Lernst du noch oder verstehst du schon?

Vortrag von Jörn Loviscach am 26.6.2015 zum Thema Digitalisierung in der Bildung:

Der Videotext auf Youtube dazu: „Externe Referenten sowie Dozenten und Mitarbeiter der Hochschule Fresenius diskutierten am 26. Juni zentrale Fragen zum digitalen Wandel im Sinne einer Ergänzung der Lehre sowie deren Möglichkeiten und Grenzen. Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik sowie Themenpate im Hochschulforum Digitalisierung für Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien, leitete den 1. Tag der digitalen Lehre mit einer Frage ein: „Lernst du noch oder verstehst du schon?“ Bei ihm schrillten immer die Alarmglocken, wenn er höre, dass jemand noch lernen müsse. „Wer sich hinsetzt und „lernt“, will wahrscheinlich eher Lösungsrezepte pauken und weniger Hintergründe und Zusammenhänge verstehen“.“

Sehr schön das Fazit auf der letzten Folie: Digitalisierung macht Bildung nicht per se besser: Etwas wird nicht dadurch gut, dass es digitalisiert wird.

Ein differenzierterer, kenntnisreicherer, weitblickender Dialog wäre angebracht.

Folgende Aspekte der Digitalisierung findet Jörn Loviscach interessant:

Digitalisierung als
– Belehrmaschine
– Entdeckmaschine
– Verstehmaschine
– Schummelmaschine
– Abschöpfmaschine

Was uns dabei fehlt sind folgende Aspekte:

  • Kommunikationsmaschine
  • Kooperationsmaschine
  • Kollaborationsmaschine
    • The future is mass collaboration.
    • Globale Vernetzung
  • Simulationsmaschine
  • Game Engine

Es fehlt auch der Aspekt der „Konstruktion neuer Welten“ ([Frank 2009]):
Geld hat eine neue Welt erschaffen, die Finanzwelt (mit allen Vor- und Nachteilen). Geld dient nicht nur dem Komfort der alten Welt, sondern erschafft ein neues Universum mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es ist nicht nur ein Paralleluniversum, sondern hat teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

Genauso verhält es sich mit dem Digitalen. Das Digitale dient nicht nur der physischen Welt und macht das Leben darin leichter (oder schwerer …), sondern ist eine Art Meta-Infrastruktur zur Erschaffung neuer Universen mit eigenen Spielregeln und eigenen Playern. Es werden nicht nur Paralleluniversen geschaffen. Diese haben auch teils massive Rückwirkungen auf „die alte Welt“.

F.J. Radermacher sieht in der Dematerialisierung des Wohlstands die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung, siehe meinen alten Blogbeitrag „Dematerialisierung des Wohlstands„. Es geht also nicht um das Ja oder Nein zum Digitalen, sondern um die gesellschaftliche Aufgabe der Eroberung, Nutzbarmachung und Zivilisierung der neuen Universen. So wie vor 100 Jahren die Völker sich einen Wettlauf um die Eroberung der „Neuen Welt“ lieferten, so findet heute ein Wettlauf um die Eroberung des Digitalen statt. An den Internet-Giganten kann man studieren, wie klar dies erkannt wurde und wie strategisch man dort vorgeht.

Wenn man die Welt erorbern will, oder eine neue Welt erschaffen will, kann man nicht im Sandkasten (oder im Klassenzimmer) sitzen bleiben.

Gunter Dueck sagte einmal in einem Vortrag: Nun haben wir das Internet schon über 20 Jahre und sie diskutieren hier in Deutschland immer noch darüber, ob wir es haben wollen.

Zur These von der „Dematerialisierung des Wohlstands“ ist hinzuzufügen, dass es auch um die Demateralisierung des Denkens geht. Die Anhaftung ans Konkrete, an Greifbares, an handfeste Lösungsrezepte ist Kennzeichen eines materiellen Denkens. Wenn man eine Klausur bestehen will, scheint das beste Rezept zu sein, alle Lösungen darin bereits auswendig zu kennen. Klausuren, die solche Erfolgsstrategien zulassen, fördern die Anhaftung und verhindern Reifung.

Die Loslösung davon, also Abstraktion, erfordert        

  • den Mut zu Fehlern
  • den geschützten Raum für Fehler
  • Erfahrung
  • Reflexion
  • Erfahrungswissen
  • Vernetzung
  • Anwendung
  • selber denken
  • selber ausprobieren
  • Reife

Das war schon immer so. Schließlich hieß das Abitur ja mal „Reifezeugnis“. Neu ist dass das Digitale den Bedarf an dematerialisiertem Denken massiv steigert.

Literatur: [Frank 2009] Ulrich Frank: „Die Konstruktion möglicher Welten als Chance und Herausforderung der Wirtschaftsinformatik“, in: Wissenschaftstheorie und gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik, Springer-Verlag, 2009, pp. 161-173. Springer-Link: http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-7908-2336-3_8

Veröffentlicht unter Didaktik, eLearning, Internet, Lehre, Social Media, Studium | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Lernst du noch oder verstehst du schon?

Die Mauer

Beim Marathon-Laufen gibt es ein Phänomen,
das sich „Die Mauer“ nennt:
Bei Kilometer 37 (mehr oder weniger) läuft man gegen
diese Mauer und glaubt, aufgeben zu müssen.
Das Gefühl ist unerträglich.
Man kann nicht mehr.
Nichts scheint mehr zu gehen.

Und dennoch ist es nur ein Gefühl.
Wenn man dann nicht aufgibt,
weitermacht,
dabei bleibt,
nicht flüchtet,
nicht aufgibt,
dann geht es irgendwann doch wieder
und man kann im Rückblick
das Phänomen als rein psychisches Problem erkennen.
Obwohl sich die körperlichen Symptome so echt anfühlten,
waren sie doch nur psychisch und der Körper völlig in Ordnung.

Bildung ist eine enorme Investition
und wird daher auch ökonomisch untersucht:
Bei welchen Menschen lohnt sich Bildung wirklich?
Dazu wurde der Muffin-Test entwickelt,
der sich trotz seiner Schlichtheit
durch jahrelange Tests als signifikant erwiesen hat:
Man gebe den Probanden einen Muffin mit dem Hinweis,
dass sie einen zweiten bekommen,
wenn sie den ersten nicht anrühren.
Diejenigen Probanden, die warten können,
erweisen sich als erfolgreiche Absolventen.
Das Quäntchen Selbstdisziplin scheint den Unterschied auszumachen.

Dieses Phänomen wird oft beschrieben mit
„den inneren Schweinehund bekämpfen“.
Die Menschen, die sich mit diesem Bild identifizieren,
sind jedoch keine friedlichen Menschen,
denn sie sind verstrickt in einen inneren Kampf,
eine innere Zerissenheit
zwischen moralischem Anspruch und dem gewohntem Phlegma,
die keinen grundlegenden Frieden zulässt.
Da ist der ständige innere Dialog zwischen
„ich sollte“, „ich müsste“ auf der einen Seite und „ich will aber nicht“
oder „ich habe keine Lust“
oder einfach „Jetzt nicht“ auf der anderen Seite
Im Erfinden von Ausnahmen sind wir dann sehr erfinderisch.
Dieses Phänomen erlebt gerade unter dem Schlagwort
Prokrastination“ große Aufmerksamkeit.
Dazu Wikipedia: „Aufschieben, auch Prokrastination (lateinisch procrastinatio ‚Vertagung‘, Zusammensetzung aus pro ‚für‘ und cras ‚morgen‘), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub oder Bummelei (im Volksmund auch Aufschieberei oder Aufschieberitis), ist das Verhalten, als notwendig, aber unangenehm empfundene Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen. Aufschieben gilt als schlechte Arbeitsgewohnheit. Drei Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Verhalten als Prokrastination eingestuft werden kann: Kontraproduktivität, mangelnde Notwendigkeit und Verzögerung.“

Geht das: Selbstdisziplin UND gleichzeitig grundlegenden Frieden?

Beim Lernen von Skilanglauf habe ich
als Anfänger einen Hügel gehabt,
bei dem ich immer wieder gestürzt bin.
Die Schwierigkeit, an der ich immer wieder gescheitert bin,
fühlte sich an wie eine Mauer.
Anstatt mir eine einfachere Strecke zu suchen,
bin ich genau diesen Hügel immer wieder angestiegen
und abgefahren, bis die Abfahrt kein Problem mehr wahr.
Das Lern-Phänomen fühlte sich an wie das Umlegen eines Schalters:
Ich hatte verstanden, was man mit den Skiern machen musste,
wenn eine Spurrille die Skier in die falsche Richtung lenkte
und den Sturz verursachte.
Ohne meine Beharrlichkeit hätte sich diese Erkenntnis nie eingestellt
und ich wäre mein Leben lang immer nur einfachere Loipen gefahren.
Ich hätte mir eingeredet,
dass ich Loipen nur bis zu einem gewissen Schwierigkeitsgrad
fahren könne.

Das zu frühe Begnügen mit der zu kleinen Kompetenz
verhindert Weiterlernen und blockiert den Weg zur Meisterschaft.

Veröffentlicht unter Allgemein, Didaktik, Studium | Kommentare deaktiviert für Die Mauer

klarlehren

Das Gegenstück zu klarlernen ist klarlehren,
also das Prinzip der Lehre,
die Methode der Vorbereitung auf den Lernprozess
und die Methode der Durchführung,
der Nachbereitung und Reflexion.

Das ist mein Ansatz für Videos in der Lehre:
Wenn mir etwas klar geworden ist,
also aus dieser Erkenntnis heraus,
aus diesem Augenblick der Klarheit,
entwerfe ich 5-10 Folien,
die die Idee darstellen
und drehe dazu gleich das Video
als kurzes Erklärvideo von 5 bis 10 Minuten,
das sich auf die eine Idee fokussiert
und diese so klar wie möglich vermittelt.

Wittgenstein: Alles was sich sagen lässt,
lässt sich klar und deutlich sagen.

Der Anlass dazu kann unterschiedlich sein:
Ich habe etwas Interessantes gelesen,
eine stimulierende Diskussion gehabt
oder ein bestimmter Fehler tritt immer und immer wieder auf,
so dass man sich fragt, woran das wohl liegen möge
und wo es am Verständnis mangelt,
welcher winzige Punkt noch nicht verstanden wurde,
welches Kippmoment zum vollen Verständnis noch fehlte.

Das ist Reflexion, die nicht nur für fremde,
sondern auch für die eigenen Lernprozesse geeignet ist.
Wo hapert es eigentlich noch in meinem eigenen Verständnis?
Wo stockt mein eigener Lernprozess?

Der sokratische Dialog macht aus klarlernen und klarlehren
einen gemeinsamen sozialen Prozess.
Bloggen ist heute die digitale Version des sokratischen Dialogs.

Im altem Griechenland lungerten die Wissensbegierigen quasi
im Atrium der Universität herum,
um an den kostbaren Momenten der Klarheit
teilhaben zu können.
Universitas
http://www.leps.de/up/diss/1-img49.jpg
Heute lungern sie im Internet herum.

Die heutigen eng getakteten Vorlesungen und Übungen
haben schon einen anderen Charakter.
Es wäre Schade, wenn uns dadurch die Klarheit verloren ginge.

Veröffentlicht unter Didaktik | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für klarlehren

Innovative Wissenschaft von konservativen Wissenschaftlern

Wissenschaft ist einer der stärksten Innovationsmotoren.
Warum sind so viele Wissenschaftler jedoch so konservativ?

In seinem Artikel „Wissenschaft war schon immer als offen gedacht“ auf der Authorea-Plattform schreibt Alberto Pepe, welche Probleme er persönlich damit hat, dass

  • Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts zum Publizieren Werkzeuge des 20. Jahrhunderts in einem Format des 17. Jahrhunderts verwenden.
  • 400 Jahre alte Artikel so aussehen wie heutige.
  • der technische Fortschritt ignoriert wird.
  • wenige Seiten beschriebenen Papiers dem Datenaufkommen heutiger Wissenschaft nicht gerecht werden können.

Er zitiert eine 400 Jahre alte Publikation von Galileo Galilei, in der Galileo von seinen Beobachtungen der Jupiter-Monde berichtet und daher seine Publikation folgende Punkte umfasst:

  • Sammlung von Daten
  • Sammlung von Metadaten (Zeit und Bedingungen der Beobachtungen)
  • seine eigenen Schlussfolgerungen und Hypothesen

Publikationen heutiger Wissenschaft können den ersten beiden Punkten aufgrund des gestiegenen Datenvolumens nicht mehr angemessen gerecht werden. Daher kann nur ein abstrakter Abriss gegeben werden, den kritische Leser nicht wirklich nachvollziehen und prüfen können. Damit kann die wiss. Community ihrer Aufgabe der kritischen Prüfung, Kontrolle und der Generierung alternativer Hypothesen oder gar Gegenhypothesen nicht mehr gerecht werden.

Konsequenz: Als Leser muss man dem abstrakten Abriss glauben und auf die Redlichkeit der Autoren hoffen.

Wissenschaft wird damit zur Glaubenssache und ihrem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht.

Dabei liefert das Internet bereits die Technik, es besser zu machen. Open science, Open Data und die Authorea-Plattform will eine Revolution in wiss. Publikation auslösen und wiss. Publikationen als offene, interaktive, annotierbare Notizbücher etablieren, die die vollen, unverkürzten Datensammlungen beinhalten und sie lesbar, kontrollierbar, prüfbar und weiterentwickelbar aufbereiten.

Wenn Galileo heute leben würde, wie würde er publizieren?

Zentrale Technologie ist dabei die Technik der Online-Notizbücher, siehe Jupyter.

CoLaboratory Notebook ist eine Chrome App, die offene, interaktive, annotierbare Notizbücher im Chrome-Browser ermöglicht.

Die Integration mit Google Drive findet man unter „Google Drive support for Jupyter Notebook“: „jypyther-drive„. Damit kann man auch kollaborativ in Echtzeit synchron an seinen wissenschaftlichen Auswertungen arbeiten.

Rodeo ist eine einfache Weboberfläche in JavaScript für datenintensive Auswertungen mittels Python und eine Alternative zum IPython-Kernel und -Notebook.

Veröffentlicht unter Hochschule, Internet | Kommentare deaktiviert für Innovative Wissenschaft von konservativen Wissenschaftlern

Studium ist auch Berufsvorbereitung

Christian Spannagel schreibt in seinem Blogbeitrag
Machen soziale Medien das Lernen sozialer?„:

Zitat: „Stören social media vielleicht nicht sogar das gemeinsame Lernen,als dass sie es befördern? Ich beobachte immer wieder, dass sich Studierende in ihren Lerngruppen immer wieder von Facebook- und Whatsapp-Messages ablenken lassen. Gruppenlernen wird gestört, wenn einzelne Gruppenmitglieder ihre Aufmerksamkeit zeitweise vom Lernen auf andere Inhalte lenken. In diesem Moment sind Online-Kontakte zumindest für den Moment wichtiger und attraktiver als die soziale Gruppe “Lerngruppe”. Auch beim Lernen alleine lenken social media natürlich immer wieder sehr leicht ab. Machen social media in diesem Fall also das Lernen sozialer?“

Galt die Priorität des Telefons gegenüber dem präsenten Gesprächspartner
nicht schon vor dem Zeitalter der sozialen Medien?
Allerdings tragen wir heute das Telefon überall mit uns herum
und die Wahrscheinlichkeit einer Unterbrechung ist dramatisch gestiegen.
Damit bekommt die Unterbrechung als Lebensphänomen eine neue Qualität.

Studium ist auch Berufsvorbereitung.
Facebook ist privat und hat nichts mit Arbeit zu tun.
WhatsApp ebenso.
Das gilt nicht aus technischen Gründen,
sondern weil es sich so eingeschliffen hat.

Es finden im Unterricht ständig Unterbrechungen durch das Private statt.
Sollte man nicht diese Diskurs-Ebene thematisieren
statt der technischen Symptome „Facebook“ & Co.?

Digital Natives kennen das Digitale zunächst nur aus dem Privaten.
So sind sie sozialisiert.
Sie können sich „professionelle Arbeit“ mit Facebook gar nicht vorstellen,
auch wenn es prinzipiell möglich ist.

Das Digitale kann man aber auch anders benutzen:
Die Open Source-Software-Entwickler-Gemeinde macht es weltweit vor,
was professionelle Arbeit im Internet bedeutet:
Ausgefuchste digitale Workflows mit
GitHub, Slack, Gerrit, Google Docs, Trello, …

Das sind professionelle Werkzeuge für professionelles Arbeiten.
Auch Digital Natives müssen das erst lernen.
Vielleicht ist es für sie sogar noch schwerer als für Digital Immigrants
aufgrund ihrer privaten Sozialisierung und Vorprägung.

„Wähle Deine Gewohnheiten“ schrieben schon
Venkat Subramaniam and Andy Hunt in „Practices of an Agile Developer“,
siehe https://kaul.inf.h-brs.de/wordpress/2013/06/bildung-als-bewusstseinsgestaltung/

Die privaten Gewohnheiten taugen nicht unbedingt für den Beruf.
Der Unterricht an den Hochschulen ist herausgefordert,
Menschen in die Lage zu versetzen,
private Gewohnheiten zu reflektieren,
ggfs. davon Abstand zu nehmen und loszulassen.

Unterbrechungen und Multi-Tasking sind für fokussiertes Lernen & Arbeiten vernichtend.
Sie erzeugen die Illusion einer Aktivität und Vernetztheit
und verhindern Tiefe.
Das gilt nicht nur für Denkprozesse,
sondern auch Beziehungen.

Gleichzeitig liegen diese Vermischungen von Privatem mit Beruflichem
im Trend der Zeit:
Man spricht von Work-Life-Balance oder Work-Life-Blend.
Das bedeutet auf der einen Seite größere Freiheit und Flexibilität,
auf der anderen Seite die Entgrenzung der Lebensbereiche.

Die größere Flexibilität erlaubt auch Personen
mit familiären oder beruflichen Verpflichtungen zu studieren.
Die Entgrenzung der Lebensbereiche bedeutet,
dass man auch in seiner Freizeit arbeitet
und in seiner Arbeitszeit Privates erledigt.
Die Vermischung ist so dicht, dass eine Buchführung kaum noch möglich ist.
(Datenschutz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung
verbieten auch eine solche Buchführung durch den Arbeitgeber
oder durch die Hochschule. Gleichzeitig fallen ja durch die
Nutzung der Geräte und der Internet-Dienste jede Menge Daten an,
die gesammelt und mit „Big Data“-Technologie ausgewertet werden.)
Ob sich das Private auf Kosten der Arbeit ausdehnt oder umgekehrt,
ist durch den Einzelnen kaum noch festzustellen.
(Im Endeffekt wissen dies Google, Facebook und Co. sehr genau,
nicht jedoch der einzelne Mensch, seine unmittelbare Umgebung,
sein Arbeitgeber oder seine Hochschule.
Eine Wissensverschiebung in globale Zentren findet damit statt.)
Trends wie „Bring-Your-Own-Device“ (BYOD) leisten
der Entgrenzung weiteren Vorschub.

Damit sind wir bei der nächsten Herausforderung,
der sich Hochschulen stellen müssen:
Die Arbeitswelt unterliegt massiven Veränderungen.
Mit Work-Life-Balance und Work-Life-Blend umzugehen,
diese zu reflektieren
und ganz praktisch seinen eigenen Weg zu finden,
der je nach Lebenssituation sehr verschieden sein kann,
ist eine neue Lehr- und Lernaufgabe im Hochschulstudium.

Veröffentlicht unter Didaktik | Kommentare deaktiviert für Studium ist auch Berufsvorbereitung

klarprogrammieren

Neben dem „klarlernen“ gibt es auch das „klarprogrammieren“, eine meiner Wortschöpfungen, die dem Programmieren eine Nuance verleiht, eine Richtung gibt, Reifegrade erkennen lässt. Beim „klarprogrammieren“ geht es um folgende Beobachtungen und Einsichten:

  • Programmieren ist wie Schreiben: Klares Schreiben ist besser als verschnörkeltes Schreiben. Diese Ansicht vertrat auch einer der Gründerväter der Informatik, der Stanford-Professor Donald Knuth mit seinem Ansatz „Literate Programming“. Er ging sogar so weit, dass er den Quellcode einiger seiner Programme als Buch publizierte, das von einem renommierten Verlag auch tatsächlich verkauft wurde. Fazit: Quellcode muss gelesen werden und ist daher gut lesbar zu verfassen.
  • Klarheit ist gut. Klarheit sollte das Ziel Nr. 1 beim Schreiben ebenso wie beim Programmieren sein, nicht Testabdeckung oder Testgeschwindigkeit oder andere Sekundärziele. Klarheit gibt der Entwicklung eine Trajektorie: Wir wissen, wohin es sich entwickelt.
  • Klären (etwas klarer gestalten) ist Wertschöpfung (sowohl im Schreiben als auch im Programmieren). In unserer Zeit wird dies erkannt und die entsprechenden Wertschöpfungsstrukturen und Wertschöpfungsprozesse entdeckt und gestaltet. Z.B. Refactoring als wesentliche Programmiertätigkeit.
  • Refactoring ist ein Klärungsprozess in Agilen Vorgehensmodellen. Refactoring ist die Überarbeitung der Namen, Begriffe und der Struktur des Geschriebenen (des Quellcodes), ohne an der Aussage des Textes (der Funktion des Programms) etwas zu ändern. Refactoring kostet Ressourcen ohne neue Aussagen (neue Funktionen) zu liefern und ist daher für das Management unproduktive Arbeit, die man nicht messen kann. Für die Programmierer ist es wertvolle Arbeit, die über die Qualität der eigenen Zukunft und der Zukunft der späteren Weiterentwicklung, wer auch immer diese übernehmen wird, entscheidet. Refactoring ist Wertschöpfung.
  • Programmieren ist eher wie Kreatives Schreiben als eine Wissenschaft mit Absolutheitsanspruch. Donald Knuth nannte seine Buchreihe „The Art of Programming“, obwohl er als Wissenschaftler strenge Massstäbe anlegte.
  • Wittgenstein: Alles was man schreiben kann, kann man klar schreiben.
  • Einstein: Wenn man es noch nicht klar schreiben kann, dann hat man es noch nicht genug verstanden.
  • Ein guter Programmierer zu werden ist vergleichbar mit dem Anspruch, ein guter Schriftsteller zu werden.
  • Ebenso wie beim Schreiben ist die beste Übung, um ein guter Programmierer zu werden, viel zu programmieren, viel Quellcode zu lesen und dabei immer um Klarheit bemüht zu sein.
  • Es geht eher um Gestaltung eines „Noch-Nie-Dagewesenen“ ohne Vorbild, ohne Beschränkung, ohne Gestern — als um Engineering mit bewährten Methoden, altgedienten Bausteinen und jahrzehntelangen Erfahrungswerten nach immer den gleichen Mustern. Konstruktion neuer Software und Brückenbau sind eben doch grundsätzlich unterschiedlich.

Damit soll nicht Willkür Tür und Tor geöffnet werden. Die genannten Argumente sollten nicht dazu missbraucht werden, fehlende Tests zu entschuldigen. Den Wertschöpfungsprozess der Klärung selbst klarer zu strukturieren, Meilensteine zu setzen, Indikatoren zu nennen und messbar zu machen, ist ein großes Ziel. Controller hätten gerne SMART-Kriterien, um messen zu können, ob auch wirklich gearbeitet wurde und ob man dem Ziel der Klarheit näher gekommen sei. Einige Indikatoren sind bekannt (Testüberdeckung, SOLID-Prinzipien, Clean Code Development-Prinzipien, Patterns und Anti-Patterns, Bad Smells), entheben einen jedoch nicht des Selber-Denkens. Da es um Zukunft geht, kann es durchaus sein, dass man sich im eigenen Projekt über manche Grenze, Indikatoren und SMART-Kriterien hinweg setzen muss. Dabei sollte es sich jedoch um eine bewusste Entscheidung handeln.

„klarprogrammieren“ ist auch eine Form des „klarlernens“.

Die Diskussion ist schon sehr alt und rund um das Thema „TDD is dead“ wieder neu entflammt, siehe „Examining the ‚TDD is Dead‘ Controversy
by Shane Hastie on Jun 04, 2014.

Veröffentlicht unter Informatik | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für klarprogrammieren

Intrinsische Motivation

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Intrinsische Motivation

Der Dreissprung der Digitalen Gestaltung

Technologie alleine reicht nicht: Technologie in den Klassenraum zu pumpen, ohne etwas an der Didaktik zu ändern, hieße alten Wein in neue Schläuche zu gießen:
wpid-PastedGraphic-2015-03-29-12-091.png
Quelle: Vortrag von Jörn Loviscach, Keynote auf dem E-Learning-Tag der TUM, 19. März 2015, Gesamtliste aller Videos, samt Suchfunktion:
http://www.j3L7h.de/videos.html

Technologie alleine bringt es nicht. Z.B. Videos statt Vorlesung: Erste Auswertungen zeigen, dass Flipped Classroom kombiniert mit traditionellen Klausuren im alten Stil noch nichts am Lernerfolg verändert.

Vortrag von Jörn Loviscach auf Youtube:

Technologie ist nur der Ermöglicher für Neues. Was das Neue ist, muss aktiv angegangen, entschieden und konstruiert werden:

Das Digitale muss aktiv gestaltet werden.

An erster Stelle steht schnellere, umfassendere, vielgestaltige [*] Information und sofortige Kontrolle der Lernschritte mit Quizzes. (Anm. [*]: Statt Multimedia sagen wir besser „Vielgestaltigkeit“. Es geht nicht um „Klicki-Bunti„, sondern die bessere Unterstützung, bessere Bedienung, besserer Service für die vielen heterogenen Lernwege, Bildungsbiographien, Lerntypen, Lerngewohnheiten.)

Loviscach hat folgende interessante Definition von „Blended Learning„: Blended Learning heißt in seiner Lesart Arbeitsteilung zwischen Mensch und Computer. Manches kann der Computer besser. Anderes kann der Mensch besser. Also kommt es auch den richtigen Mensch-Computer-Mix an. Hochschule 2.0 gestalten heißt demnach, diesen Mix zu optimieren. Wenn man das Gefühl hat, die Probleme wachsen einem über den Kopf, dann ist man wahrscheinlich in alten Denkmustern stecken geblieben und nutzt die neuen Chancen nicht.

An zweiter Stelle steht bereits intensivere Kollaboration: „Technology in classrooms isn’t the next step; collaborative class culture is.“ see Blog of Justin Chando, the Founder and CEO of Chalkup, a next-generation learning management system. https://chalkup.co

„Gemeinschaftliches Lernen, also das gemeinsame und zielgerichtete Lernen, Denken und Arbeiten in einer Gruppe, ist Kollaboration. Und Kollaboration ist gemeinschaftliches Lernen, da die beteiligten Personen sich in einem Prozess des Austausches und der Reflexion befinden.“ Eisfeld-Reschke, J., Kretschmer, L. M. M., & Narr, K. [2013].
Digitale Kollaboration im Kontext des Lernen – Voraussetzungen, Herausforderungen und Nutzen. Lernen in der digitalen Gesellschaft – offen, vernetzt, integrativ. Abschlussbericht, 60-66.)

Ohne Einbettung in eine gerichtete Weiterentwicklung werden die Effekte der Einzelschritte verpuffen wie bei der Braunschen Molekularbewegung: Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, hin und her. Zusätzlich ist Orientierung gefragt. Die Einbettung in Innovationsprozesse und Wertschöpfungsstrukturen ist erforderlich, um den vielen Einzelschritten eine Gesamtrichtung zu geben und aus den Einzelaktivitäten ein Gesamtergebnis zu erzielen, etwas, auf das man hinterher als Gemeinschaft stolz sein kann.

Wertschöpfungsstrukturen sind Orientierungsstrukturen.

Hochschulen müssen also drei Sprünge meistern:

  • (1.) kollaborationsbefähigende digitale Technologie im Unterricht fördern und fordern
  • (2.) Intensivierung der Kollaboration durch Digitalisierung fördern und fordern
  • (3.) Digitalen Staffellauf organisieren: Innovative Wertschöpfungsstrukturen und Wertschöpfungsprozesse entstehen nicht von alleine. Die Teilnehmer sollten mindestens wissen, dass sie an einem Staffellauf teilnehmen.

Damit sind wir beim Dreisprung der Digitalen Gestaltung:

Der Dreisprung der Digitalen Gestaltung:

Mit digitaler Technologie (1)

digital kollaborieren (2)

für digitale Wertschöpfungsprozesse (3)

In den meisten Wertschöpfungsprozessen liegt eine relativ enge Kopplung der Teilnehmer in einem gemeinsamen, getakteten Prozess vor. Die Teilnehmer müssen sich untereinander abstimmen, aufeinander verlassen und vertrauen. Die Einhaltung von Deadlines und das Liefern von Meilensteinen sind dabei erforderlich. Davon machen die getakteten MOOCs (edX, Coursera) Gebrauch.

Das Internet erlaubt aber auch Wertschöpfungsprozesse mit loser Kopplung. Harold Jarche ist der Erfinder des PKM-Dreischritts „Seek – Sense – Share“ für Personal Knowledge Mastery (PKM):
wpid-PastedGraphic1-2015-03-29-12-091.png
Quelle: http://jarche.com/2012/03/the-pkm-value-add/

Ein wichtiger Grundsatz von Harold Jauche lautet:

Es ist kein PKM,

wenn kein Mehrwert generiert wird.

Copy-Paste-Verhalten, die Krankheit der Digitalisierung, würde damit geheilt.

wpid-PastedGraphic2-2015-03-29-12-091.png
Quelle: http://jarche.com/2012/03/the-pkm-value-add/

Jane Heart wendet diese Methode mit Web 2.0-Werkzeugen wie folgt an:
wpid-1__@__PastedGraphic-2015-03-29-12-092.png
Quelle: https://www.pinterest.com/pin/332773859938845809/

Ungetaktete MOOCs sind ebenfalls lose gekoppelt. Beispiel Udacity: Als Lernender in einem Udacity-MOOC arbeitet man mit Leuten aus aller Welt zusammen, ohne sie vorher kennen gelernt und Vertrauen aufgebaut zu haben. Wenn dann ein Mitlernender aus unbekannten Gründen plötzlich weg ist, geht der Wertschöpfungsprozess trotzdem weiter.

Schließlich ist weltweite Forschung ein lose gekoppelter Wertschöpfungsprozess. Und welchen anderen Auftrag haben Universitäten, als zur Teilhabe daran zu befähigen? Das Neue unserer Zeit mit ihrer Explosion an disruptiven Technologien ist, dass man viel früher, viel leichter, in vielen kleinen Zwischenschritten daran teilhaben kann.

Die meisten Studierenden werden jedoch später nicht in der Forschung arbeiten, sondern als hochqualifizierte Wissensarbeiter am weltweiten Wertschöpfungsprozess der digitalen Innovation teilhaben, an der großen digitalen Wende. Damit schließt sich der Kreis: Das Digitale muss nicht nur in den Hochschulen aktiv gestaltet werden, sondern überall in der Gesellschaft.

Der neue Auftrag der Hochschulen lautet daher, seine Absolventen zur Teilhabe an der Gestaltung des Digitalen zu befähigen. Das können die Hochschulen am besten, indem sie im eigenen Hause damit anfangen.

Veröffentlicht unter Didaktik, Internet, Lehre, Social Media | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Der Dreissprung der Digitalen Gestaltung

Lerntheorien sind keine Theorien.

Was ist eine Theorie? Eine Theorie ist eine Menge von konsistenten Sätzen, die immer gelten, also allgemeingültig sind (Man sagt auch „Tautologien“). D.h. ein einziges Gegenbeispiel zu nur einem Satz aus einer Theorie reicht aus, um die Theorie zu kippen, d.h. zu widerlegen. Das ist ein hoher Anspruch, den die Logik an Theorien stellt. Werden Lerntheorien diesem Anspruch gerecht? Können Lerntheorien überhaupt diesem Anspruch gerecht werden? Nein, denn Menschen sind verschieden und es gibt so viel verschiedene Lernwege, -zugänge, -praktiken, -typen, dass man immer zu jeder Lerntheorie Ausnahmen und Gegenbeispiele finden kann. Lerntheorien sind daher niemals allgemeingültig und können folglich keine Theorien im strengen logischen Sinne sein.

Kurz: Lerntheorien sind keine Theorien.

Lerntheorien sind lediglich Sichtweisen, mit denen man auf den Lernprozess schauen und diesen modellieren kann. Es handelt sich um kognitive Brillen, Färbungen, Voreingenommenheiten (engl. bias) oder gar Ideologien.

In Wikipedia heißt es generell zu Lerntheorien unter dem Abschnitt „Kritik“:
Die Kritiker der Lerntheorien nennen zwei wesentliche Punkte:[3] Zum einen weisen sie darauf hin, dass Lerntheorien nur abgeschautes / nachgemachtes Verhalten erklären können. Es gebe daher keine Erklärung für neues Verhalten, also für Innovation oder Kreativität. Zusätzlich handele es sich bei der Mehrzahl der beobachteten Lernvorgänge um die Verstärkung von Leistungen, die einen Mangelzustand (z. B. Hunger oder Durst) ausgleichen sollen. Kritiker sehen das volle Potenzial des Menschen aber erst dann verwirklicht, wenn übergeordnete Motive angestrebt werden (z. B. Streben nach Selbstverwirklichung). Diese werden – so die Kritiker – bei den Lerntheorien außer Acht gelassen. Einige der Einwände werden redundant, wenn die rein lerntheoretischen Ansätze um kognitive Prozesse erweitert werden, so etwa Banduras sozial-kognitive Lerntheorie.
Der
kritische Rationalismus hält die einschlägigen Lerntheorien für schlichtweg unvollständig. Demnach besteht der eigentliche Lernprozess, den die einschlägigen Lerntheorien übersähen, in Wirklichkeit aus freier Setzung plus kritischer Prüfung. Sie beschrieben lediglich den Vorgang, durch den eine einmal so gelernte Theorie vom Bewusstsein in das Unterbewusstsein verlagert werde, so dass z.B. eine erlernte Tätigkeit unbewusst und auf Abruf ausgeführt werden könne.

„Selbstorganisiert“ und „Lernen“ (im Sinne von abgeschautem / nachgemachtem Verhalten) stehen (ab einem gewissen Schwellwert der Freiheit der Selbstorganisation) bereits im Widerspruch.

Selbstbestimmtheit ist mehr als Selbstorganisation. Bei Selbstorganisation beschränkt man das Selbstbestimmte lediglich auf das Organisatorische. D.h. Ziele werden festgeschrieben und der Lerner darf lediglich selbst organisieren, wie er das Ziel erreicht. Ob er dann dazu noch Lust hat?

Veröffentlicht unter Didaktik | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Lerntheorien sind keine Theorien.

2015 Hochschultrends

Landkarte der 2015-Hochschultrends

Bildquelle: Johnson, L., Adams Becker, S., Estrada, V., and Freeman, A. (2015). NMC Horizon Report: 2015 Higher Education Edition. Austin, Texas: The New Media Consortium. [CC BY 4.0] (vergrößern)

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für 2015 Hochschultrends