Durchhalteparolen im Ökonomismus

Prof. Dr. Jörn Loviscach hat auf der Konferenz „Campus Innovation 2014“ im Track „eLearning“ den hörenswerten Vortrag mit dem Titel gehalten „Skills, Bildung und das Internet: auf der Suche nach einem (zahlenden?) Publikum“. Lecture2Go sei dank, dass die Vorträge nun im Internet verfügbar sind. Wäre sie es nicht, gingen diese wertvollen Gedankengänge verloren. Früher hieß es: „Was nicht aufgeschrieben wird, geht verloren!“ Heute muss es wohl heißen: „Was nicht ins Internet hochgeladen wird, geht verloren!“

Loviscach ist einer der Vordenker der deutschen eLearning-Szene und hat bereits viel Wertvolles beigetragen. In diesem Vortrag ist es das neue Konzept der „Lernchancen“. „Lernchance“ ist ein durchaus beachtenswertes Querdenkerkonzept. Warum nehmen wir immer so naiv an, dass die besten Vorlesungen und die besten Folien auch die besten Lernergebnisse bedingen? Nehmen wir mit der perfekten, auf Hochglanz polierten wissenschaftlichen Begründung den Studierenden nicht die Lernchance, selbst auf eine bessere Erklärung zu kommen? Sind die vielen Probleme, Hindernisse, Unstrukturiertheiten, Chaos der Uni nicht Lernchancen für Studierende, selbst die Initiative zu ergreifen und es besser zu machen?

In dem Vortrag kamen jedoch auch problematische Stellen/Aspekte vor:

  • (1.) Durchhalteparolen: Lernziel Nr. 1 sei das Durchhaltevermögen. Frustrationstoleranz sei zu trainieren.
  • (2.) Kapitulation vor dem Ökonomismus

ad 1. Wenn man Durchhaltevermögen und Training von Frustrationstoleranz als Lernziel Nr. 1 deklariert, kann das natürlich als Begründung für jeden Mist herhalten oder gar missbraucht werden.

Durchhalteparolen machen nur dann Sinn, wenn man kurz vor dem Ziel ist und nur noch wenige Schritte notwendig sind, um sein Ziel zu erreichen. Wenn aber etwas grundfalsch ist, dann ist Durchhaltevermögen das Schlimmste, was passieren kann. Es gibt sogar zu viele Menschen, die zu viel Durchhaltevermögen trainiert haben, zu lange auf dem Holzweg waren und nicht mehr umkehren. Ihre Frustrationstoleranz ist grenzenlos. Man kann auch sagen, ihre Lebenskraft ist eingeschlafen. In solchen Situationen ist eine Krise besser, der eine Klärung und Neubesinnung folgt. Wenn ein System einer Gesellschaft grundverkehrt ist, muss sich die ganze Gesellschaft zusammen tun, um es zu verändern. Innovation und Change Management kommen ohne solche klärenden Phasen nicht aus.

ad 2. Ökonomismus: Sowohl Gesellschaft als auch Hochschule als auch Studierende haben das ökonomische Prinzip auf die höchste Stufe gehoben und alles andere dem unterworfen: Studierende betrachten ihr studentische Leistung als Investition, die sich in Credit Points, Zertifikaten und Zeugnissen bezahlt machen müsse. Der Return of Investment (RoI) müsse optimiert werden. (Durch meine geschlossene Bürotür habe ich mal zufällig das Gespräch von Studierenden mitbekommen, die sich im Schaukasten ihre Noten angeschaut haben. „Für meine 2 habe ich 3 Wochen gelernt.“ Darauf übertrumpfte ihn ein anderer: „Aber für meine 2,3 habe ich nur 2 Wochen gelernt.“) Studierende wollen zielgerichtete, klausurgenaue Prüfungsvorbereitung statt umständlicher Erklärung von Hintergrundinformationen („Alter, labere nicht so rum …“). Nicht Tiefenverstehen ist gefragt, sondern das Flachland der fertigen Rezepte, die man nur noch nachkochen muss. Wenn man den Markt fragt, dann sind „Nürnberger Trichter“ und „Spoonfeeding“ eben doch gefragt. Klassische Bildung wird als spröde empfunden und passt nicht mehr zum ökonomistischen Diktat. Hochschulen müssen sich heute dem Wettbewerb stellen und solche Angebote liefern, die auf dem Markt gefragt sind. Selbstverständlich gibt es auch dafür Pädagogen, die das zu rechtfertigen verstehen: „Constructive Alignment“ ist das passende Wortungetüm für die klausurgenaue Prüfungsvorbereitung als Maxime für die Unterrichtsgestaltung.

Das Bildungssystem steht mit seinem Ökonomismus nicht allein und kann dieses Problem nicht alleine lösen. Die westliche Gesellschaft hat schon lange vor der Leere ihrer eigenen Wertesysteme kapituliert und sich auf den ökonomistischen Standpunkt zurück gezogen: Was am Ende zählt, ist dann doch immer das Geld. Geld wird zur ultimativen Realität erklärt. Und Zeit ist Geld. Für die Zeit die ich investiere habe ich hohe Gewinnerwartungen.

Was mich stört ist diese Kapitulation vor dem Ökonomismus. Ich wünsche mir weiter begeisterte Wissenschaftler, die das Feuer der Neugier und des Interesses bei ihren Studierenden entfachen, Studierende, die aus Interesse und Neigung ihr Studienfach gewählt haben und Hochschulen, die genügend Freiraum für echte Bildungschancen bieten.

Im Software Engineering gibt es die Methode „Fehler zuerst“: Man beginnt mit einem Test, der einen Fehler anzeigt und schreibt dann erst die Softwareteile, die notwendig sind, um den Fehler zu beheben. Vielleicht sollte man in der Didaktik mal die Methode „Krise zuerst“ ausprobieren. Das ist zwar nicht ökonomisch, aber eine Lernchance.

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