion gestrebt, nach der absoluten Sicherheit, nach dem Erreichen der 100%-Marke, wenn es sein muss, auch mit Gewalt. (2.) dynamisch, wachsend: Eine dynamische Grundhaltung lebt ständiges Wachstum. Lernerfolge beruhen auf einem Lernprozess, der nie aufhört. Misserfolge sind Anlass zur intelligenten Suche nach neuen Wegen. Lebenslanges Lernen ist keine Pflicht, sondern Freude. Das Neue ist das Lebenselexier. Nichts ist perfekt. Alles ist im Fluss.