Automatismus und Konstruktivismus

Lernen bedeutet häufig, Wissensabruf und Methoden zu automatisieren,
so dass sie in der Praxis auf Knopfdruck zur Verfügung stehen.
Dazu muss man lernen, bis es sitzt.
Das ist Automatismus-Lernen.

Der Konstruktivismus setzt da eher auf aktives Selber-Konstruieren.
Man lernt wenige, sehr wenige Basis-Bausteine, isolierte Prinzipien und einfache Regeln
und kann alles andere daraus selber konstruieren.
Das ist wie bei Lego die Konstruktion aus wenigen Grundbausteinen.
Konstruktivismus ist kognitives Lego.

Beide Lernformen haben ihre Vor- und Nachteile.

Automatismus-Lernen geht häufig schneller und lässt sich kürzer abrufen.
Wenn man sich die Lösung jedesmal langwierig konstruieren muss,
kann das wertvolle Zeit in der Praxis kosten.
Wenn jedoch etwas schief geht, steht man hilflos vor einem Problem,
wenn man nicht gelernt hat, sich die Lösung selber zu konstruieren.

„Man muss nicht alles wissen,
man muss sich nur zu helfen wissen“
ist das Motto des Konstruktivismus,
der bei manchen Prüfungsmethoden jedoch benachteiligt wird.
Wenn man die Schnelligkeit des Wissensabrufs mit in die Wertung einbezieht,
wird die Automatismen-Fraktion bevorzugt.

Wenn man sich die kognitive Architektur mehrschichtig vorstellt,
so bedeutet der Übergang vom sturen Automatismen-Lernen
hin zum Konstruktivismus einen wesentlichen Fortschritt:

Der Fortschritt besteht in mehr Nachvollziehbarkeit, mehr Rationalität,
mehr bewusst Gewolltem und auch einem höheren Grad an Differenzierung
und Bewusstheit.
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Beispiel: Beim Reiten bedeutet
1. Waden mit leichtem Druck am Pferdebauch = Signal zum Vorwärtsgehen.
2. Waden nach hinten verlagern (ohne Druck) = Signal zum Rückwärtsgehen.

Wenn man nun beides macht, Waden nach hinten MIT leichtem Druck,
so vermischt man beide Signale und das Pferd weiß nicht mehr was es tun soll,
schlägt mit dem Schweif und tritt unruhig hin und her.

Beim Lernen von Automatismen kann es vorkommen,
dass man nur das vermischte Signal (hinten + Druck) verautomatisiert hat
und nie auf die Idee gekommen ist, beides voneinander zu trennen.
Es erscheint wie eins und es erscheint richtig.
Für den Reiter besteht Klarheit über seine Absicht, nicht jedoch für das Pferd.

Es erfordert eines hohes Maß an Differenzierung und feiner Aufmerksamkeit,
um aus der Gleichzeitigkeit wieder etwas Getrenntes zurück zu gewinnen.

Isolierte Bausteine und einfache Regeln lassen sich im Vorhinein leichter lernen
als komplexe Automatismen im Nachhinein zu dekonstruieren und zu entlernen.

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