Leben in Begriffsgebäuden

Beim Bulimielernen oder Klausurlernen hat man das Gefühl,
man müsse die Powerpoints des Dozenten auswendig lernen,
um sie in der Klausur möglichst originalgetreu wieder zu geben
– und dann auch umgehend zu vergessen.

Ein solches Lernen ist wertloses Lernen.
Schon die alten Lateiner versuchten dagegen zu halten mit
„Non scholae sed vitae discimus!“
– „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“
Auch vor 2000 Jahren gab es schon Bulimielernen.

In der Vorlesung führt der Dozent in ein Begriffsgebäude ein,
in dem ganze Berufsgruppen denken, arbeiten,
leben, genießen, leiden und begeistern.
Alles hat seine Struktur.
Es gibt viele Querbeziehungen
und immer wieder Neues zu entdecken.
Jeder einzelne Begriff ist wichtig und
von Generationen immer wieder auf die Goldwaage gelegt worden.
Begriffe sind Errungenschaften,
die Erfahrungen und Ergebnisse in eine Form gießen.
Sie bekommen dadurch Festigkeit und werden be-greifbar.
Auch Mathematik ist eine Sprache,
die sich über Jahrhunderte erst mühsam bilden musste.

Manchmal werden die Begriffsgebäude zu fest und unflexibel,
so dass das Gebäude eingerissen werden
und ein neues gebaut werden muss,
z.B. Newtonsche vs. Einsteinsche Physik.
Einreißen ist wichtig und bringt die Wissenschaft weiter,
jedoch nicht bei Anfängern.
Es ist eine Prä-Trans-Verwechslung,
gleich am Anfang alles einreißen zu wollen.

Im Bulimielernen ist das alles kein Begriffsgebäude,
sondern eher ein loser Steinhaufen,
lieblos dahin geschüttet,
ohne Bezug zur eigenen Realität.
Oder ein Schutthaufen der Wissenschaftsgeschichte
mit allen ihren Reduktionismen und Irrtümern.

Die Vorlesung ist als erste Führung durch ein Begriffsgebäude gemeint,
wird im Bulimielernen jedoch als sinnloser Schutthaufen begriffen.
Was gelehrt wird ist nicht das, was gelernt wird.
Gelernt wird die Pseudorealität eines Klausurpunktesystems,
das nur Korrektheit und Gleichheit misst.
Moderne pädagogische Ansätze wie Constructive Alignment
fordern noch engere Engführung auf die Prüfung hin
und machen die Bulimie noch bulimischer.

Der Unterschied liegt dabei lediglich in der subjektiven Haltung,
mit der die Führung durch das Begriffsgebäude wahrgenommen wird,
nämlich als Einladung, in diesem Begriffsgebäude zu
denken, arbeiten, leben, genießen, leiden und zu begeistern
oder als lästige Pflicht, noch mehr totes Material zu schlucken,
auf der inneren Festplatte zu speichern,
auf Kommando auszuspucken und zu löschen.

Subjektivität macht auch hier wieder den Unterschied.
Daran kann Objektives (auch Wissenschaft) nichts ändern.

Und gleichzeitig ist festzustellen,
dass nicht nur das Individuum die alleinige Schuld trägt,
sondern auch die Gesellschaft,
wenn sie das Maschinenhafte zu sehr anhimmelt:
dass man seine Leistung auf Knopfdruck abrufen könne,
dass man fehlerlos kopieren könne,
dass man ein fehlerloses Gedächtnis habe,
dass man fehlerlos arbeiten könne.

Das Maschinenhafte wird zunehmend auf die Maschinen verlagert
und der Mensch wird den Wettkampf mit der Maschine verlieren,
solange er sich im Maschinenhaften zu messen wähnt.

Daher muss sich Bildung zunehmend fragen,
was dem Menschen übrig bleibt.

Da sind vor Allem die Fragen:

  • Was ist global für uns alle wichtig?
  • Was ist hier mit uns los? / Was ist hier und jetzt die Realität?
  • Wie wollen wir alle leben?

Fragen, die Maschinen nicht stellen können und auf denen Algorithmen keine Antwort haben.

Erfolgsfaktor Nr. 1 für MOOC-Erfolg

MOOCs haben eine geringe Erfolgsquote. D.h. die Abbrecherquote ist sehr hoch. In seinem ACM Blog „Moocs need more Work; So Do CS Graduates“ berichtet Mark Guzdial, dass die Erfolgsquote häufig nur bei 10% liege.

Darauf gibt es zwei typische Reaktionsmuster:

  • Das amerikanische Reaktionsmuster ist sehr dynamisch: Nun werden Ursachenanalyse und Forschung betrieben, um intensiv Neuentwicklungen gezielt voran treiben zu können. Tenor: MOOCs sind im Prinzip richtig, nur wird z.Zt. noch irgendetwas falsch gemacht. Was das ist, wissen wir noch nicht genau. Aber wir werden es heraus finden. Der amerikanische Pragmatismus krempelt die Ärmel hoch und arbeitet so lange, bis es klappt.
  • Das europäische Reaktionsmuster dagegen ist recht statisch und rechtfertigend: „Seht Ihr, habe ich doch schon immer gewusst. Nichts geht über Präsenz-Lehre. Menschen müssen sich direkt begegnen, um Wissen weiter zu geben.“ Die von Geisteswissenschaften und dem deutschen Idealismus geprägte Kultur macht sich mit einer bestimmten Voreingenommenheit bemerkbar.

Die Ursachenforschung hat bereits folgende Stolpersteine ausgemacht:

  • Kampf mit Technologie: Viele Leute können eben doch nicht so richtig mit ihrem Computer, dem Betriebssystem, dem Editor, dem Web-Browser, usw. umgehen und scheitern deswegen am MOOC.
  • Kulturelle Unterschiede: Wenn man z.B. von allen Studierenden ein Video verlangt, in dem sie sich selbst zeigen, so stößt man bei manchen Kulturen auf erhebliche Vorbehalte.
  • Die Analytik für MOOC-Betrieb ist noch nicht so gut ausgebaut, dass wir genug Daten bekommen, anhand derer wir Ursachenforschung betreiben können. Wie kann man Lernfortschritt messen? Teilnehmer, die vor dem MOOC schon alles wussten, bestehen sicher die Tests am Ende. Dies besagt jedoch nichts über die Qualität des Online Lernens. Aussagekräftige Vorher/Nachher-Vergleiche sind erforderlich.
  • Je fortgeschrittener der MOOC ist, desto höher ist die Erfolgsquote. Grundkurse in MOOCs haben also schlechte Chancen. MOOCs scheinen sich für Weiterbildung besser zu eignen als für Anfängerkurse. Bei den Anfängerkursen ist das Lernziel vielleicht auch nicht so sehr inhaltlich als vielmehr kulturell: Es geht zuerst um die akademische Sozialisation. Anfänger müssen erst studieren lernen. Die Studierfähigkeit ist das erste Lernziel.
  • Erfolgsfaktor Nr. 1 ist ganz klar die Arbeit, Mühe und das Engagement, das Studierende in die Kurs-Teilnahme investieren, also wie hart sie arbeiten. Ohne Fleiß kein Preis. Ohne Investition kein Gewinn. Dieser Faktor übertrifft in seiner Wirkung auf die Erfolgschancen alle anderen Faktoren, auch die demographischen Faktoren, Herkunft, Geschlecht, Kursthema und Nutzungsrate der Unterstützungsdienste.
  • Nach der Psychologie-Professorin Carol S. Dweck an der Stanford-Universität liegt die Ursache für die unterschiedlichen Verhaltensmuster, ob sich jemand Mühe gibt oder nicht, im eigenen Selbstbild: Ein statisches Selbstbild ist der Glaube, Begabung sei angeboren, vererbt und lasse sich nicht ändern. Bei einem Misserfolg macht man seine Gene, Herkunft oder Eltern dafür verantwortlich. Ein Mensch mit dynamischem Selbstbild dagegen sagt bei einem Misserfolg: „Da habe ich offensichtlich nicht hart genug gearbeitet.“ (siehe ihr Buch „Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt“, Campus Verlag, 2007).

Interessanterweise gelangen wir bei der Ursachenforschung des MOOC-Erfolgs also letzten Endes beim Menschenbild. Ein statisches Selbstbild ist das größte Lernhindernis. Wenn die statische Prädisposition kulturell verkörpert ist, bedeutet dies Nachteile für die Menschen, die sich von einer solchen Kultur haben prägen lassen.

Es gibt nach Dweck zwei typische Grundhaltungen: (1.) statisch, fixiert: In einer fixierten Haltung gibt es ein festes Welt- und Selbst-Bild. Die Fähigkeiten und Charakter-Eigenschaften scheinen in in diesem Welt- und Selbst-Bild genetisch vererbt und unveränderbar. Es gibt wahr und falsch, gut und böse und für alles gibt es feste Regeln. Wenn man diese einmal gelernt hat, braucht man nicht mehr weiter zu lernen. In dieser Geisteshaltung wird immer nach Perfektion gestrebt, nach der absoluten Sicherheit, nach dem Erreichen der 100%-Marke, wenn es sein muss, auch mit Gewalt. (2.) dynamisch, wachsend: Eine dynamische Grundhaltung lebt ständiges Wachstum. Lernerfolge beruhen auf einem Lernprozess, der nie aufhört. Misserfolge sind Anlass zur intelligenten Suche nach neuen Wegen. Lebenslanges Lernen ist keine Pflicht, sondern Freude. Das Neue ist das Lebenselexier. Nichts ist perfekt. Alles ist im Fluss.

Qualität einer Gesellschaft

Wie erzeugt man Qualität in einer Gesellschaft?
Wie erzeugt man Qualität in einer Lehrveranstaltung?
Wie erzeugt man Qualität in einer Hochschule?
Wie erzeugt man Qualität in einem Diskussionsforum?
Wie erzeugt man Qualität in einem Kommunikationskanal?
Wie erzeugt man Qualität auf einer Cloud-Plattform (SaaS)?

Diese Frage wird in der jetzigen Phase der Weiterentwicklung des Internets immer wichtiger.

In der ersten Phase des Internets ging es erst einmal darum,
überhaupt etwas ins Internet zu bekommen.
Vorherrschend waren zunächst technische Probleme.
Man war zunächst froh,
die ersten Diskussionsforen, Chats und Videos zu sehen
und mit einer Suchmaschine etwas zu seinem Thema zu finden.

Hinzu kam das Problem der Sichtbarkeit:
Man hatte noch nicht genug Masse,
um in der Suchmaschine auf den ersten Plätzen aufzutauchen.
Wie erzeugt man überhaupt eine Community?
Wie kommt man über den Schwellwert,
bei Google unter den ersten drei Treffern zu landen?
Gemeint ist hier nicht die Trickserei mit „Search Engine Optimization“ (SEO),
sondern der Magnetismus, der durch echte, substantielle, nachhaltige Qualität entsteht.

Schon bei Amazon und ebay wurde Qualitätssicherung zum wichtigsten Wachstumsmotor:
Mechanismen wie Kommentierung, Reviews, Rating und Voting gaben den Käufern Vertrauen,
Vertrauen in die Händler und Vertrauen in die Produkte.
Das war der entscheidende Unterschied zu konkurrierenden Angeboten
der traditionellen Versandhausanbieter Quelle, Neckermann usw.,
die dann auch recht schnell ihren Markt verloren haben.

Social Coding ist ein neuer wichtiger Trend im Software-Engineering.
Man erstellt Software nicht alleine.
Die Software-Erstellung wird ein gesellschaftlicher Prozess.

Open Source-Entwicklung gibt es schon lange.
Was dort fehlte, waren die Qualitätssicherungs- und -steigerungsmaßnahmen.

Wenn man heute Software entwickelt und auf eine Fehlermeldung stößt,
die man nicht versteht, so gibt man diese in einer Suchmaschine ein
und landet am häufigsten auf der StackOverflow-Plattform.

Die StackOverflow-Plattform ist mehr als nur ein Diskussionsforum.
Sie hat es durch ihre Qualitätssicherungs- und -steigerungsmaßnahmen
wie Kommentierung, Rating und Voting geschafft, eine hohe Qualität zu sichern.
Und daher findet man als Entwickler meistens dort das, was man sucht.

Was ist „Reputation“ bei StackOverflow?
Zitat von StackOverflow:
You gain reputation when:

  • question is voted up: +5
  • answer is voted up: +10
  • answer is marked “accepted”: +15 (+2 to acceptor)
  • suggested edit is accepted: +2 (up to +1000 total per user)
  • bounty awarded to your answer: +full bounty amount
  • one of your answers is awarded a bounty automatically: +1/2 of the bounty amount (see more details about how bounties work)
  • site association bonus: +100 on each site (awarded a maximum of one time per site)

Nicht einzelne Menschen sorgen für Qualität, sondern das Prinzip,
das mit den genannten Regeln zu einem funktionierenden System ausgebaut wurde.

Das Prinzip ist so erfolgreich, dass die Firma StackExchange,
die diese Plattform betreibt, entsprechende Plattformen für viele
andere Themen entwickelt hat:

Weitere Angebote von StackExchange:
TECHNOLOGY

LIFE / ARTS
CULTURE / RECREATION
SCIENCE
OTHER
  1. Stack Overflow
  2. Server Fault
  3. Super User
  4. Web Applications
  5. Ask Ubuntu
  6. Webmasters
  7. Game Development
  8. TeX – LaTeX
  1. Programmers
  2. Unix & Linux
  3. Ask Different (Apple)
  4. WordPress Answers
  5. Geographic Information Systems
  6. Electrical Engineering
  7. Android Enthusiasts
  8. Information Security
  1. Database Administrators
  2. Drupal Answers
  3. SharePoint
  4. User Experience
  5. Mathematica
  6. more (14)
  1. Photography
  2. Science Fiction & Fantasy
  3. Seasoned Advice (cooking)
  4. Home Improvement
  5. more (13)
  1. English Language & Usage
  2. Skeptics
  3. Mi Yodeya (Judaism)
  4. Travel
  5. Christianity
  6. Arqade (gaming)
  7. Bicycles
  8. Role-playing Games
  9. more (21)
  1. Mathematics
  2. Cross Validated (stats)
  3. Theoretical Computer Science
  4. Physics
  5. MathOverflow
  6. more (7)
  1. Stack Apps
  2. Meta Stack Overflow
  3. Area 51
  4. Stack Overflow Careers

Bewusstseinstheorie und Konsequenzen für die Bildungspolitik

Bewusstseinsbildung kann man durchaus zum Ziel einer Bildungspolitik erheben: Die Frage ist nur, was heißt das genau? Kann man das Ziel konkretisieren oder gar mathematisch fassen?

In der mathematischen Theorie der integrierten Information von Giulio Tononi wird für die Messung von Bewusstsein das informationstheoretischen Maß Φ eingeführt (mit dem griechischen Buchstaben Phi). Φ wächst mit Integration in Netzwerken hinreichender Komplexität und sinkt mit der Anzahl des nicht integrierten Wissens und der nicht integrierten Kompetenzen (Differenzierungen). Bewusstsein bildet sich durch Vernetzung, Differenzierung und gleichzeitig zunehmender Integration (auch weit auseinander liegender Module, Strukturen, Prozesse und Ebenen). Der Grad an Synergie und der Präsenz (= Verfügbarkeit = Abrufbarkeit) des Gesamtsystems ist entscheidend.

Grob könnte das mit folgender Gleichung angenähert werden (wobei diese Vereinfachungen auch ihre Grenzen hat: Sie bildet den positiven Effekt der zunehmenden Differenzierungen nicht ab. Für die Zwecke dieses Blogeintrags soll es aber erst einmal reichen):

wpid-PastedGraphic4-2013-08-20-08-47.png

Im Laufe eines Lebens kann sich das Φ-Maß völlig unterschiedlich entwickeln, so dass die Kurven für das Φ-Maß völlig unterschiedlich aussehen können:

  • Zu Beginn eines Lebens gibt es keine Differenzierung, noch nicht einmal zwischen „Ich“ und „Du“. Daher ist initial alles im Bewusstsein eines Neugeborenen integriert. Jeder Mensch beginnt sein Leben also mit Φ = 100%, allerdings mit einer minimalen Anzahl von Kompetenzen und Differenzierungen.
  • Im Laufe eines Lebens werden viele Kompetenzen und Differenzierungen in schnellerer Folge gelernt, als dass sie miteinander integriert werden könnten. Es ist zunächst wichtiger, das Neue zu lernen als zu integrieren. Das Vermögen der Integration aller gelernten Differenzierungen kann mit dem Tempo des Lernens nicht Schritt halten. Daher sinkt der Φ-Wert.
  • Je nach Lebensverlauf und dem Ausmaß der Integration der gelernten Differenzierungen können die Kurven für das Φ-Maß völlig unterschiedlich aussehen, wie das folgende Diagramm an den beiden Fällen A und B zeigt:
wpid-PastedGraphic5-2013-08-20-08-471.png
Dabei unterscheiden wir grob zwei Fälle:

  • Im Fall A werden viele Kompetenzen und viel Wissen gelernt, dann irgendwann (in unserer Kurve ab dem 20. Lebensjahr) auch zunehmend zueinander in Beziehung gesetzt und zu einem Ganzen integriert. Daher steigt das Φ-Maß wieder. Es kommt zu mehr Bewusstsein auf einem höheren Niveau mit mehr Wissen und mehr Kompetenzen als jemals zuvor.
  • Im Fall B werden nur Wissen oder Kompetenzen hinzu gefügt, aber nicht zu einem Ganzen integriert. Daher sinkt das Bewusstsein, obwohl lebenslang gelernt wurde. Lebenslanges Lernen ist kein Wert an sich, wenn Wissen und Kompetenzen nur gesammelt werden.

Die heute oftmals beklagte Fragmentierung hat ihre Wurzeln nicht nur im Smartphone-Konsum, sondern auch in der Bildungspolitik. Die Ergebnisse eines Bildungssystems mit (A) Integration oder (B) Fragmentierung sind wesentlich verschieden, wie das folgende Diagramm veranschaulicht. Werden Spezialwissen und Einzelkompetenzen nur gesammelt, ohne zu integrieren, bleibt es bei einer Art Flachland. Mit Integration entwickelt sich jedoch eine dritte Dimension:

wpid-PastedGraphic6-2013-08-20-08-471.png

Welche Konsequenzen hat die Bewusstseinsforschung für die Hochschulpolitik?

  • Im Zuge der Bologna-Reform wurde die Differenzierung extrem voran getrieben: Wir haben mittlerweile 16.826 Studienangebote in Deutschland. Die Maßnahmen zur Integration konnten nicht im gleichen Tempo Schritt halten.
  • Als Ziele wurden Modularisierung, Internationalisierung, Outcome- und Kompetenzorientierung, Lebenslanges Lernen, Diversität, usw. genannt. Diese Ziele können positiv, aber auch negativ zur Bewusstseinsbildung beitragen. Daher muss die Hochschulpolitik die Ziele besser in Beziehung setzen und zu einem geordneten Zielegeflecht integrieren. Zielkonflikte sind zu erkennen und Lösungen aktiv zu integrieren.
  • Modularisierung hat das Ziel, jedes Modul getrennt lehren und studieren zu können. Die Austauschbarkeit soll zur höheren Flexibilität beitragen. Reihenfolge und Ort der Bildung sollen austauschbar werden. Damit wird die Differenzierung weiter voran getrieben, ohne Wege der Integration aufzuzeigen. Das Φ-Maß kann dadurch sinken. Die Bildungsqualität in Europa kann darunter leiden.
  • Zwischen Modularisierung und Integration der Bildungseinheiten kann es einen Zielkonflikt geben.
  • Lebenslanges Lernen kann auch bedeuten, dass lebenslang nur Kompetenzen hinzu gefügt, aber nicht zu einem Ganzen integriert werden. Das Φ-Maß kann dadurch sinken. Die individuelle Bildungsqualität kann darunter leiden.
  • Das Ziel der Kompetenzorientierung kann nicht sein, möglichst viele Kompetenzen zu sammeln. Diese müssen auch in Beziehung gesetzt, miteinander abgeglichen und integriert werden. Der Gefahr der Produktion von Fachidioten muss entgegen gesteuert werden durch Studium Generale, Ringvorlesungen, Interdisziplinarität, Transdisziplinarität, Internationalisierung und allen weiteren Maßnahmen, die zur Integration der Kompetenzen zu einem Ganzen beitragen können.
  • Der Lehrkörper kann die Aufgabe der Integration des vielen Fachwissens zu einem Ganzen nicht den einzelnen Studierendenköpfen unkoordiniert überlassen, sondern muss auch eigene Lehrformate für diesen Zweck entwickeln.
  • Der Einzelwissenschaft kann man die Aufgabe der Integration mit anderen Wissenschaften nicht unkoordiniert überlassen. Vielleicht muss eine eigene Integrationswissenschaft zu diesem Zweck entwickelt werden.
  • Praxisorientierung ohne Einordnung und Integration des gewonnenen Erfahrungswissens in das Wissensrepertoire reicht nicht. Mit der Integration von Erfahrungswissen in ihren Wissensschatz sind Anfänger überfordert und benötigen entsprechende Anleitung.
  • Erfahrungen in der Lehre führen nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Lehre. Hinzu kommen muss eine aktive Reflexion über die gewonnenen Erfahrungen und eine Integration in das Lehrmodell, Curriculumdesign und die Lehrziele.
  • Diversität ohne aktive Integration schafft noch kein Bewusstsein.

Die Toleranz-Gesellschaft mit dem Leitgedanken des alten Preußenkönigs „Jeder soll nach seiner Facon selig werden!“ bekommt tatsächlich eine wichtige Aufgabe: die Aufgabe der Integration.

Wie werden wir lernen?

Die Gesellschaft ändert sich Technologie- und Demographie-getrieben immer schneller und so stellt sich die Frage, wie wir in Zukunft lernen werden. Dazu ist jetzt von Prof. Dr. John Erpenbeck und Prof. Dr. Werner Sauter ein neues Buch erschienen mit dem Titel „So werden wir lernen!“, also nicht mehr als Frage, sondern klipp und klar als Antwort!
wpid-978-3-642-37180-6.tif-2013-08-13-11-16.jpgLink zum Buch

Der volle Titel lautet „So werden wir lernen!: Kompetenzentwicklung in einer Welt fühlender Computer, kluger Wolken und sinnsuchender Netze“.

MOOC für Jeden

„E-Learning für Jeden“ gibt es heute mit Massive Open Online Course (MOOC). „To MOOC or not to MOOC, that is the question. Everyone seems to be going MOOC-crazy these days.“ titelt die Academic Cooperation Association (ACA) in ihrem Newsletter Edition 142, Februar 2013.

Als die vier großen Plattformen werden genannt:
wpid-external_link_new_window-2013-03-2-07-54.gifCoursera
wpid-1__@__external_link_new_window-2013-03-2-07-54.gifedX
wpid-2__@__external_link_new_window-2013-03-2-07-54.gifUdacity
wpid-3__@__external_link_new_window-2013-03-2-07-54.gifFuturelearn

Udacity, Coursera und edX sind die drei großen Plattformen der USA, an denen sich auch Hochschulen aus Kanada, den Niederlanden, Australien und Schweiz beteiligen. Futurelearn ist ein nationales britisches Unterfangen, politisch vorangetrieben durch den britischen Premierminister persönlich. Lifelong Learning wird hier praktisch in die Tat umgesetzt.

Warum fehlt in der Liste eigentlich die deutsche Plattform OpenHPI ?

Der Artikel enthält eine Liste der Vor- und Nachteile der MOOCs (Pro´s und Con´s).

Der Stifterverband macht gerade eine Ausschreibung zum Thema MOOC, siehe „MOOC Production Fellowship“. 30. April 2013 ist Ende der Bewerbungsphase.

Um MOOC-Plattformen zu betreiben, benötigt man Software. Diese wurde von den großen Betreibern teilweise der Open Source-Bewegung gestiftet:

Damit kann jeder zum MOOC-Betreiber werden. Massive Skalierbarkeit wird durch den darunter liegenden Software-Stack garantiert: Entweder (A) Google App Engine, Django, Python, MySQL, Github oder (B) Amazon Web Services (AWS).

Egospiel oder Lösungsspiel

Nach der Selbstmodell-Theorie Metzingers hat jede Person ihren eigenen Egotunnel mit der eigenen Komfortzone, Selbstgefühl und Identitätsgefühl. Das Verlassen dieser Komfortzone kann als schmerzhaft empfunden werden. Es kann zu einer Abwehr kommen. Die Abwehrhaltung verhindert Lernen und Weiterentwicklung. Da fehlt Offenheit.

Lebenslanges Lernen hat entscheidend mit dieser Offenheit zu tun. Geht das: Kann ich eine alte Komfortzone verlassen und eine neue betreten, ohne dass eine Katastrophe mich dazu zwingt, sondern aus Einsicht? Das ist heute ein wichtige Frage, individuell ebenso wie kollektiv („Kann ich mich auch in einem dematerialisierten Wohlstand wohl fühlen?“, siehe Radermacher).

In Folge 4 des Podcast „Die Welt fragt, Gunter Dueck antwortet“ von Robert Kindermann und Gunter Dueck diskutieren die beiden Sprecher darüber, woran man gute Leute erkennt, die man als Jungunternehmer einstellen oder als Gutachter für die Stiftung des deutschen Volkes fördern würde, sagt Dueck: „An der Wachheit kann man es sehen. Wenn man den Leuten in die Augen schaut, sieht man, ob sie wach sind.“ Darauf erwidert Kindermann: „Ja, stimmt. An der Leidenschaft in den Augen.“

Das ist nicht dasselbe. Wachheit ist nicht Leidenschaft. Gerade die sehr tunneligen Leute verteidigen ihren Egotunnel sehr leidenschaftlich. Dabei mögen sie wach und ausgeschlafen sein. Aber sie tragen eine Art Scheuklappen. Und diese kann man an ihrem Blick sehr gut erkennen. Da fehlt Offenheit. Das sind später die Kolleginnen und Kollegen, die einen Standpunkt einnehmen und ewig dabei bleiben, die eher zum Kampf der Standpunkte, zum Krieg der Egos gegeneinander als zur Weiterentwicklung neigen.

Oder es kommt zu der friedlicheren Variante des Egospiels: Das Egospiel ist das Spiel des einen Egotunnels mit dem anderen Egotunnel. Die verschiedenen Komfortzonen bleiben erhalten, ergänzen sich gegenseitig, bestätigen sich manchmal sogar. Die Tunneligkeit bleibt dieselbe.

Was nicht erwähnt wurde, ist das Merkmal der Offenheit. Das ist noch mal etwas anderes als Wachheit und Leidenschaft. Gunter Dueck bringt es später in dem Podcast auf den Punkt: Wie verhalten sich Leute, wenn sie kritisiert werden, z.B. vor den Gutachtern oder bei den jährlichen Gehaltsverhandlungen: (a) Sie verteidigen sich, ihr Verhalten, ihre Entscheidungen, ihre Selbst- und Weltsicht. (b) Sie lernen: „Ja, stimmt. In Punkt X könnte ich Y besser machen.“ Sie sind offen und nehmen die Kritik als willkommenen Anlass, um sich weiter zu entwickeln. Dazu gehört auch der Blick auf die Schwächen, Schattenseiten und Fehlentscheidungen.

Neben dem Egospiel gibt es auch das Lösungsspiel: Da sind zwei Personen, Du und Ich, und ein Drittes, die Sachlage, die Wahrheit oder sonst irgendeine Form des Absoluten. Das ist wie eine Gleichung mit 2 Variablen und einer Konstanten. In dem Zusammenspiel liegen Offenheit, das Austarieren der verschiedenen Selbst- und Weltsichten und damit das Potenzial zur Weiterentwicklung beider Parteien, zum lebenslangen Lernen auf beiden Seiten. Das ist kein Kampf der Standpunkte, sondern ein offener Diskurs. Diskursfähigkeit ist seine Voraussetzung. Diskursbefähigung ist heute das wichtigste Bildungsziel.

Bildungsziel Professionalität und Führungsqualitäten

In seinem neuen Buch „Professionalität“ argumentiert Gunter Dueck für eine Neuausrichtung unserer Bildungsziele auf Professionalität:

  • „Professionalität im Wissenszeitalter erfordert eine andere Art von Intelligenz.“
  • „Reines Fachwissen wird dabei immer unbedeutender.“
  • „Unsere unternehmerische Persönlichkeit steht immer stärker im Vordergrund.“

In der „duz“ vom 16.11.2012, Ausgabe 12/2012, S.12, definiert der Berater und Trainer Ruedy Baarfuss, Geschäftsführer der Malik Management GmbH, Führungsqualitäten wie folgt:

  1. Eine gute Führungskraft sorgt für Ziele.
  2. Sie organisiert die Arbeit, die zur Zielerreichung notwendig ist.
  3. Sie trifft Entscheidungen.
  4. Chefs müssen die Arbeit kontrollieren (was keiner gerne übernimmt).
  5. Mitarbeiter gewinnen und fördern.

Hinzu fügen möchte ich:

  • Mitarbeiter begeistern.
  • Ziele müssen aus einer konsistenten Vision heraus abgeleitet werden.

Eine konsistente Vision ist selten das Ergebnis einer Kommission und eines Kompromisses. Dazu haben die Teilnehmer einer Kommission zu viele unterschiedliche Interessen und Vorstellungen.

Zu einer konsistenten Vision zu kommen (nicht zu vielen Visionen. Dazu Altkanzler Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“) und diese über den gesamten Projektverlauf aufrecht zu erhalten, ist die hohe Kunst.

Zukunftsbefähigung

Zukunft ist immer ungewiss.
Dieser Ungewissheit kann man nun ängstlich gegenüber stehen
und sich krampfhaft an dem Alten festhalten,
damit man wenigstens hier Sicherheit hat.

Komplexes Denken kann zu einem Zukunftsverhinderer werden.
Weil man sich mit so vielen Wenn-s und Aber-s beschäftigt,
handelt man lieber gar nicht
und kommt so nie vom Fleck.

Die Zukunft willkommen heißen bedeutet
die Chancen zu nutzen, die das Neue bietet.

Zukunftsbefähigung ist eine Art Kreativ-Training,
weniger auf die Risiken und mehr auf die Chancen zu schauen
und diese auch zu nutzen, so gut es eben geht.
Das Alte ist dabei nicht unser Feind,
sondern Grundlage, Voraussetzung oder auch nur Zwischenschritt,
den man hinter sich lässt.

Zukunftsbefähigung ist eine Art Training,
seine Chancen zu nutzen,
nicht gierig, sondern wach,
bewusst, wissend, umsichtig, nachhaltig.

(Hinweis: Unsere Hochschule betreibt zwei Master-Studiengänge
Master Innovations- und Informationsmanagement,
und Master Technik- und Innovationskommunikation,
die diese Zusammenhänge viel gründlicher beleuchten.)

(Zweiter Hinweis. Dazu passend auch das Interview des Stifterverbandes mit Gunter Dueck.)

Lernkurven sind treppenförmig

Lebenslanges Lernen hat seine eigenen Gesetze und Formen.

Lernkurven sind treppenförmig.

wpid-PastedGraphic-2013-01-5-09-075.tiff

Bei jeder Stufe sind 3 Phasen zu unterscheiden:

  • Phase 1: Der nächste Schritt führt weiter zu einer nächsten, höheren Stufe.
  • Phase 2: Konsolidierungsphase, Lernergebnisse sichern, Nest bauen, sich an seine neue Komfortzone gewöhnen.
  • Phase 3: Integrationsphase: Alles bisher Gelernte der vorherigen Stufen hinein nehmen.

Wenn man zu sehr mit dem eiligen Weitergehen beschäftigt ist,
verpasst man die Konsolidierung.
Dann hat man es einmal richtig gemacht,
anschließend jedoch wieder falsch.
Man kreist gewissermaßen um das Richtige, das neu Gelernte,
weil man sich noch nicht daran gewöhnt hat.
Alte Gewohnheiten sind noch stärker.

In Phase 2 geht es darum, sich ein Nest zu bauen, sich in dem Neuen zuhause zu fühlen.
Komfortzone und Selbstheit (im Selbstmodell Metzingers) wachsen nicht so schnell mit.
Es braucht Zeit und Geduld, Ausdauer und Wiederholung.
Erst nach einer gewissen Gewöhnungsphase ist das Gelernte stabil.
Man hat es sich zu eigen gemacht, internalisiert.

In Phase 2 ist es normal,
wenn man das Alte ablehnt,
um dem Neuen eine Chance zu geben.
Ist das Neue erst einmal stabilisiert, kann auch die Ablehnung aufhören.
Dann beginnt Phase 3, die Integration,
in der man lernt, allem Vorhergehenden
einen angemessenen Platz oder Rolle zu geben.

Wenn man die Integrationsphase überspringt,
bleibt das Wissen bruchstückhaft und zusammenhanglos.
Man hat viel angehäuft, aber es ergibt noch kein Ganzes.
Man hat viel gelernt, ist aber deswegen noch lange nicht weise.

Wenn man andererseits mit zu viel Beharrungsvermögen
immer auf der gleichen Stufe bleibt,
geht Lernen nicht weiter.
Dann verpasst man den nächsten Schritt.
Man fühlt sich in seinem Nest so wohl,
dass man nicht mehr weiter gehen möchte.
Aus dem Nest wird ein Gefängnis.
Die Offenheit geht verloren.

Wenn man den Vorteil eines Lehrers oder Peer Coaches hat,
sollte man ihn nutzen.
Selber das Heft des Lernens in die Hand nehmen,
Wissensstrukturen und Kompetenzen aktiv selber konstruieren,
das Gelernte anwenden,
führt zu Erfahrungen und Erlebnissen,
die Lernen um so viel lebendiger und erfahrbarer macht.
Aus der Praxis heraus Fragen zu stellen
und den Vorsprung des Lehrers zu nutzen,
um selber Missverständnisse auszuräumen
und fehlende Bauteile im Wissensgerüst zu entdecken,
macht Lernen so viel effektiver, umfassender,
gründlicher, tief gehender, nachhaltiger.