Produktivitätsparadoxon

Das Produktivitätsparadoxon besagt, dass die Produktivität trotz aller Verbesserungen, trotz aller Mobilität, trotz aller Computer und Handys nicht gestiegen ist. Paradox deswegen, weil sie, die Produktivität, eigentlich hätte steigen müssen, wo wir doch viel schneller miteinander kommunizieren können, reisen können, berechnen, ordnen, sortieren können.

Warum ist das so?

Die Digitalisierung wirkt als Verstärker.
Aber von was?
Was wird verstärkt?
Alles!

Das Gute ebenso wie das Schlechte.
Das Ordnende ebenso wie das Verwirrende.
Das Helfende ebenso wie das Verhindernde.
Das Moralische ebenso wie das Unmoralische.
Das Ethische ebenso wie das Unethische.

Es wird alles einfach nur schneller.
Der Informationsumsatz wird größer,
der Qualitätsgewinn jedoch nicht.

Mehr Wissen ist noch keine Weisheit.
Mehr haben ist noch kein besseres Leben.
Mehr Gesetze ist noch kein besseres Funktionieren.
Mehr Sicherheit ist noch keine bessere Gesellschaft.

Damit ist die Ursache für das Produktivitätsparadoxon klar.

Vielleicht ist es daher weise,
mal inne zu halten,
nicht weiter auf´s Gaspedal zu treten,
und in Ruhe die Sinnhaftigkeit des Ganzen zu betrachten.
Was nützt erhöhte Schnelligkeit und ein höheres Niveau,
wenn es doch nur Unsinn ist, was sich da schneller und höher umtreibt.

Software oder Organisation anpassen?

Wenn man Informatik-Systeme neu in eine Organisation bringt oder bestehende migriert, stellt sich immer die Frage, wer sich wem anpassen soll:

  • Soll die Software an die Gegebenheiten der Organisation angepasst werden?
  • oder…

  • Soll die Organisation an die Gegebenheiten der Informatik-Systeme angepasst werden?

Letztendlich ist dies eine Kostenfrage:

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Dort, wo eine Softwareanpassung preiswerter ist, ist diese vorzuziehen. Dort, wo eine Organisationsanpassung preiswerter ist, ist jene vorzuziehen. Jedoch sind bei dieser Betrachtung auch die versteckten Kosten und die Folgekosten mit einzubeziehen. Das wiederum macht die Entscheidung komplex. Die Reduktion der Betrachtung auf eine betriebswirtschaftliche Größe war nur eine Pseudoreduktion.

Dennoch ist das Bild hilfreich: Es gilt die goldene Mitte zu finden: Software dort anpassen, wo sie sich einfach anpassen lässt und ansonsten die Organisation anpassen.

Aber was ist „einfach“? Für ein Genie ist vieles einfach, was für einen Normalo schwierig oder gar unmöglich ist. Daher kann man Programmierung eben doch nicht nach Indien auslagern („Outsourcing“, „Offshoring“). Wir brauchen auch Informatik-Genies im eigenen Land.

Ausschalten von Bewusstheit durch Methode hat Methode

Methodisches Vorgehen ist das Markenzeichen von Akademikern.
Sie haben für alles eine wiss. anerkannte Methode.
Um alle diese Methoden kennen zu lernen,
muss man erst einmal jahrelang studieren.
Das ist die Eintrittshürde in die akademische Welt.

Es werden immer nur die Vorteile methodischen Vorgehens angepriesen,
nie objektiv sachlich auch die Nachteile,
die Schattenseite der akademischen Sonne.

Akademiker sind dann auch bloß Verkäufer,
weil sie ihren eigenen Denkansatz als den besten verkaufen,
anstatt sich unvoreingenommen mit der Sachlage auseinander zu setzen,
neutral und sachlich, wie es der akademische Ethos verlangt.
Aber wenn es um sie selbst geht,
werden Akademiker höchst unakademisch.
(siehe auch „Homo academicus“ von Pierre Bourdieu, 1984)

Methodisches Vorgehen kann auch Nachteile beherbergen:
Methodisch Vorgehen kann auch bedeuten,
dass man sich nach einer Methode richtet und Bewusstheit ausschaltet,
Empfindsamkeit, Fühlen,
das Gefühl, dass sich die Welt um uns herum massiv verändert,
Gewissen,
denn das ist ja alles subjektiv und daher als unwissenschaftlich verpönt.
Bewusstheit wird ausgeschaltet,
wenn das sklavische Befolgen der Methode wichtiger wird als Bewusstheit.
Ein Computer läuft nach einem Algorithmus,
das Befolgen einer Methode ist ebenfalls algorithmischer Natur.

Ausschalten von Bewusstheit durch Methode hat Methode,
nämlich die akademische Methode des methodischen Vorgehens.

Bewusstheit ist etwas inhärent Subjektives,
Methodisches Vorgehen dagegen scheinbar so viel objektiver.

Dabei war einer der Gründerväter des wiss. Ansatzes,
Galileo Galilei, mit genau dem umgekehrten Vorsatz angetreten:
Glaubenswahrheiten waren damals nicht hinterfragbar,
und wenn das religiöse Dogma vorschrieb,
dass die Erde im Mittelpunkt des Universums stünde,
so setzte er seine eigenen, subjektiven Messungen und Erklärungen dagegen.
„Habe den Mut selber zu denken“ (und zu messen und zu erklären)
war dann der Wahlspruch des Zeitalters der Aufklärung.

Methodisches Vorgehen und frische Bewusstheit, immer wieder neu:
Gerade das Spannungsverhältnis zwischen beiden macht den Reiz aus.
Immer wieder neu aus der subjektiven Wahrnehmung heraus
bestehende Methoden zu hinterfragen und neue Methoden zu entwerfen
ist eine große Herausforderung, die niemals enden wird,
denn es gibt kein „Patentrezept“, keine „Weltformel“,
keinen „Silver Bullet“ und keine „eierlegende Wollmilchsau“.
Das Ringen darum ist legitim und eines der Hauptantriebskräfte der Wissenschaft,
jedoch sollte klar sein, dass dieses Ringen unendlich ist.
Letztendlich ist es eine Art Zielkonflikt zwischen der Subjektivität der Bewusstheit
und dem Streben nach Objektivität und Systemfestigung,
das die Entwicklungsspirale voran treibt.

Informatik ist eine interessante Wissenschaft,
weil sie diese Phänomene aus dem Allgemeinen,
aus dem Philosophischen und Psychologischen,
in die konkrete Zeile Software-Quellcode bringt und dort
ganz konkret als Phänomen erfahrbar und sogar messbar macht:
Ist die Software, die nach einer Methode X erstellt wurde,
oder die Software, die nach einer Methode Y erstellt wurde,
besser?
Oder gar solche Software,
deren Entwicklung sich an keiner bekannten Methode orientierte
und möglicherweise die Geburt einer neuen Methode ankündigt?

Bewusstsein macht den Unterschied

Über Jahrhunderte hat das Militär
den Umgang mit Pferden geprägt:
Die Pferde mussten blind gehorchen,
ihrem Reiter blind vertrauen,
blind in die Gefahr hinein laufen ohne zu scheuen,
ihr eigenes Empfinden, Bewusstsein, Reflexe,
sogar ihren Überlebensinstinkt ausschalten.
Dazu hat die Dressur ihren eigenen Willen gebrochen
und das Bewusstsein und die Instinkte der Pferde
ausgeschaltet.

Erst heute entsteht die Erkenntnis,
dass man das Bewusstsein der Pferde nicht ausschalten muss,
sondern dass man mit ihm arbeiten und es nutzen kann:

Wenn das Pferd in seine Box gehen soll,
so geht die Reiterin voran,
weil sie das Alpha-Tier der kleinen Herde ist und
und sie damit die Verantwortung hat,
dass sich in der Höhle „keine Wölfe versteckt“ haben.

Wenn das Pferd eine Gefahr passieren soll,
so geht die Reiterin zwischen Pferd und Gefahr,
weil sie das Alpha-Tier ist und
und damit die Verantwortung hat,
die Gefahr einzuschätzen und
dem Pferd zu zeigen, wie zu reagieren ist.

Das ist arbeiten mit dem Bewusstsein
und den Instinkten des Pferdes
und nicht dagegen.
Bewusstsein und Instinkte müssen nicht niedergeprügelt werden
wie in der militärischen Zeit.
Der eigene Wille des Pferdes muss nicht gebrochen werden.
Das Bewusstsein des Pferdes muss nicht abgeschaltet werden,
um zuverlässig mit ihm arbeiten zu können.

Der Mensch hat die Intelligenz, sich auf
das Bewusstsein und Instinkte des Pferdes einzulassen
und damit zu arbeiten statt diese auszuschalten.

Das Bewusstsein des Pferdes ist so viel wert,
es kann nützlich sein,
ja sogar das Leben des Reiters retten.
In gefährlichen Gebirgsritten vertrauen die Reiter
dem Instinkt der Pferde, um einzuschätzen,
welche Pfade sicher sind und welche nicht.

Außerdem ist die Zeit des militärischen Dogmas vorbei.
Die Gesellschaft benötigt keine Maschinenpferde mehr
für die Schlacht auf dem Felde „Mann gegen Mann“.

In der Bildungsdiskussion wird
der Übergang von Wissen zu Kompetenzen
als große Errungenschaft gefeiert.
Sicher ist das ein wichtiger Schritt.
Und gleichzeitig gilt es noch
die Rolle des Bewusstseins dabei genauer zu verstehen.

Denn in beiden Fällen kann blindes Lernen geschehen,
bekannt als Pauken, Klausurlernen, Bulimielernen.
Erst Bewusstsein macht den Unterschied:
Arbeitet der Lehrer mit dem Bewusstsein der Schüler oder dagegen?
Geht es ihm um das blinde Pauken,
bewusstloses Kopieren oder
das Arbeiten mit Bewusstsein, den vorhandenen Empfindungen,
Vorstellungen, Reaktionen und Denkweisen der Schüler und Studierenden?
Bewusstsein macht den Unterschied.

Nicht alle Verantwortung liegt beim Lehrer.
Auch der Schüler muss sich entscheiden,
ob er den scheinbar müheloseren und „effizienteren“ Weg
des bewusstlosen Klausurlernens geht,
oder ob er sich die Mühe macht
und sich die zusätzliche Zeit nimmt,
sein eigenes Empfinden und Denken mit in den Lernprozess
hinein zu nehmen, damit zu arbeiten,
es auf die Waagschale zu werfen,
abzuwägen und kritisch zu hinterfragen,
welche Anteile an Halbwissen, Vorurteilen
und Missverständnissen sich im eigenen Denken eingenistet
oder gar automatisiert hatten,
statt es zu unterdrücken und platt zu bügeln.
Solange Lernen als bewusstloser Kopierprozess verstanden wird,
egal ob auf der Ebene des Wissens oder der Kompetenzen,
bleibt die Gesellschaft im alten Paradigma gefangen.

Blindes Lernen produziert Maschinenmenschen.
Diese waren in der militärisch-industriellen Zeit erforderlich,
solange es keine Computer gab,
jedenfalls glaubte man es so.

Heute gibt es Computer.
Heute gibt es das Internet.
Und diese sind keine vorübergehende Erscheinung
und sie werden nicht wieder verschwinden,
wie Gunter Dueck so schön provokativ sagt.
Die „gute alte Zeit“ wird nicht wieder zurück kehren.
Die militärisch-industrielle Zeit ist endgültig vorbei.
Gott sei Dank!

Leider hat sich das Jahrhundere alte militärische Denken
so tief in unserer Kultur verankert,
dass es automatisiert passiert
und unterhalb des Bewusstseinsradars läuft.
Daher sind solche Blogposts wie dieses hier
leider immer noch erforderlich.

Leben in Begriffsgebäuden

Beim Bulimielernen oder Klausurlernen hat man das Gefühl,
man müsse die Powerpoints des Dozenten auswendig lernen,
um sie in der Klausur möglichst originalgetreu wieder zu geben
– und dann auch umgehend zu vergessen.

Ein solches Lernen ist wertloses Lernen.
Schon die alten Lateiner versuchten dagegen zu halten mit
„Non scholae sed vitae discimus!“
– „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“
Auch vor 2000 Jahren gab es schon Bulimielernen.

In der Vorlesung führt der Dozent in ein Begriffsgebäude ein,
in dem ganze Berufsgruppen denken, arbeiten,
leben, genießen, leiden und begeistern.
Alles hat seine Struktur.
Es gibt viele Querbeziehungen
und immer wieder Neues zu entdecken.
Jeder einzelne Begriff ist wichtig und
von Generationen immer wieder auf die Goldwaage gelegt worden.
Begriffe sind Errungenschaften,
die Erfahrungen und Ergebnisse in eine Form gießen.
Sie bekommen dadurch Festigkeit und werden be-greifbar.
Auch Mathematik ist eine Sprache,
die sich über Jahrhunderte erst mühsam bilden musste.

Manchmal werden die Begriffsgebäude zu fest und unflexibel,
so dass das Gebäude eingerissen werden
und ein neues gebaut werden muss,
z.B. Newtonsche vs. Einsteinsche Physik.
Einreißen ist wichtig und bringt die Wissenschaft weiter,
jedoch nicht bei Anfängern.
Es ist eine Prä-Trans-Verwechslung,
gleich am Anfang alles einreißen zu wollen.

Im Bulimielernen ist das alles kein Begriffsgebäude,
sondern eher ein loser Steinhaufen,
lieblos dahin geschüttet,
ohne Bezug zur eigenen Realität.
Oder ein Schutthaufen der Wissenschaftsgeschichte
mit allen ihren Reduktionismen und Irrtümern.

Die Vorlesung ist als erste Führung durch ein Begriffsgebäude gemeint,
wird im Bulimielernen jedoch als sinnloser Schutthaufen begriffen.
Was gelehrt wird ist nicht das, was gelernt wird.
Gelernt wird die Pseudorealität eines Klausurpunktesystems,
das nur Korrektheit und Gleichheit misst.
Moderne pädagogische Ansätze wie Constructive Alignment
fordern noch engere Engführung auf die Prüfung hin
und machen die Bulimie noch bulimischer.

Der Unterschied liegt dabei lediglich in der subjektiven Haltung,
mit der die Führung durch das Begriffsgebäude wahrgenommen wird,
nämlich als Einladung, in diesem Begriffsgebäude zu
denken, arbeiten, leben, genießen, leiden und zu begeistern
oder als lästige Pflicht, noch mehr totes Material zu schlucken,
auf der inneren Festplatte zu speichern,
auf Kommando auszuspucken und zu löschen.

Subjektivität macht auch hier wieder den Unterschied.
Daran kann Objektives (auch Wissenschaft) nichts ändern.

Und gleichzeitig ist festzustellen,
dass nicht nur das Individuum die alleinige Schuld trägt,
sondern auch die Gesellschaft,
wenn sie das Maschinenhafte zu sehr anhimmelt:
dass man seine Leistung auf Knopfdruck abrufen könne,
dass man fehlerlos kopieren könne,
dass man ein fehlerloses Gedächtnis habe,
dass man fehlerlos arbeiten könne.

Das Maschinenhafte wird zunehmend auf die Maschinen verlagert
und der Mensch wird den Wettkampf mit der Maschine verlieren,
solange er sich im Maschinenhaften zu messen wähnt.

Daher muss sich Bildung zunehmend fragen,
was dem Menschen übrig bleibt.

Da sind vor Allem die Fragen:

  • Was ist global für uns alle wichtig?
  • Was ist hier mit uns los? / Was ist hier und jetzt die Realität?
  • Wie wollen wir alle leben?

Fragen, die Maschinen nicht stellen können und auf denen Algorithmen keine Antwort haben.

Abstumpfendes und sensibilisierendes Lernen

Die Zeitung „Die Welt“ fasst online als „HD Welt“ in ihrem Artikel „Mit diesen Tricks lernen Studenten effektiver“ unter der Rubrik „Wissen“ ein paar lesenswerte Tricks zusammen, wie man als Studierende den inneren Schweinehund bekämpfen und sich dann doch aufraffen kann, um für die Klausur zu lernen und sich durchzubeißen.

Jörn Löviscach sagte dazu so schön: „Wenn ich das schon höre, dass Studierende der Vorlesung fernbleiben, weil sie für die Klausur lernen müssen, dann weiß ich: Das ist Bulimielernen.“ Wozu dienen die vorgeschlagenen Tipps und Tricks? Geht es um wirkliches Lernen und noch zielorientierter in die Bulimie hinein?

Statt Bulimielernen könnte man auch sagen „Maschinenlernen“, „Roboterlernen„, Auswändiglernen, herzloses Lernen, Pauken. Dabei kann der Roboter das Roboterhafte besser als wir Menschen. Uns mit Robotern zu messen ist der falsche Weg. In einer Zeit, in der immer mehr Arbeit vom Menschen auf Maschinen übertragen wird, darf der Mensch nicht zur Maschine gemacht werden, auch nicht zur „Lernmaschine„. In einer Zeit, in der die Chinesen als Weltmeister des Auswändiglernens nun Problem Based Learning (PBL) für sich entdecken und es breitflächig im eigenen Lande implementieren, um Weltmeister bei den Erfindungen und Patenten zu werden, darf Europa durch das Auswändiglernen nicht in das stupide Kopieren und Nachmachen zurück fallen.

Diese Art von Pauken ist Flachlernen, das Gegenteil von Tiefenlernen, wie es z.B. die ehemalige HRK-Präsidentin Frau Wintermantel von ihren Unis immer gefordert hat, deren gewählte Leitung sie war. Flachlernen ist eine Folge von Zwangslernen, egal ob der Zwang extern durch Dozenten, Regeln, Systemvorgaben oder intern durch Tricks zur Bekämpfung des eigenen inneren Schweinehundes induziert war.

André Kless meint dazu: Wenn man eine Lernsituation hat, in der sich nichts mehr daran ändern lässt, dass man etwas lernen muss, für das man kein Interesse und keine Motivation hat, also es ums „Durchbeißen“ geht. Dann sind die Tipps der „HD Welt“ gute Tipps. Typisch deutsch ist der Lösungsansatz, dass alles eine Frage der Planung/Strukturierung der eigenen verfügbaren Zeit ist (Spickzettel, feste Arbeitszeiten, Pausen machen, Abwechslung schaffen, Zehn-Minuten-Trick). Dass es auch anders geht, über intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Liebe zum Fach, Begeisterung und Neugier, wird im „HD Welt“-Artikel mit keinem Wort erwähnt.

Es gibt sowohl abstumpfendes als auch sensibilisierendes Lernen, Fremdlernen und Selbstlernen, fremdbestimmtes Lernen und intrinsisch motiviertes Lernen, Klarlernen und Entfremdungslernen, Flexibilisierungslernen und Erstarrungslernen, Konditionierung, Mechanisierung.

Psychologen haben Menschen ein Holzstück gegeben und sie gefragt, was man damit machen könne. Kindern fiel ein Vielfaches an Möglichkeiten ein als Erwachsenen (konvergierendes und divergierendes Denken). Engt uns Schullernen ein? Bekommt unsere Phantasie durch die Schule einen Tunnelblick verpasst? Dient Lernen der Öffnung oder der Installation von Scheuklappen?

Ordnung und Disziplin sind wichtig. Das soll hier nicht verteufelt werden. Lernen ist keine Spazierfahrt oder Unterhaltung. Die Gegner des „Edutainment„-Ansatzes legen auf dieses Argument großen Wert. Studieren jedoch auf Maximierung von abrufbarem Wissen, Ordnung und Disziplin zu reduzieren, ist Irreführung, in Deutschland auch Irreführung gesellschaftlichen Ausmaßes mit fatalen Folgen. Es wird höchste Zeit, dass typisch deutsche Tugenden durch das noch Fehlende ergänzt werden, durch Sinn, intrinsische Motivation, Eigeninteresse, Zukunftsgestaltung, Eroberung der neuen Welt (heute ist das die digitale Welt, die neu ist), Liebe zum Fach, Begeisterung für Forschung und Neugier an der Erkundung unserer Lebenswelt und dieses zutiefst menschliche „es wissen wollen“.

Lernst du noch oder verstehst du schon?

Vortrag von Jörn Loviscach am 26.6.2015 zum Thema Digitalisierung in der Bildung:

Der Videotext auf Youtube dazu: „Externe Referenten sowie Dozenten und Mitarbeiter der Hochschule Fresenius diskutierten am 26. Juni zentrale Fragen zum digitalen Wandel im Sinne einer Ergänzung der Lehre sowie deren Möglichkeiten und Grenzen. Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik sowie Themenpate im Hochschulforum Digitalisierung für Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien, leitete den 1. Tag der digitalen Lehre mit einer Frage ein: „Lernst du noch oder verstehst du schon?“ Bei ihm schrillten immer die Alarmglocken, wenn er höre, dass jemand noch lernen müsse. „Wer sich hinsetzt und „lernt“, will wahrscheinlich eher Lösungsrezepte pauken und weniger Hintergründe und Zusammenhänge verstehen“.“

Sehr schön das Fazit auf der letzten Folie: Digitalisierung macht Bildung nicht per se besser: Etwas wird nicht dadurch gut, dass es digitalisiert wird.

Ein differenzierterer, kenntnisreicherer, weitblickender Dialog wäre angebracht.

Folgende Aspekte der Digitalisierung findet Jörn Loviscach interessant:

Digitalisierung als
– Belehrmaschine
– Entdeckmaschine
– Verstehmaschine
– Schummelmaschine
– Abschöpfmaschine

Was uns dabei fehlt sind folgende Aspekte:

  • Kommunikationsmaschine
  • Kooperationsmaschine
  • Kollaborationsmaschine
    • The future is mass collaboration.
    • Globale Vernetzung
  • Simulationsmaschine
  • Game Engine

Es fehlt auch der Aspekt der „Konstruktion neuer Welten“ ([Frank 2009]):
Geld hat eine neue Welt erschaffen, die Finanzwelt (mit allen Vor- und Nachteilen). Geld dient nicht nur dem Komfort der alten Welt, sondern erschafft ein neues Universum mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es ist nicht nur ein Paralleluniversum, sondern hat teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

Genauso verhält es sich mit dem Digitalen. Das Digitale dient nicht nur der physischen Welt und macht das Leben darin leichter (oder schwerer …), sondern ist eine Art Meta-Infrastruktur zur Erschaffung neuer Universen mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es werden nicht nur Paralleluniversen geschaffen. Diese haben auch teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

F.J. Radermacher sieht in der Dematerialisierung des Wohlstands die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung, siehe meinen alten Blogbeitrag „Dematerialisierung des Wohlstands„. Es geht also nicht um das Ja oder Nein zum Digitalen, sondern um die gesellschaftliche Aufgabe der Eroberung, Nutzbarmachung und Zivilisierung der neuen Universen. So wie vor 100 Jahren die Völker sich einen Wettlauf um die Eroberung der „Neuen Welt“ lieferten, so findet heute ein Wettlauf um die Eroberung des Digitalen statt. An den Internet-Giganten kann man studieren, wie klar dies erkannt wurde und wie strategisch man dort vorgeht.

Wenn man die Welt erorbern will, oder eine neue Welt erschaffen will, kann man nicht im Sandkasten (oder im Klassenzimmer) sitzen bleiben.

Gunter Dueck sagte einmal in einem Vortrag: Nun haben wir das Internet schon über 20 Jahre und sie diskutieren hier in Deutschland immer noch darüber, ob wir es haben wollen.

Zur These von der „Dematerialisierung des Wohlstands“ ist hinzuzufügen, dass es auch um die Demateralisierung des Denkens geht. Die Anhaftung ans Konkrete, an Greifbares, an handfeste Lösungsrezepte ist Kennzeichen eines materiellen Denkens. Wenn man eine Klausur bestehen will, scheint das beste Rezept zu sein, alle Lösungen darin bereits auswendig zu kennen. Klausuren, die solche Erfolgsstrategien zulassen, fördern die Anhaftung und verhindern Reifung.

Die Loslösung davon, also Abstraktion, erfordert        

  • den Mut zu Fehlern
  • den geschützten Raum für Fehler
  • Erfahrung
  • Reflexion
  • Erfahrungswissen
  • Vernetzung
  • Anwendung
  • selber denken
  • selber ausprobieren
  • Reife

Das war schon immer so. Schließlich hieß das Abitur ja mal „Reifezeugnis“. Neu ist dass das Digitale den Bedarf an dematerialisiertem Denken massiv steigert.

Literatur: [Frank 2009] Ulrich Frank: „Die Konstruktion möglicher Welten als Chance und Herausforderung der Wirtschaftsinformatik“, in: Wissenschaftstheorie und gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik, Springer-Verlag, 2009, pp. 161-173. Springer-Link: http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-7908-2336-3_8

Die Mauer

Beim Marathon-Laufen gibt es ein Phänomen,
das sich „Die Mauer“ nennt:
Bei Kilometer 37 (mehr oder weniger) läuft man gegen
diese Mauer und glaubt, aufgeben zu müssen.
Das Gefühl ist unerträglich.
Man kann nicht mehr.
Nichts scheint mehr zu gehen.

Und dennoch ist es nur ein Gefühl.
Wenn man dann nicht aufgibt,
weitermacht,
dabei bleibt,
nicht flüchtet,
nicht aufgibt,
dann geht es irgendwann doch wieder
und man kann im Rückblick
das Phänomen als rein psychisches Problem erkennen.
Obwohl sich die körperlichen Symptome so echt anfühlten,
waren sie doch nur psychisch und der Körper völlig in Ordnung.

Bildung ist eine enorme Investition
und wird daher auch ökonomisch untersucht:
Bei welchen Menschen lohnt sich Bildung wirklich?
Dazu wurde der Muffin-Test entwickelt,
der sich trotz seiner Schlichtheit
durch jahrelange Tests als signifikant erwiesen hat:
Man gebe den Probanden einen Muffin mit dem Hinweis,
dass sie einen zweiten bekommen,
wenn sie den ersten nicht anrühren.
Diejenigen Probanden, die warten können,
erweisen sich als erfolgreiche Absolventen.
Das Quäntchen Selbstdisziplin scheint den Unterschied auszumachen.

Dieses Phänomen wird oft beschrieben mit
„den inneren Schweinehund bekämpfen“.
Die Menschen, die sich mit diesem Bild identifizieren,
sind jedoch keine friedlichen Menschen,
denn sie sind verstrickt in einen inneren Kampf,
eine innere Zerissenheit
zwischen moralischem Anspruch und dem gewohntem Phlegma,
die keinen grundlegenden Frieden zulässt.
Da ist der ständige innere Dialog zwischen
„ich sollte“, „ich müsste“ auf der einen Seite und „ich will aber nicht“
oder „ich habe keine Lust“
oder einfach „Jetzt nicht“ auf der anderen Seite
Im Erfinden von Ausnahmen sind wir dann sehr erfinderisch.
Dieses Phänomen erlebt gerade unter dem Schlagwort
Prokrastination“ große Aufmerksamkeit.
Dazu Wikipedia: „Aufschieben, auch Prokrastination (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub oder Bummelei (im Volksmund auch Aufschieberei oder Aufschieberitis), ist das Verhalten, als notwendig, aber unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen. Aufschieben gilt als schlechte Arbeitsgewohnheit. Drei Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Verhalten als Prokrastination eingestuft werden kann: Kontraproduktivität, mangelnde Notwendigkeit und Verzögerung.“

Geht das: Selbstdisziplin UND gleichzeitig grundlegenden Frieden?

Beim Lernen von Skilanglauf habe ich
als Anfänger einen Hügel gehabt,
bei dem ich immer wieder gestürzt bin.
Die Schwierigkeit, an der ich immer wieder gescheitert bin,
fühlte sich an wie eine Mauer.
Anstatt mir eine einfachere Strecke zu suchen,
bin ich genau diesen Hügel immer wieder angestiegen
und abgefahren, bis die Abfahrt kein Problem mehr wahr.
Das Lern-Phänomen fühlte sich an wie das Umlegen eines Schalters:
Ich hatte verstanden, was man mit den Skiern machen musste,
wenn eine Spurrille die Skier in die falsche Richtung lenkte
und den Sturz verursachte.
Ohne meine Beharrlichkeit hätte sich diese Erkenntnis nie eingestellt
und ich wäre mein Leben lang immer nur einfachere Loipen gefahren.
Ich hätte mir eingeredet,
dass ich Loipen nur bis zu einem gewissen Schwierigkeitsgrad
fahren könne.

Das zu frühe Begnügen mit der zu kleinen Kompetenz
verhindert Weiterlernen und blockiert den Weg zur Meisterschaft.

klarlehren

Das Gegenstück zu klarlernen ist klarlehren,
also das Prinzip der Lehre,
die Methode der Vorbereitung auf den Lernprozess
und die Methode der Durchführung,
der Nachbereitung und Reflexion.

Das ist mein Ansatz für Videos in der Lehre:
Wenn mir etwas klar geworden ist,
also aus dieser Erkenntnis heraus,
aus diesem Augenblick der Klarheit,
entwerfe ich 5-10 Folien,
die die Idee darstellen
und drehe dazu gleich das Video
als kurzes Erklärvideo von 5 bis 10 Minuten,
das sich auf die eine Idee fokussiert
und diese so klar wie möglich vermittelt.

Wittgenstein: Alles was sich sagen lässt,
lässt sich klar und deutlich sagen.

Der Anlass dazu kann unterschiedlich sein:
Ich habe etwas Interessantes gelesen,
eine stimulierende Diskussion gehabt
oder ein bestimmter Fehler tritt immer und immer wieder auf,
so dass man sich fragt, woran das wohl liegen möge
und wo es am Verständnis mangelt,
welcher winzige Punkt noch nicht verstanden wurde,
welches Kippmoment zum vollen Verständnis noch fehlte.

Das ist Reflexion, die nicht nur für fremde,
sondern auch für die eigenen Lernprozesse geeignet ist.
Wo hapert es eigentlich noch in meinem eigenen Verständnis?
Wo stockt mein eigener Lernprozess?

Der sokratische Dialog macht aus klarlernen und klarlehren
einen gemeinsamen sozialen Prozess.
Bloggen ist heute die digitale Version des sokratischen Dialogs.

Im altem Griechenland lungerten die Wissensbegierigen quasi
im Atrium der Universität herum,
um an den kostbaren Momenten der Klarheit
teilhaben zu können.
Universitas
http://www.leps.de/up/diss/1-img49.jpg
Heute lungern sie im Internet herum.

Die heutigen eng getakteten Vorlesungen und Übungen
haben schon einen anderen Charakter.
Es wäre Schade, wenn uns dadurch die Klarheit verloren ginge.

Innovative Wissenschaft von konservativen Wissenschaftlern

Wissenschaft ist einer der stärksten Innovationsmotoren.
Warum sind so viele Wissenschaftler jedoch so konservativ?

In seinem Artikel „Wissenschaft war schon immer als offen gedacht“ auf der Authorea-Plattform schreibt Alberto Pepe, welche Probleme er persönlich damit hat, dass

  • Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts zum Publizieren Werkzeuge des 20. Jahrhunderts in einem Format des 17. Jahrhunderts verwenden.
  • 400 Jahre alte Artikel so aussehen wie heutige.
  • der technische Fortschritt ignoriert wird.
  • wenige Seiten beschriebenen Papiers dem Datenaufkommen heutiger Wissenschaft nicht gerecht werden können.

Er zitiert eine 400 Jahre alte Publikation von Galileo Galilei, in der Galileo von seinen Beobachtungen der Jupiter-Monde berichtet und daher seine Publikation folgende Punkte umfasst:

  • Sammlung von Daten
  • Sammlung von Metadaten (Zeit und Bedingungen der Beobachtungen)
  • seine eigenen Schlussfolgerungen und Hypothesen

Publikationen heutiger Wissenschaft können den ersten beiden Punkten aufgrund des gestiegenen Datenvolumens nicht mehr angemessen gerecht werden. Daher kann nur ein abstrakter Abriss gegeben werden, den kritische Leser nicht wirklich nachvollziehen und prüfen können. Damit kann die wiss. Community ihrer Aufgabe der kritischen Prüfung, Kontrolle und der Generierung alternativer Hypothesen oder gar Gegenhypothesen nicht mehr gerecht werden.

Konsequenz: Als Leser muss man dem abstrakten Abriss glauben und auf die Redlichkeit der Autoren hoffen.

Wissenschaft wird damit zur Glaubenssache und ihrem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht.

Dabei liefert das Internet bereits die Technik, es besser zu machen. Open science, Open Data und die Authorea-Plattform will eine Revolution in wiss. Publikation auslösen und wiss. Publikationen als offene, interaktive, annotierbare Notizbücher etablieren, die die vollen, unverkürzten Datensammlungen beinhalten und sie lesbar, kontrollierbar, prüfbar und weiterentwickelbar aufbereiten.

Wenn Galileo heute leben würde, wie würde er publizieren?

Zentrale Technologie ist dabei die Technik der Online-Notizbücher, siehe Jupyter.

CoLaboratory Notebook ist eine Chrome App, die offene, interaktive, annotierbare Notizbücher im Chrome-Browser ermöglicht.

Die Integration mit Google Drive findet man unter „Google Drive support for Jupyter Notebook“: „jypyther-drive„. Damit kann man auch kollaborativ in Echtzeit synchron an seinen wissenschaftlichen Auswertungen arbeiten.

Rodeo ist eine einfache Weboberfläche in JavaScript für datenintensive Auswertungen mittels Python und eine Alternative zum IPython-Kernel und -Notebook.